ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Elektronischer Heilberufsausweis: Der rechte Schwung fehlt noch

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Elektronischer Heilberufsausweis: Der rechte Schwung fehlt noch

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2442 / B-2113 / C-2074

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Nachfrage nach dem elektronischen Arztausweis ist gering. Der steigende Bedarf an sicherer, vertrauenswürdiger elektronischer Kommunikation könnte das jedoch ändern.

Viel war zuletzt vom neuen elektronischen Personalausweis die Rede, der seit dem 1. November 2010 den herkömmlichen Ausweis ersetzt. Er soll den Weg in die elektronische Geschäftswelt sicherer machen und ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Online-Prozesse zunehmend papiergebundene Verfahren ersetzen werden. Eine ähnliche Rolle für den Gesundheitsbereich soll künftig der elektronische Heilberufsausweis (eHBA) als Ausweis für Angehörige eines Gesundheitsberufs spielen. Im Unterschied zum neuen Personalausweis ist jeder eHBA (und damit auch der elektronische Arztausweis) bereits bei der Ausgabe mit einer qualifizierten elektronischen Signatur ausgestattet und bietet zudem die Möglichkeit der sicheren Ver- und Entschlüsselung.

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Mit Brandenburg, Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein, Sachsen und Westfalen-Lippe sind inzwischen sechs Lan­des­ärz­te­kam­mern in der Lage, den elektronischen Arztausweis (eArztausweis) auf der Basis des von der Bundes­ärzte­kammer erarbeiteten bundesweit gültigen Rahmenvertrags herauszugeben (Kasten). Mit Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Bayern werden in Kürze noch vier weitere Kammern hinzukommen. Die Ärztekammern fungieren als Herausgeber der eArztausweise und bedienen sich dabei zugelassener Zertifizierungsdiensteanbieter (ZDA), die in ihrem Auftrag die Ausweise produzieren und an die beantragenden Ärzte ausliefern. Bislang ist allerdings nur ein Unternehmen (Medisign) als ZDA zugelassen. Die organisatorisch-technischen Voraussetzungen sind somit bei vielen Kammern bereits abgeschlossen – allein an den breit nutzbaren Anwendungen hapert es immer noch. Daher ist die Zahl der ausgegebenen Ausweise ebenso wie die der laufenden Anwendungsszenarien noch sehr überschaubar.

Wesentliche Funktionen

Zwei Anwendungen sind es vor allem, in denen der eArztausweis eine wesentliche Rolle spielen soll: Er ermöglicht das rechtssichere Unterschreiben von elektronischen Dokumenten wie Arztbriefen und Befunden und gewährleistet dadurch gegenüber dem Empfänger, dass das Dokument von einem bestimmten Arzt stammt und nach der Unterschrift nicht mehr verändert wurde. Darüber hinaus dient er zur Identifizierung in der digitalen Welt, etwa als Zugangsberechtigung zu besonders geschützten Online-Daten oder -Diensten.

In Hamburg beispielsweise hat die Ärztekammer (ÄK) eArztausweise an circa 70 Ärztinnen und Ärzte ausgegeben, die im Auftrag der Behörde für Soziales, Gesundheit, Familie und Verbraucherschutz Gutachten zur Einstufung von Schwerbehinderten erstellen. Dort hatte der Landesdatenschutzbeauftragte zuvor beanstandet, dass die vom Versorgungsamt zugelassenen Gutachter sich nur mit einer „schwachen“ Authentifizierung mit Benutzernamen und Passwort im Internetportal für das Verfahren anmelden konnten. Über das Arztattribut der Ausweise wird außerdem gewährleistet, dass die gutachtlichen Stellungnahmen lediglich von approbierten Ärzten bearbeitet werden. Eine steigende Nachfrage nach den Ausweisen verzeichne man jedoch bislang nicht, meint Pressesprecherin Sandra Wilsdorf.

Auch in Sachsen hat man bereits Erfahrungen mit eArztausweisen im Krankenhausbereich gesammelt, die in Löbau-Zittau, eine der Testregionen für die elektronische Gesundheitskarte (eGK), ausgegeben wurden. Darüber hinaus gibt es aktuell ein Projekt mit der Barmer-GEK, in dem knapp 30 Radiologen die Online-Bestellung von Kontrastmitteln mittels eHBA durchführen. Hintergrund seien massive Einsparmöglichkeiten für die Krankenkasse, weil der Bestellvorgang dadurch ohne Medienbruch vonstatten gehen könne, erläuterte Kornelia Keller von der ÄK Sachsen. In Abstimmung mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen soll der Ausweis künftig auch zur sicheren Authentifizierung in geschützten internen Portalbereichen der Körperschaften sowie zum Signieren der Sammelaufstellung für die Online-Abrechnung genutzt werden – allerdings gibt es hierfür noch keinen konkreten Zeitplan.

