ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2010Psychiatriegeschichte: Medizinisch legitimierte Ausgrenzung

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Psychiatriegeschichte: Medizinisch legitimierte Ausgrenzung

Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2508 / B-2180 / C-2136

Goddemeier, Christof

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Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schrieben vor allem Psychiater die Geschichte der Psychiatrie – als Fortschrittsgeschichte eines Fachs, das psychische Erkrankungen zu unterscheiden lernte, für manche Krankheiten ursächliche Erklärungen anbot und zu immer differenzierteren Therapien fand. Erst Michel Foucaults und Klaus Dörners Studien zur Psychiatriegeschichte, beide 1969 in Deutschland erschienen, verabschiedeten sich von dieser Sicht und zeigten, wie die Psychiatrie als Produkt der bürgerlichen Gesellschaft deren Normen durch medizinisch legitimierte Ausgrenzung des Wahnsinns bestätigen sollte.

Die Autorin, Historikerin an der Universität Freiburg, beschreibt die „Geschichte des Wahnsinns und der Sorge um die Irren“ (P. Bartlett) nicht einfach als Zweig der Medizingeschichte. Vielmehr trägt sie dem Umstand Rechnung, dass die Aneignung des Wahnsinns durch die Medizin ungefähr 400 Jahre dauerte und eine Vielzahl von Konflikten mit dem Recht, der Polizei, Religion und öffentlichen Meinung mit sich brachte. Zwei Kapitel behandeln Anstaltspsychiatrie und Krankenmord im Nationalsozialismus. Vorschläge zur Lösung aktueller Probleme der Psychiatrie bietet das Buch ausdrücklich nicht.

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1860 fiel die Entscheidung, psychisch Kranke in Anstalten zu behandeln und diese landesweit auszubauen. Wilhelm Griesingers Absage an die Anstalt als einzigen Ort psychiatrischer Fürsorge und Behandlung und seine Vision freierer Verpflegungsformen wurde 1868 von den meisten Psychiatern als „schwieriges, gefährliches Experiment“ abgelehnt. Der lange Untersuchungszeitraum bis 1980 ermöglicht, das fast durchgängig heikle Verhältnis von Psychiatrie und Öffentlichkeit genau in den Blick zu nehmen. Stereotypien treten zutage, mit denen die jeweils aktuelle Psychiatrie sich zu ihrer Vergangenheit und zu ihrer erwarteten Zukunft verhielt: „entschiedene Abgrenzung“ sowie die Aussicht, endlich ein der somatischen Medizin ebenbürtiges Fach zu werden. Es wird deutlich, dass die Reformbewegungen der 1970er Jahre Fragen beantworteten, die schon 100 Jahre vorher gestellt worden waren, aber auch, dass extramurale Versorgungsformen nicht für alle Kranken zu Verbesserungen geführt haben.

In den Kontroversen zwischen Psychiatrie und „Teilöffentlichkeiten“ hat Brink zufolge jede Position „ihre eigene Plausibilität“. Ihre Analyse wahrt gegenüber der Ärzteschaft, Juristen und Vertretern der Öffentlichkeit gleichermaßen Distanz. Brink schreibt flüssig und auch für Laien gut lesbar. Bei der Fülle interessanter Details würde dem Buch ein Register guttun. Christof Goddemeier

Cornelia Brink: Grenzen der Anstalt. Psychiatrie und Gesellschaft in Deutschland 1860–1980. Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Band 20. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, 552 Seiten, gebunden, 46 Euro

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