ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Kindergesundheit: Armut macht Kinder krank

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Kindergesundheit: Armut macht Kinder krank

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2484 / B-2159 / C-2115

Cloes, Rasmus

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Das Begrüßungspaket „Willkommen im Leben“ dient dazu, Eltern, die in schwierige Lebensverhältnisse geraten sind, über Hilfen zu informieren. Foto: Stadt Dormagen
Das Begrüßungspaket „Willkommen im Leben“ dient dazu, Eltern, die in schwierige Lebensverhältnisse geraten sind, über Hilfen zu informieren. Foto: Stadt Dormagen

Kein warmes Mittagessen, keine neuen Kleider, kaum Chancen in der Schule: Armut schadet Kindern und macht sie krank. Auf dem 16. Kongress „Armut und Gesundheit“ diskutierten Experten, wie ihnen geholfen werden kann.

Der Einfluss von Armut auf die Gesundheit macht sich schon bei der Geburt bemerkbar. Sind die Eltern arm und haben einen niedrigen Bildungsstand, wiegt das Kind im Durchschnitt weniger, als wenn es wohlhabende Eltern hätte.

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Das niedrigere Geburtsgewicht ist nur der Anfang einer langen Reihe von Ungleichheiten. Studien aus verschiedenen Ländern zeigen: In reichen wie in armen Gesellschaften sind Unterschichtkinder schlechter ernährt, verletzen sich öfter, haben häufiger Infekte und stärker Karies als ihre Altersgenossen aus Familien mit mehr Geld.

In Deutschland sind 16 Prozent der Kinder von Armut betroffen. Das geht aus dem UNICEF-Bericht „Zur Lage der Kinder in Deutschland 2010“ hervor. Auf dem Kongress „Armut und Gesundheit“, der Anfang Dezember in Berlin stattfand, wurde darüber diskutiert, wie die Gesundheit armer Kinder zu schützen und zu fördern sei. „Es braucht ein Gesamtkonzept, das Aktivitäten auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene bündelt“, forderte Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Nur dann sei eine übergreifende Versorgung möglich und könnten Kinder aller Schichten gesund aufwachsen.

Prof. Dr. Raimund Geene von der Hochschule Magdeburg-Stendal präsentierte ein funktionierendes Beispiel für sinnvolle Kooperation beim Kinderschutz: das „Netzwerk Frühe Förderung“ der nordrhein-westfälischen Stadt Dormagen. Seit 1996 bemüht sich die Kommune, Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung zu vermeiden. Ein neueres Modul des Familiennetzwerks ist das Babybegrüßungspaket „Willkommen im Leben“. Es dient auch dazu, Eltern, die durch Armut, Trennung oder andere Umstände in schwierige Lebensverhältnisse geraten sind, offensiv über Hilfen zu informieren. So gehört zum Paket ein „Elternbegleitbuch“, das über die neue Lebenssituation informiert. Darüber hinaus sind beispielsweise Informationen über Betreuungsplätze für Kinder und Hilfen für ausländische Familien, aber auch Gutscheine für städtische Einrichtungen enthalten. „Viele Probleme entstehen, weil sich Eltern alleingelassen fühlen und über ihrer Situation verzweifeln“, sagte Geene. Dies solle durch die Angebote des Netzwerks verhindert werden. Beraten lassen können sich Eltern in Familienzentren und Elternschulen, finanziell werden sie etwa durch einen Familienpass unterstützt, mit dem Kultur-, Freizeit- und Familienangebote günstiger besucht werden können, und entlastet werden sie etwa durch einen garantierten Betreuungsplatz.

Den Schutz von Kindern vor Vernachlässigung und Misshandlung zu verbessern, ist die Aufgabe des 2007 gegründeten Nationalen Zentrums Frühe Hilfen. Während des Kongresses stellten Mitarbeiter des Netzwerks die Ergebnisse ihres Forschungsprojekts „Aus Fehlern lernen – Qualitätsmanagement im Kinderschutz“ vor. Im Rahmen dieses Projekts wurden Kinderschutzmaßnahmen von 42 Kommunen geprüft. Ziel war es, die „Abläufe zwischen Jugendämtern, Gesundheitsdiensten, freien Trägern, Kliniken, Familiengerichten, Polizei und anderen Akteuren auf ihre Effekte hin zu analysieren“, erläuterte Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts.

Um die Qualität der Kinderschutzmaßnahmen zu verbessern, müsse daran gearbeitet werden, die föderalen Strukturen aufzubrechen. So sei es wichtig, Fälle und Probleme auch über die Grenzen von Kommunen hinaus bekanntzumachen. Dann könne man auch aus den Erfahrungen anderer Kommunen lernen. Rauschenbach regte als ein Ergebnis der Auswertung an, dass Jugendämter verstärkt Fortbildungen für Ärzte, Polizisten und Lehrer anbieten sollten. Kommunen müssten zudem ein systematisches Rückmelde- und Beschwerdemanagement im Kinderschutz entwickeln.

Als großes Problem gilt im Kinderschutz, dass die Fallzahlen steigen, der Bereich jedoch unter Personalmangel leidet. Für hilfreiche Projekte braucht man jedoch Geld. Das ist nach der Finanzkrise knapp, und so stehen viele sinnvolle Initiativen vor dem Ende. Dadurch halten Erfolge aber auch nicht an.

Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Soziale Stadt“, das die Arbeit von Quartiersmanagern in sozial schwierigen Stadtvierteln unterstützt: Sprachförderung, Jugendarbeit, Gewaltprävention, Stadtteilmütter. Statt bundesweit 95 Millionen Euro wie im Jahr 2010 stehen 2011 nur noch knapp 30 Millionen Euro dafür zur Verfügung.

Rasmus Cloes

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