ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Interview mit Dr. med. Andreas Köhler und Dr. med. Carl-Heinz Müller, KBV-Vorstände „Kodieren, damit die Morbidität in Zukunft voll durchschlägt“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Andreas Köhler und Dr. med. Carl-Heinz Müller, KBV-Vorstände „Kodieren, damit die Morbidität in Zukunft voll durchschlägt“

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2488 / B-2162 / C-2118

Maus, Josef; Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die KBV-Vorstände im Gespräch zum Ärger um die Ambulanten Kodierrichtlinien, zu Nachbesserungen für Hausärzte und zur Bedeutung guter EDV-Lösungen

Herr Dr. Köhler, Herr Dr. Müller, viele Ärzte bezweifeln, dass die Einführung der Ambulanten Kodierrichtlinien (AKR) zum 1. Januar 2011 wirklich notwendig ist. Was sagen Sie diesen Kollegen?

„Die Softwarehäuser müssen die Unterstützungsfunktionen anwenderfreundlicher gestalten“, fordert Andreas Köhler.
„Die Softwarehäuser müssen die Unterstützungsfunktionen anwenderfreundlicher gestalten“, fordert Andreas Köhler.
Anzeige

Köhler: Das Finanzierungssystem der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung wird immer stärker auf die versichertenspezifische Krankheitslast ausgerichtet. Es werden bereits 70 Milliarden Euro pro Jahr aus dem Gesundheitsfonds entsprechend der Morbidität der Versicherten an die Krankenkassen verteilt. Neben stationären Diagnosen und Arzneimittelverordnungen spielen ambulante Diagnosen eine entscheidende Rolle. Dass sie weiterhin als qualitativ zu schlecht von den Kassen eingestuft werden und vielleicht sogar irgendwann für die Zuweisungen nach Morbidität keine Rolle mehr spielen sollen, müssen wir verhindern. Sonst werden die Kassen bald versuchen, im ambulanten Bereich zu sparen.

Es geht also darum, das Honorar aufgrund der veränderten Krankheitslast zu erhöhen?

Köhler: Diese gesetzliche Vorgabe soll von 2013 an wieder gelten. Für die Jahre 2009, 2010 und 2011 ist es der KBV in den Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen nicht gelungen, die Morbiditätsrate zu 100 Prozent geltend zu machen. Stattdessen beruht ein Teil der Gesamthonorarsteigerungen auf der demografischen Entwicklung, deren Veränderungsrate allerdings viel niedriger ist. Die Qualität der Abrechnungsdiagnosen gilt als zu schlecht, und das leider zu Recht. Deshalb müssen die Ärzte auf Basis der AKR kodieren, damit die Morbidität in Zukunft voll durchschlägt. Auch für eine faire Bereinigung des Kollektivvertrags zugunsten von Selektivverträgen sind gute Abrechnungsdiagnosen wichtig.

Viele Ärzte bezweifeln, dass der Morbiditätsbezug beim Gesamthonorar nur für zwei Jahre ausgesetzt wird.

Köhler: Ich teile diese Zweifel nicht. Wir müssen angesichts einer älter werdenden Bevölkerung die Morbidität realistisch berücksichtigen können, sonst wird das Honorar der Vertragsärzte und -psychotherapeuten quasi durch die steigende Krankheitslast aufgezehrt.

„Fehler in der Kodierung wirken sich erst nach der Übergangsphase auf die Abrechnung aus“, erläutert Dr. med. Carl- Heinz Müller. Fotos: Svea Pietschmann
„Fehler in der Kodierung wirken sich erst nach der Übergangsphase auf die Abrechnung aus“, erläutert Dr. med. Carl- Heinz Müller. Fotos: Svea Pietschmann

Müller: Die Ärzte sind im Jahr 2006 auf die Straße gegangen, damit die Grundlohnsummenanbindung des ärztlichen Honorars und damit die Unterfinanzierung beendet wird. Die Morbiditätsentwicklung zu dokumentieren und in Verhandlungen mit den Kassen einzubringen, ist der einzig richtige Weg für die Zukunft.

Was bringt die Übergangsphase von einem halben Jahr?

Köhler: Zeit für weitere Schulungen und Informationen. Vor allem müssen die Softwarehäuser die Unterstützungsfunktionen zum Kodieren in der Abrechnungssoftware noch anwenderfreundlicher gestalten. Das ist entscheidend, um den Aufwand überschaubar zu halten.

Müller: Das erste Quartal eines Jahres ist häufig wegen der typischen Erkrankungen in der Winterzeit sehr arbeitsintensiv. Nun können die Ärzte auf die neuen Kodierrichtlinien umsteigen, wenn es etwas ruhiger geworden ist.

Vor allem Hausärzte finden die AKR wenig praktikabel. Wie weit ist die KBV mit Verbesserungen gekommen?

Müller: Das Problem sind nicht die neuen Kodierrichtlinien, sondern der ICD-10-GM. Die Behandlungsanlässe in der hausärztlichen Versorgung sind sehr vielfältig und lassen sich meist nicht einer einzigen Diagnose zuordnen. Deswegen belastet der unübersichtliche ICD-10-GM die Hausärzte besonders. Um kurzfristig Lösungen zu entwickeln, wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Sie ist zwar zu dem Ergebnis gelangt, dass man die ICD-10-GM für Hausärzte beibehalten sollte . . .

. . . aber ?

Müller: Aber es ist möglich, den Hausärzten eine Auswahl von Kodes zur Verfügung zu stellen, die das Kodieren für die Mehrzahl der Behandlungsfälle erleichtern. Hierfür können sie die Systematik der sogenannten ICPC2-Kodes nutzen. Wo dies nicht mit bestehenden ICD-Schlüsselnummern möglich ist, muss die ICD-10-GM weiterentwickelt werden. Ziel ist es auf jeden Fall, dass die Hausärzte die vorgeschlagene Lösung noch vor dem Ende der Übergangsphase erproben können.

An welchen Verbesserungen arbeitet die KBV noch?

Köhler: Ein wichtiger Kritikpunkt, auch in der Testphase in Bayern, war der Umgang mit Dauerdiagnosen bei chronischen Krankheiten. Wir arbeiten da an einer technischen Änderung für eine bessere EDV-Handhabung.

Stimmt es, dass eine fehlerhafte Kodierung die Abrechnung blockiert?

Müller: Fehler in der Kodierung, wenn die abgerechnete EBM-Position zwingend einen bestimmten ICD-Kode voraussetzt, wirken sich erst nach der Übergangsphase auf die Abrechnung aus. Aber auch dann wird nicht die komplette Abrechnung verweigert.

Das Interview führten Josef Maus
und Sabine Rieser.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews