ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Psychotherapie bei Anorexia Nervosa: Niedrige Rezidivrate bei familienbasierter Therapie

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Psychotherapie bei Anorexia Nervosa: Niedrige Rezidivrate bei familienbasierter Therapie

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2503 / B-2175 / C-2131

Gulden, Josef

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Verschiedene Formen der individuellen Behandlung und der Familientherapie werden bei Anorexia nervosa angewendet, ohne dass diese bislang systematisch evaluiert worden wären. Kleinere Studien mit positiven Ergebnissen gibt es für eine auf Heranwachsende fokussierte individuelle Therapie (adolescent-focused individual therapy, AFT) sowie für eine familienbasierte Therapie (FBT). AFT setzt vor allem auf Stärkung von Autonomie, Selbstvertrauen, Individuation und Selbstbewusstsein und schließt Elterntreffen ein, während FBT vor allem auf das Erreichen des Zielkörpergewichts mit Unterstützung der Eltern und die Verbesserung der Funktion der Familie abstellt.

In einer randomisierten Studie verglichen US-amerikanische Psychiater und Verhaltenstherapeuten beide Verfahren bei 121 Teilnehmern (12 bis 18 Jahre alt) mit einer Anorexie nach DSM-IV (nur eine Amenorrhö war nicht zwingend gefordert). Sie erhielten über ein Jahr insgesamt 24 Stunden ambulante Behandlung nach einer der beiden Methoden. Primärer Endpunkt war der Anteil an Komplettremissionen (≥ 95 % des geschlechts-, alters- und körpergrößenabhängigen Normalgewichts plus eine Abweichung von höchstens einer Standardabweichung im globalen Score der Eating Disorder Examination). Ein sekundärer Endpunkt waren mindestens partielle Remissionen (> 85 % Normgewicht).

Gegen Ende der einjährigen Behandlungsdauer waren 42 % der Patienten in der FBT-Gruppe und 23 % von ihnen in der AFT-Gruppe in kompletter Remission. In einem „Mixed effects“-Modell war dieser Unterschied statistisch nicht ganz signifikant (p = 0,055), wohl jedoch nach 6 Monaten (40 vs. 18 %, p = 0,03) und nach einem Jahr (49 vs. 23 %, p = 0,02). Die number needed to treat (NNT) für FBT lag zu diesen beiden Zeitpunkten bei 5 bzw. 4. Bei den Remissionen (mindestens partiell) war die FBT am Ende der Therapie signifikant überlegen (89 vs. 67 %, p = 0,02, NNT = 5), nicht aber ein halbes und ein Jahr später. Die Rezidivrate ein Jahr nach Vollremission war in der FBT-Gruppe mit 10 % ausgesprochen niedrig, in der AFT-Gruppe lag sie bei 40 %.

Fazit: Die Ergebnisse, teilten die Autoren mit, favorisierten die familienbasierte Therapie bei Heranwachsenden mit Anorexie, auch wegen der sehr niedrigen Rezidivrate. Die individuelle Behandlung sei aber für Familien, die sich damit wohler fühlten, eine ebenfalls praktikable Alternative. Josef Gulden

Lock J et al.: Randomized clinical trial comparing family-based treatment with adolescent-focused individual therapy for adolescents with anorexia nervosa. Arch Gen Psychiatry 2010; 67: 1025–32.

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