ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Börsebius: Abrisskante

GELDANLAGE

Börsebius: Abrisskante

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2464 / B-2140 / C-2096

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) hätte ein Riesenerfolg für Europa werden können. Die deutsche Seite forderte auf dem Treffen der EU-Finanzminister Ende November, dass – spätestens ab der Jahresmitte 2013 – private Investoren bei Staatsschuldenkrisen mithaften müssen, also dann, wenn ein Land definitiv pleite ist. Und natürlich die Insolvenz beschlossen und verkündet ist. Alles in einem europäisch festgelegten Rahmen, wie es sich gehört. Ordnung muss eben sein.

All das ist eigentlich eine gnadenlose Selbstverständlichkeit. Wer sich schließlich auf fette Renditen (Irland, Portugal, Spanien, Griechenland) einlässt, muss einfach damit rechnen, dass das Wechselspiel zwischen Chance und Risiko auch für Hasardeure gilt.

So überraschend die schnelle Einigung kam, so kläglich ist deren Inhalt. Der europäische Berg kreißte, und es kam eine winzige Maus dabei heraus. Genau besehen war es aber eine hässliche Kröte. Die Deutschen setzten sich nämlich auf ganzer Linie nicht durch. Eine Mitbeteiligung privater Gläubiger könne nicht generell postuliert werden, sondern nur im Einzelfall. Wie bitte soll das gehen? Ein Land ist im Zweifel weniger pleite als ein anderes, das aber eigentlich auch finanziell am Ende ist. Sollen damit etwa die (bisherigen) Attacken der Finanzmärkte auf einzelne Staaten unterbunden werden? Vermutlich ist durch die Unsicherheit im Kleingedruckten (des ESM) genau mit dem Gegenteil zu rechnen, also, dass jetzt erst recht ausprobiert wird, wem im Zweifel der Garaus droht und wem nicht. Vertrauen schaffen sieht anders aus. Politischer Mut übrigens auch.

Anzeige

Weitaus generöser sind Europas Finanzverantwortliche aber anscheinend, wenn es darum geht, weitere Milliarden zu verjubeln. Gerüchteweise sollen die Europäische Zentralbank und die anderen Notenbanken der Eurozone den Rettungsschirm drastisch aufblähen und noch mehr Staatspapiere der Peripherie-Länder kaufen als geplant.

Die Rede ist mittlerweile von mehr als einer Billion Euro. Geplant ist offenbar, durch ein riesiges Ankaufprogramm dem Markt die Spekulationslust zu entziehen. Eine endgültige Beruhigung in Sachen Staatschuldenkrise steht anscheinend auf dem Bierdeckel der Eurolenker. Was das bringen soll, außer halt die Überschussliquidität auf dem Aktienmarkt auszuschütten, mag ziemlich offen sein.

So unfasslich lassen sich die Dinge, wenn genügend Großmannssucht vorliegt, auch regeln. Hunderte von Milliarden durch die Gegend fliegen lassen, und am Ende haftet der Steuerbürger und nicht der eigentliche Profiteur hoher Zinsen, der nicht wirklich Risiken eingeht. Das geht einfach nicht.

Gestern standen wir unmittelbar vor dem Abgrund. Gewissermaßen an der Abrisskante. Dann kam der Rettungsschirm. Heute sind wir einen großen Schritt weiter. In welcher Richtung, mag füglich offen sein.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.