ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2010Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Ärztekammer Hamburg „Wahrscheinlich wird die PID in engen Grenzen kommen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Ärztekammer Hamburg „Wahrscheinlich wird die PID in engen Grenzen kommen“

Dtsch Arztebl 2010; 107(49): A-2422 / B-2102 / C-2062

Meißner, Marc; Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Bundestag will im kommenden Jahr die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik (PID) neu regeln. Der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer im Gespräch über drei Irrtümer be- züglich der PID und mögliche künftige Einzelfallkommissionen

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juli dieses Jahres ist die Debatte über die Präimplantationsdiagnostik entbrannt, auch innerhalb der Ärzteschaft. Kommen wir noch um eine Neuregelung herum?

Montgomery: Nein. Der Bundesgerichtshof hat ja auch in seinem Urteil formuliert, dass er es für wünschenswert erachtet, dass die Position der Gesellschaft zur Präimplantationsdiagnostik rechtlich klar festgelegt wird. Der Deutsche Ärztetag hat sich 2002 gegen die Zulassung der PID ausgesprochen, dennoch erkennen wir natürlich die gesellschaftlichen Veränderungen.

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Heißt das, dass es noch vor dem nächsten Deutschen Ärztetag 2011 ein Bundes­ärzte­kammer-Votum zur PID geben wird?

Montgomery: Wir haben für Anfang des Jahres eine Vorstandssitzung vorgesehen, in der wir mit Wissenschaftlern und Ethikern das Thema diskutieren wollen. So können wir gegebenenfalls parallel zu den Beratungen im Bundestag eine Stellungnahme abgeben. Wichtig ist mir, dass der Deutsche Ärztetag intensiv über die PID diskutiert und ein abschließendes Votum abgibt.

„Ungewollt wird der genetischen Selektion die Tür geöffnet“, warnte Frank Ulrich Montgomery bereits 2000 im Deutschen Ärzteblatt vor den Folgen der PID (DÄ, Heft 18/2000).
„Ungewollt wird der genetischen Selektion die Tür geöffnet“, warnte Frank Ulrich Montgomery bereits 2000 im Deutschen Ärzteblatt vor den Folgen der PID (DÄ, Heft 18/2000).

Im Bundestag bereitet man bereits jetzt Varianten von Gesetzentwürfen vor, mit denen die PID in unterschiedlicher Art und Weise geregelt werden könnte. Für welche Variante würde die Bundes­ärzte­kammer plädieren?

Montgomery: Wie gesagt, die Beratungen stehen noch aus. Ich persönlich halte die PID für eine nicht wirklich notwendige medizinische Maßnahme. Das liegt daran, dass es drei Irrtümer in Verbindung mit der PID gibt. Der erste Irrtum ist: „Die PID liefert immer eine ganz klare Diagnose.“ Das tut sie aber in sehr vielen Fällen nicht. Ganz oft besteht eine Grauzone, ein Interpretationsspielraum, in dem meist gegen den Embryo entschieden wird. Der zweite Irrtum: „Die PID ist eine einfache und leicht durchzuführende Methode.“ Auch das ist sie nicht. Die PID setzt eine In-vitro-Fertilisation (IVF) voraus und ersetzt im Grunde genommen nur die „Tragik der Schwangerschaft auf Probe“ mit der Pränataldiagnostik und der Abtreibung. Und der dritte Irrtum: „Die Baby-take-home-Rate ist hoch.“ In Wirklichkeit aber ist die Erfolgsrate der PID sogar noch etwas niedriger als die bei der normalen IVF. In Deutschland liegt sie bei 18 bis 25 Prozent. Bei der PID beträgt sie nur zwischen 12,5 und 18 Prozent. Wenn man den Paaren also sagt, dass sie für eine Chance von lediglich 1 : 5 den ganzen Aufwand der IVF in Kauf nehmen müssen, glaube ich, dass dem einen oder anderen Paar schon Bedenken kommen. Möglicherweise sind Alternativen zum eigenen Kind denkbar, zum Beispiel eine Adoption.

Das klingt so, als würden Sie ein gesetzliches Verbot der PID präferieren.

Montgomery: Wir müssen uns die Frage stellen: Brauchen wir die PID überhaupt? Sie kommt jährlich nur bei 100 bis 120 Paaren in Betracht. Und: Muss denn der Kinderwunsch eines Paares um jeden Preis erfüllt werden? Ich vermute jedoch, dass sich der Bundestag nicht auf ein komplettes Verbot der PID einlassen wird. Wahrscheinlich werden wir eine Zulassung der PID in engen Grenzen bekommen. Ich sehe es als ethische Pflicht der Ärztekammern an, für die Einhaltung dieser Grenzen zu sorgen.

