ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Schach: Heldenlieder und Totengesänge

SCHLUSSPUNKT

Schach: Heldenlieder und Totengesänge

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): [84]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Wie der einstige deutsche Weltklassespieler Dr. Robert Hübner, der sogar aus dem Finnischen, dieser ungemein schwierigen Sprache mit ihren 16 Deklinationen, ins Deutsche übersetzte, ist Dr. med. Wilhelm Burow tief in die finnische Kultur eingetaucht. Als ich nun einmal das mich sehr beeindruckende Bild vom „Hecht, der in den Baum stieg und sang“ aus dem finnischen Nationalepos Kalevala beschwor, schenkte er mir just dieses mit der Widmung: „Im Schachspiel ist es wie im Kalevala-Epos: Heldenlieder und Totengesänge stehen unmittelbar nebeneinander.“

In der Tat. Man schaue nur zum Schau- und Kampfplatz „Deutsches Ärzteschachturnier“, als Dr. med. Tsvetomir Loukanov in einer dramatischen Partie den bis dahin Führenden, Prof. Dr. med. Peter Krauseneck, mit einem herrlichen Damenopfer besiegte und sich selbst so „das schönste Wochenende des Jahres“ bescherte. Oder Dr. med. Erik Allgaier mit einer Dame mehr und einer weiteren Dame in statu nascendi, sprich einem Freibauern unmittelbar vor der Umwandlung, kurz vor dem Mattgeben die Zeit überschritt; wenigstens war es noch remis, weil der Gegner mit dem nackten König nicht mehr mattsetzen konnte. Oder ein Kollege mit Turm, Läufer und drei Bauern mehr den gegnerischen König mitten auf dem Schachbrett pattsetzte und angesichts des Malheurs aus allen Wolken fiel und ihm nicht mehr nach Singen, schon gar nicht auf einem Baum, zumute war. Oder ein Kollege in einer völlig gewonnenen Stellung, seiner selbst ganz gewiss, „mattsetzte“. Doch dummerweise war’s kein Matt, vielmehr ein entscheidender Fehler, bei dem der „unkooperative“ Gegner keiner „folie à deux“ anheimfiel, sondern schlichtweg nun selbst gewann.

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Und viele Dramen mehr. Aber kommen Sie doch selber zum nächsten Ärzteturnier, um solche zu erleiden . . . oder zu genießen!

Einer, der diese Gefühlsbäder (oder „Angstlust“ gemäß der Psychoanalyse) von Anfang an, sprich nun schon zum 18. Mal, sucht, ist Dr. med. Matias Jolowicz. Und da der stellvertretende Chefredakteur des Deutschen Ärzteblatts, Josef Maus, unbeirrt und stets von neuem frohgemut auf ihn wettet, überwiegt offenbar bei Dr. Jolowicz die Genussseite.

Gegen Dr. med. Jan Kröger – stets einer der Besten – gewann er als Schwarzer am Zug dieses Bauernendspiel lehrbuchreif mit einem Durchbruch und dem Motiv des „entfernten Freibauern“. Wie kam’s?

Lösung:

Der Schlüsselzug war der mutige Vorstoß 1. . . . f4! Nach 2. gxf4 (2. hxg5 scheitert an 2. . . . fxg3 3. gxh6 g2 4. h7 g1D+ – die neu entstandene Dame gibt Schach und fängt den weißen Freibauern h7 gerade noch rechtzeitig ab) gxh4! entstand der berühmt-berüchtigte entfernte Freibauer, ein Alptraum jedes Königs. Weiter ging’s mit 3. Ke4 h3 4. Kf3 Kf5 5. c5 h2! 6. Kg2 Kxf4 7. a4 Ke5 8. a5 Kd5.

Weiß gab auf, weil der schwarze König die weißen Bauern abpflückt, auch bei der listigen Verteidigung 9. a6! bxa6 10. Kxh2 a5! 11. bxa5 Kxc5 und der letztlich verbleibende a-Bauer läuft zu einer neuen Dame, während der weiße König sich erst des schwarzen h-Bauern annehmen muss.

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