Anreize schaffen

Ähnlich sieht es in Schleswig-Holstein, Brandenburg und Westfalen-Lippe aus. „Wir haben den Arztausweis noch nicht aktiv beworben und kämpfen mit dem ‚Katze-Schwanz-Problem‘: Der Preis für den Ausweis ist zu hoch, die Stückzahl zu niedrig, um bessere Preise erzielen zu können. Es geht nicht voran“, erklärt Thomas Althoff von der ÄK Westfalen-Lippe. Derzeit kostet der Ausweis die Ärzte 7,90 Euro monatlich, Psychotherapeuten müssen 9,90 Euro bezahlen. „Eine Förderung der Ausweise ist bei uns nicht vorgesehen“, sagt Althoff. Zudem sei es keine Pflicht, einen elektronischen Ausweis zu beantragen, denn der Papierausweis behalte weiter seine Gültigkeit. Ebenso wie in Sachsen und anderen Regionen plant die ÄK Westfalen-Lippe Althoff zufolge ein neues Portal mit abgestuften Authentifizierungsverfahren, bei dem bestimmte Inhalte, etwa der Antrag auf Weiterbildung, nur mit dem eArztausweis zugänglich sein sollen.

Erkennbares Nord-Süd-Gefälle bei der Ausgabe elektronischer Arztausweise. Foto + Grafik: Medisign
Erkennbares Nord-Süd-Gefälle bei der Ausgabe elektronischer Arztausweise. Foto + Grafik: Medisign

Einzig im Kammerbezirk Nordrhein werden bislang in größerem Stil eArztausweise ausgegeben. Dort hatte die KV bereits 2008 die Online-Abrechnung einschließlich signierter Gesamtaufstellung per eHBA mit 800 000 EUR gefördert. Zudem wurden finanzielle Anreize durch die Senkung der Verwaltungskostenumlage von 2,6 auf 2,4 Prozent für die 1 174 Projektteilnehmer geschaffen. Nach Angaben der KV kann eine Praxis, die einen Jahresumsatz mit der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung von 160 000 Euro hat, dadurch Gebühren von 320 Euro jährlich einsparen. Dagegen stehen die Aufwendungen für den Ausweis und für ein Kartenterminal von etwa 50 bis 80 Euro. Außerdem können noch Kosten durch das Softwarehaus und für den Anschluss von KV-SafeNet hinzukommen. Zurzeit rechnen circa 1 400 nordrheinische Vertragsärzte und -psychotherapeuten online und mittels eHBA mit ihrer KV ab. Durchschnittlich 50 Anträge auf einen Ausweis würden monatlich gestellt, berichtet Viktor Krön, ÄK Nordrhein. Für viele sei dabei die nach Signaturgesetz erforderliche persönliche Identifizierung eine große Hürde.

Projekt in Hessen

Eine Alternative zum bundesweiten eArztausweis erprobt derzeit die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen. Sie setzt dabei auf die Standardsignaturkarte eines akkreditierten Trustcenters, die im Unterschied zu den derzeit ausgegebenen eArztausweisen der Generation 0 bereits die Stapelsignatur beherrscht, jedoch nicht kompatibel zur eGK ist. Begründet wird der Alleingang mit der Beschlusslage zur eGK in Hessen: „Wir haben drei Beschlüsse der Delegiertenversammlung der Lan­des­ärz­te­kam­mer und zwei Beschlüsse der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KV Hessen, dass ein zur geplanten eGK kompatibler Ausweis auf der Ärzteseite nicht eingeführt werden soll – allerdings immer mit dem Hintergedanken: solange nicht die Voraussetzungen für die Ärzteschaft gebessert sind“, erklärt dazu der Vizepräsident der Kammer, Martin Leimbeck. Zudem sei die Initiative von den Ärzten selbst gekommen, die ein sicheres Kommunikationswerkzeug gefordert hätten und die technische Infrastruktur auch aus eigener Tasche bezahlen würden. An dem Projekt, in dem es um den Austausch unter anderem von Arztbriefen zwischen Klinik, Facharzt- und Hausarztpraxen geht, beteiligen sich 54 Ärzte und das Universitätsklinikum Marburg. Die Abteilung für Medizinische Informatik an der Technischen Hochschule Mittelhessen übernimmt die Evaluation.

Bleibt abzuwarten, ob der Neustart des Telematikprojekts und der Gesundheitskarte auch die Ausgabe der Arztausweise beflügeln kann, da die Startanwendungen Notfalldaten auf der eGK und eArztbrief deren Einsatz voraussetzen. Doch auch unabhängig davon wäre die breite Verfügbarkeit dieser Ausweise dringend erforderlich, um elektronische Prozesse im Gesundheitswesen voranzubringen.

Heike E. Krüger-Brand

Merkmale des neuen Arztausweises

Der elektronische Arztausweis ist ein personenbezogener Sichtausweis im Scheckkartenformat mit einem Mikroprozessorchip, der die Funktionen Authentifizierung (elektronische Identitätsprüfung), Verschlüsselung und qualifizierte elektronische Signatur gemäß Signaturgesetz bietet. Rechtlich handelt es sich um einen elektronischen Heilberufsausweis gemäß Sozialgesetzbuch V (§ 291 a Abs. 5 SGB V) und den Heilberufs- und Kammergesetzen der Länder. Den Ausweis können alle approbierten Ärzte auf Antrag erhalten. Technisch beruht die Smartcard auf der Spezifikation für elektronische Heilberufsausweise (eHBA). Ausgegeben werden derzeit eArztausweise der „Generation 0“. Diese sind mit der elektronischen Gesundheitskarte noch nicht kompatibel, können jedoch laut Auskunft des Zertifizierungsdiensteanbieters nach Ablauf der Mindestvertragslaufzeit in einem vereinfachten Antragsprozedere gegen die nächste Kartengeneration (G1) ausgetauscht werden.

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