ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Psychische Erkrankungen im Spitzensport: Ein Umdenken setzt ein

THEMEN DER ZEIT

Psychische Erkrankungen im Spitzensport: Ein Umdenken setzt ein

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2498 / B-2165 / C-2121

Bühring, Petra

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Der 32-jährige Nationaltorwart Robert Enke nahm sich am 10. November 2009 das Leben. Foto: picture-alliance
Der 32-jährige Nationaltorwart Robert Enke nahm sich am 10. November 2009 das Leben. Foto: picture-alliance

Psychische Erkrankungen sind bei Spitzensportlern ebenso häufig wie in der Normalbevölkerung. Das Thema wurde von der Fachwelt lange unterschätzt. Die Lücke soll mit der fachlichen Plattform „Sportpsychiatrie“ geschlossen werden.

Ein trauriges Ereignis – der Suizid des Torwarts Robert Enke vor mehr als einem Jahr – scheint zu einem Umdenken zu führen. Erstens: Die Sportwelt erkennt an, dass Spitzensportler auch psychisch krank werden können. Besonders häufig sind Depressionen, Essstörungen und Angsterkrankungen, während man psychotische Störungen und Suchterkrankungen selten findet. Zweitens: Die besondere Stigmatisierung psychisch kranker Spitzensportler weicht auf. Beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) betonte Präsident Prof. Dr. med. Frank Schneider, dass Spitzensportler heute viel leichter sagen können: „Ich war depressiv.“

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Ob sie diesen Satz auch im Präsens aussprechen würden, ist fraglich. Denn die Austauschbarkeit von einzelnen Personen bei sportlichen Misserfolgen ist Teil des Systems Spitzensport. Und dass eine unbehandelte Depression zu Leistungseinbußen führt, liegt nahe. Schneider, der an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Aachen arbeitet, berichtet von deutlich mehr Besuchen hilfesuchender Spitzensportler in seiner Klinik als noch im Jahr zuvor – Prominente, die seiner Meinung nach ganz bewusst eine Therapie in der abgelegenen Grenzstadt suchen, um nicht erkannt zu werden. Behandlungsbedürftige seelische Erkrankungen müssen nicht das Ende einer Karriere im Leistungssport bedeuten. Die verfügbaren Behandlungsberichte zeigten größtenteils das Gegenteil, betont Dr. med. Valentin Z. Markser, der Robert Enke psychotherapeutisch betreut hat

Der Kölner Facharzt für Psychosomatische Medizin engagiert sich jetzt im neuen Referat „Sportpsychiatrie“ der DGPPN, dessen Aufbau angestoßen wurde durch den Diskussionsprozess nach Enkes Tod. In der Fachwelt ist danach vor allem deutlich geworden, dass psychische Erkrankungen bei Spitzensportlern bislang kein Thema waren. Diese Lücke soll nun mit der neuen Plattform für fachlichen Austausch geschlossen werden: Grundlagenforschung, Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen im Sport, Fortbildung von Trainern und Vereinen sind die Ziele des Fachreferats. Es soll auch eine Koordinierungsstelle aufgebaut werden, die Sportlern niedrigschwellige Hilfe vermitteln kann. Dies erscheint nötig trotz der Präsenz von Sportpsychologen, die den meisten Trainerteams inzwischen angehören. Doch die Nähe zum Verein macht sie gerade nicht zur Vertrauensperson für betroffene Sportler. Ihre Aufgabe ist es, zu motivieren und die Leistung zu optimieren. Sie haben weder den Anspruch noch die Ausbildung, therapeutisch tätig zu sein.

Sportler brauchen Psychiater und Psychotherapeuten, die sich mit den extremen körperlichen und seelischen Beanspruchungen im Leistungssport auskennen. So könne es etwa sein, dass Leistungssportler ihre Stimmung lange falsch einschätzten, sagt Markser. Der Arzt muss sich mit den Antidoping-Richtlinien auskennen. Das Overtrainingssyndrom muss bekannt sein oder das vielfach erhöhte Auftreten von Essstörungen in den ästhetischen Sportarten. Vieles muss noch erforscht werden, doch eines ist inzwischen klar: Die Selektionshypothese, wonach es im Leistungssport keine psychischen Erkrankungen geben kann, weil sich nur mental starke Athleten durchsetzen, ist nicht mehr haltbar.

Petra Bühring

Robert-enke-stiftung

„Wir wollen ein Netzwerk aufbauen, an das sich Spieler vertrauensvoll wenden können.“ So beschreibt Geschäftsführer Jan Baßler das wesentliche Ziel der Robert-Enke-Stiftung, die nach dem am 10. November 2009 durch Suizid gestorbenen Torwart benannt ist. Die Stiftung wurde im Januar 2010 durch den Deutschen Fußballbund, den Ligaverband und Hannover 96 ins Leben gerufen. Vorstandsvorsitzende ist Teresa Enke, die Witwe des Fußballspielers. Die Stiftung will die Aufklärung, Erforschung und Behandlung der Krankheit Depression befördern. Außerdem wird sie sich für an Herzkrankheiten leidende Kinder engagieren. Die kleine Tochter der Enkes starb 2006 an einer Herzkrankheit. Die Stiftung arbeitet zusammen mit dem „Bündnis gegen Depression“ und der DGPPN. Der Aufbau des DGPPN-Fachreferats „Sportpsychiatrie“ wird finanziell durch die Stiftung unterstützt.

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