ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Börsebius: Die Abräumer

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Börsebius: Die Abräumer

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2521 / B-2189 / C-2145

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Ich bin Arzt, beziehe seit 35 Jahren das Deutsche Ärzteblatt und verfolge dort fast ebenso lang Ihre schöne Börsenkolumne; ich habe jetzt eine Frage und hoffe auf eine seriöse Antwort: Seit einiger Zeit bekomme ich – unaufgefordert – per Fax den ,Swiss Money Report‘ zugesandt; darin werden immer bestimmte Aktien angepriesen (zu einem günstigen Einsteigerkurs), die dann regelmäßig nach einigen Wochen im Kurs „explodieren“ (so jüngst bei der Aktie ,Spectral Capital Corp.‘). Was ist davon zu halten? Soll ich den Empfehlungen folgen? Wie ist die Langzeitprognose solcher Aktien?“

Solche und ähnliche Fragen erhalte ich seit einigen Wochen immer wieder. Übrigens werde ich selbst von solchen Angeboten nicht verschont. Der „Hotstock-Report“ übermittelte an mich beispielsweise dieser Tage die aufrüttelnde Information, mit welchen Aktien mir Riesengewinnchancen entgangen wären. So, so. Und damit ich derartige Chancen „nie wieder“ verpassen würde, sollte ich den intelligenten Börsenbrief „IQ.BB“ abonnieren, und das auch noch kostenlos. Nur ein paar Sekunden nach der Registrierung, wer lässt sich schon so eine Chance entgehen, kommt der heiße Tipp per E-Mail. „Wir empfehlen Ihnen die Aktie der ,Brandgeneration AG‘ (WKN A1CWW2). Erst kürzlich meldete die Gesellschaft die Übernahme des Plattenlabels Unique Army und dessen Künstlerportfolios, das uns extrem vielversprechend erscheint. Sie erhalten von uns in den nächsten Tagen alle Details über dieses extrem aussichtsreiche Unternehmen.“ Und so weiter und so weiter.

Also: Meiner Meinung nach bringen Börsenbriefe nicht viel bis gar nichts und haben in der Regel nur einen Zweck: den oder die Herausgeber reich zu machen. Ja, es gibt sicher auch ernstgemeinte und seriöse, etwa von der Direktanlagebank, aber auch dort geht es letztlich um den Absatz von Produkten, da muss man sich nichts vormachen. Es gibt in der Szene freilich auch schwatzhafte und egozentrische Schreiber, mit denen einfach ihr Größenwahn durchgeht und die denselben dann auch dem staunenden Publikum in geballten Analysen ausbreiten. Das ist zwar einigermaßen ärgerlich, aber wenigstens ist die Absicht desjenigen, der seine Begeisterung für einen Titel loswerden will, nicht ehrenrührig.

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Soweit ich das beurteilen kann, sind aber in weitaus größeren Ausmaßen Börsenpostillen oftmals so gestrickt, dass die Anleger in irgendwelche dubiose Aktien gehetzt werden sollen, mit denen sich gewisse Kreise möglicherweise vorher eingedeckt haben und auf denen der (neu)gierig gewordene Käufer dann sitzenbleibt. Mit beträchtlichem Schaden, versteht sich.

Dass Leute auf solche Abräumer hereinfallen, kommt offenbar öfter vor. Auch wenn schon der gesunde Menschenverstand vermittelt, dass derjenige, der an der Börse wirklich ahnte, mit welchen Werten dicke Kohle zu machen ist, diese Weisheit niemals anderen mitteilen würde. Weder gratis noch gegen Honorar. So einfach ist das.

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