Wie sollen die Kammern das tun?

Montgomery: Da gibt es die beiden Alternativen: entweder ein festgelegter Indikationskatalog oder aber Kommissionen, die die Einzelfälle prüfen und darüber entscheiden, ähnlich den Lebendspendenkommissionen. Diese sind meine persönliche Präferenz.

Aber hätte eine solche Kommission nicht auch einen Indikationskatalog, zumindest im Hinterkopf?

„Ich bin nicht überzeugt davon, dass die Zulassung der PID der richtige Weg ist. “ Fotos: Georg J. Lopata
„Ich bin nicht überzeugt davon, dass die Zulassung der PID der richtige Weg ist. “ Fotos: Georg J. Lopata

Montgomery: Ja natürlich. In England haben wir ja längst einen Indikationskatalog. Er beginnt bei wirklich schweren monogenetischen, nicht mit dem Leben vereinbaren Krankheiten und hört inzwischen bei den Brustkrebsgenen auf. Ein solcher Katalog wird vor dem Hintergrund des wissenschaftlichen Fortschritts aber immer hinterfragt werden müssen. Deswegen halte ich Kommissionen bei der Ärztekammer, besetzt mit Ärzten, Psychologen, Theologen, Ethikern und Juristen, für besser.

Das könnte man aber auch andersherum sehen: Wenn kein Katalog festgeschrieben ist, kann die Kommission die Indikationen über die Jahre hinweg allmählich ausweiten. Vielleicht befindet sie ja mal – hypothetisch – die Selektion eines Kindes nach blauäugig und blond für richtig.

Montgomery: Ich habe immer davor gewarnt, dass PID einen selektionistischen Ansatz enthält. Deshalb ist es wichtig, die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Kommission genau festzulegen und Grenzen zu setzen. Wir müssen die Kommission verantwortungsvoll zusammensetzen. Dann ist das ein Weg, den wir gehen können.

Wo würden Sie denn diese Grenzen ansetzen?

Montgomery: Entscheidend ist für mich zunächst, dass ein Reproduktionsmediziner eine klare Anamnese zusammen mit einem Humangenetiker vorgenommen hat. Wenn es sich um eine Erkrankung handelt, die mit einem hohen Risiko verbunden ist, ein Kind zu bekommen, dessen Zustand mit dem Leben nicht vereinbar ist, dann stellt sich die Grenzfrage.

Kinder mit dem Down-Syndrom würden also nicht darunterfallen?

Montgomery: Nein, und auch Kinder mit Mukoviszidose sehe ich da nicht unbedingt. Es gibt Menschen, die heute mit dieser Erkrankung leben, und die Lebenserwartung, die ihnen bei der Geburt prophezeit worden ist, weit überschritten haben. Das ist übrigens genau das Risiko eines Katalogs: Sie müssten ihn eigentlich jedes Jahr wissenschaftlich überprüfen. Eine kompetent und verantwortungsvoll zusammengesetzte Kommission halte ich nicht nur für pragmatischer, ich halte sie auch für besser. Denn wenn wir davon überzeugt sind, dass die PID eigentlich eine verzichtbare Methode ist und sie trotzdem gesetzlich zulässig ist, dann ist es unsere Aufgabe, in diesen Kommissionen dafür zu sorgen, dass die Grenzen eng gestellt werden.

Sollte diese Kommission auch beratend tätig werden?

Montgomery: Ja, das ist genau der Punkt. Die Kommission soll sich wirklich den Einzelfall anschauen. Und auch die Beratung des Paares gewährleisten. Wir werden auch nicht Kommissionen bei allen Ärztekammern brauchen. Man muss sich immer wieder klarmachen: Wir reden hier nicht von routinemäßigen Untersuchungen, sondern von ausgewiesenen Einzelfällen.

Lässt sich durch eine begrenzte Zulassung der PID gewährleisten, dass behinderte Menschen mit einer ähnlichen Erkrankung nicht diskriminiert werden? Kann man verhindern, dass genetisch vorbelastete Eltern, die die PID nicht in Anspruch nehmen wollen, als „unverantwortlich“ hingestellt werden?

Montgomery: Diese Gefahr besteht. Sie besteht aber umso mehr, wenn es einen festgelegten Katalog gibt. Deshalb bin ich auch nicht überzeugt davon, dass die Zulassung der PID der richtige Weg ist. Aber ich glaube auch, dass die Gesellschaft und die Politik weniger Angst vor diesem Stigma haben als vor der Möglichkeit, die PID weiter zu verbieten. Die perfekte Lösung gibt es in dieser Frage nicht.

Das Gespräch führten Dr. Marc Meißner und Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann.

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