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Wenn in Ländern wie Frankreich weniger Methylphenidat verordnet wird, so wird dies mit einer Unterdiagnostik oder der Zugehörigkeit zu einer akademischen Schicht erklärt.

Dass die Schichtzugehörigkeit wichtig ist zeigt eine neue schwedische Studie (1).

Untersucht wurden 7 960 Kinder im Alter von 6 bis 19 Jahren, die im Jahr 2006 Psychostimulanzien verordnet bekommen hatten. Sie wurden verglichen mit einer nationalen Kohorte von 1,1 Millionen Kindern.

Es stellte sich heraus, dass Kinder von

  • Eltern, die Hartz-IV-Empfänger waren, 2,3-mal
  • Müttern mit niedrigem Bildungsstatus 2,3-mal
  • allein erziehenden Eltern 1,5-mal
  • Eltern, die wegen einer psychiatrischen Erkrankung registriert waren 1,5-mal so häufig Psychostimulanzien verordnet bekommen hatten wie in der nationalen Kohorte.

Zusammen waren die genannten sozioökonomischen und psychosozialen Faktoren für 60 % der Verordnungen verantwortlich. Dass die Kinder bei den aufgezählten Belastungen in der Familie unruhig und unkonzentriert werden, verwundert nicht.

Eine unkritische Verordnung von immer höheren Tagesdosen Methylphenidat, auch in höheren Altersgruppen muss uns nachdenklich machen. Werden durch vorschnelle Verordnung von Psychostimulanzien psychosoziale Hintergrundfaktoren übersehen? Kann die neuropsychiatrische Ursachenvermutung aufrechterhalten werden?

Dass es auch anders geht zeigt eine Studie (2), die in dem Buch „ADHS-Symptome verstehen – Beziehungen verändern“ wiedergegeben wird: Von 93 Kindern, die in mindesten zehn Sitzungen kinder- und familientherapeutisch behandelt wurden, musste mindestens 6 Monate nach Abschluss der Therapie nur ein Kind vorübergehend bei einer familiären Krise Psychopharmaka einnehmen.

Die Kinder hatten in der Therapie gelernt, ihre innere Befindlichkeit mit Worten auszudrücken und konnten auf das auffällige Verhalten verzichten.

DOI: 10.3238/arztebl.2010.0919a

Dr. med. Terje Neraal

Höhenstraße 33 c

35435 Wettenberg

E-Mail: t.neraal@t-online.de

Interessenkonflikt fehlt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

1.
Hjern A, et al.: Social adversity predicts ADHD-medication in school children – a national cohort study. Acta pædiatrica 2010; 99: 920–4. MEDLINE
2.
Neraal T, Wildermuth M: ADHS: Symptome verstehen – Beziehungen verändern. Giessen: Psychosozial-Verlag 2008.
3.
Schubert I, Köster I, Lehmkuhl G: The changing prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder and methylphenidate prescriptions: A study of data from a random sample of insurees of the AOK health insurance company in the german state of Hesse, 2000–2007. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(36): 615–21. VOLLTEXT
1.Hjern A, et al.: Social adversity predicts ADHD-medication in school children – a national cohort study. Acta pædiatrica 2010; 99: 920–4. MEDLINE
2.Neraal T, Wildermuth M: ADHS: Symptome verstehen – Beziehungen verändern. Giessen: Psychosozial-Verlag 2008.
3.Schubert I, Köster I, Lehmkuhl G: The changing prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder and methylphenidate prescriptions: A study of data from a random sample of insurees of the AOK health insurance company in the german state of Hesse, 2000–2007. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(36): 615–21. VOLLTEXT

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