ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Tinnitus: Einmalige Komplexität

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Tinnitus: Einmalige Komplexität

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2508 / B-2180 / C-2136

Dachale, Helmut

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Das Pfeifen oder Piepen im Ohr lässt sich weder übertönen noch überhören, so der Psychotherapeut Michael Tillmann in seinem Buch. Er begreift die Tinnitussymptomatik auch als körperlichen Widerstand gegen Entsubjektivierung in Zeiten der Globalisierung und entwickelt daraus die erste psychoanalytische Studie zu diesem Thema.

Dass der Tinnitus längst epidemische Ausmaße angenommen hat, belegt die Empirie und bestätigen Audiologen. Doch es ist eine „leise Epidemie“, wie Michael Tillmann feststellt. Ein geräuschvolles Symptom, das zermürben kann, jedoch nur allein vom Betroffenen wahrgenommen wird.

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Dabei ist die Zahl der Leidensgenossen Legion. Tillmann beruft sich in seinem Buch „Tinnitus“ auf die Deutsche Tinnitus-Liga, die aufgrund einer Studie aus dem Jahr 1998 von einer Volkskrankheit spricht – mit knapp drei Millionen Betroffenen allein hierzulande. Die aktuelle Zahl dürfte angesichts enormer Zuwachsraten wesentlich größer sein. Der Autor sieht sogar eine weltweite Zunahme der Tinnitus-symptomatik – als Folgeerscheinung des industriellen Wandels und dessen Zuspitzung, der Globalisierung. Überall sich überstürzende Veränderungen, medialisierte Gesellschaften, Bilderfluten. Letztendlich Bedingungen, meint er, denen sich Menschen zu unterwerfen haben. Die Entsprechung sei „eine intimisierte ‚Revolte‘ im Ohr“.

Michael Tillmann ist Psychoanalytiker in Bremen, dessen Praxis seit Jahren von Tinnituspatienten überlaufen wird. Und so geht es ihm vor allem um Behandlungsformen, letztendlich um die analytische Arbeit hier und heute. Genau die sei angezeigt, denn aus seiner virtuosen Verknüpfung von psychoanalytischer Theoriebildung mit gesellschafts- und kulturtheoretischen Erkenntnissen ergibt sich für ihn zwingend: Der ständige Wandel lebensweltlicher Prozesse führt zur Abtrennung, zum Verschwinden sinnlich-körperlicher Erfahrungen. Verdrängtes, Ausgeschlossenes kehrt jedoch bekanntlich wieder – „in verzerrter, verhüllter Form“. Insofern hält Tillmann den Tinnitus für ein Konversionssymptom, „eine gesellschaftliche bedingte, psychisch vermittelte Störung körperlicher Funktionsabläufe“.

Das erfordert für ihn geradezu die Ablehnung der heute üblichen Therapien wie Infusionstherapie oder akustisch-apparative Maskierung. Hier muss angemerkt werden, dass er sich nahezu ausschließlich mit dem chronischen subjektiven Tinnitus aurium beschäftigt. Objektive Ohrgeräusche, denen echte physikalische Schallschwingungen zugrunde liegen (Knall- oder Lärmtrauma), sind laut Tillmann selten und tragen demnach wenig zum epidemischen Ausmaß der eigentlichen Tinnitussymptomatik bei.

Tillmann plädiert eindrucksvoll dafür, den Tinnitus als Botschaft zu erkennen und zu entschlüsseln, die leidvolle Körpersprache zu übersetzen. Er schlägt einen „kreativen psychoanalytischen Prozess“ vor, damit „das Verlorene, das Subjektive, das innere Objekt wiedergefunden werden kann“. Damit hat seine Studie, die auf seiner Dissertation basiert, eine klare Ausrichtung. Doch seine weitgespannten theoretischen wie klinisch-empirischen Untersuchungen bereiten das Thema Tinnitus wohl in einer einmaligen Komplexität auf. Eine Arbeit, die ein epidemisches Phänomen neu und gründlich erklärt und damit die Perspektive einer erfolgversprechenden Behandlung eröffnen könnte. Helmut Dachale

Michael Tillmann: Tinnitus. Gesellschaftliche Dimension, Psychodynamik, Behandlungskonzepte. Psychosozial-Verlag, Gießen 2010, 220 Seiten, 24,90 Euro

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