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Auffällig ist die rückläufige Diagnosestellung im untersuchten 7-Jahreszeitraum für die Altersgruppe 0 bis 5 Jahre (gesamt minus 41), während es in allen anderen Altersgruppen einen nahezu exponenziellen Anstieg gibt (1). Das kann nicht sein, wenn denn ADHS eine genetisch determinierte Erkrankung sein soll. Sie beginnt im Säuglingsalter! Der Zusammenhang mit entsprechend vermehrter Methylphenidat(MPH)-Verordnung ist evident, es ist ein Hinweis darauf , dass die Diagnose ADHS invers, also falsch, über die Wirkung des Medikaments gestellt wird. Zum Thema „Neuro-Enhancement“ ist zu sagen, dass von den Autoren zu vorsichtig angenommen wird, MPH komme nicht indikationsgerecht zum Einsatz. Dies war schon immer so, weil die Diagnosestellung unscharf, dass heißt phänomenologisch erfolgt und mit subjektiven Interpretationen behaftet ist.

Zu meiner 35-jährigen Erfahrung mit ADHS gehört:

Anfang der 1970er Jahre war in Deutschland „das hyperkinetische Kind“ praktisch unbekannt, beim 2. Neuropädiatriekongress in Kiel 1976 (2) wurde erstmals auf einem deutschen Kongress davon berichtet. Die Differenzialdiagnose kindlicher Unruhe zu ADHS (neurotische Unruhe, vegetative Unruhe) wird heute kaum in Erwägung gezogen. Der Nestor der Stimulanzientherapie in der BRD, Dr. Eichlseder (3) aus München, wurde wegen größter Vorbehalte gegenüber Stimulanzien einfach ignoriert

Vieles weist heute daraufhin, dass mit Hilfe einer ADHS-Diagnose und konsekutiver MPH-Verordnung der Weg des geringsten Widerstandes gegangen wird. Die immer wieder geforderte multimodale Behandlung findet kaum statt, weil sie nur mühsam und zu langsam einen Erfolg zeigt. Die vielen verhaltensgestörten „ADHS-Kinder“ haben ihre Ursache im sich gewaltig verändernden sozialen und familiären Umfeld unserer Tage. Erste Arbeiten aus den USA erörtern diesen Zusammenhang.

Schlack (4) aus Bonn hat die zutreffende Metapher geliefert: viele (MPH)-Helfer springen in den reißenden Strom, um die ertrinkenden Kinder zu retten, keiner macht sich Gedanken über den Dammbruch flussaufwärts.

DOI: 10.3238/arztebl.2010.0918b

Dr. med. Joachim Börner

Adenauerring 45

49393 Lohne

E-Mail: dr.med.boerner@ewetel.net

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

1.
Schubert I, Köster I, Lehmkuhl G: The changing prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder and methylphenidate prescriptions: A study of data from a random sample of insurees of the AOK health insurance company in the german state of Hesse, 2000–2007. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(36): 615–21. VOLLTEXT
2.
Aktuelle Neuropädiatrie – 2. Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropädiatrie, Kiel Hrsg. Hermann Doose, Thieme Verlag Stuttgart 1977.
3.
Eichlseder W: Zur Behandlung konzentrationsgestörter hyperaktiver Kinder mit DL-Amphetamin. Päd Praxis 1974; 14: 109–23.
4.
Schlack HG: ADHS: eine Soziogene Epidemie? Kinderärztl Praxis Sonderheft ADHS 2004: 6–9.

1.Schubert I, Köster I, Lehmkuhl G: The changing prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder and methylphenidate prescriptions: A study of data from a random sample of insurees of the AOK health insurance company in the german state of Hesse, 2000–2007. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(36): 615–21. VOLLTEXT
2.Aktuelle Neuropädiatrie – 2. Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropädiatrie, Kiel Hrsg. Hermann Doose, Thieme Verlag Stuttgart 1977.
3.Eichlseder W: Zur Behandlung konzentrationsgestörter hyperaktiver Kinder mit DL-Amphetamin. Päd Praxis 1974; 14: 109–23.
4.Schlack HG: ADHS: eine Soziogene Epidemie? Kinderärztl Praxis Sonderheft ADHS 2004: 6–9.

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