ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2010Medizinstudium: Die Schwester der Medizin

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Medizinstudium: Die Schwester der Medizin

Dtsch Arztebl 2010; 107(51-52): A-2591 / B-2251 / C-2207

Bohrer, Thomas; Schmidt, Michael; Rüter, Gernot; Königshausen, Johann-Heinrich

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Warum wir heute wieder ein Philosophicum brauchen

Nächstes Jahr sind es genau 150 Jahre her, dass das Philosophicum als Teil des Medizinstudiums in Preußen abgeschafft wurde. Das Philosophicum stellte eine Art ärztliche Vorprüfung dar und wurde in der Regel vom Dekan der Philosophischen Fakultät abgenommen. Ersetzt wurde es 1861 durch das Physicum. Damit wurde das Medizinstudium im Geiste der Zeit naturwissenschaftlich geprägt, medizinethische und geisteswissenschaftliche Ausbildungsinhalte rückten in den Hintergrund.

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Ärztliches Handeln beruht jedoch auf zwei Fundamenten: einerseits auf naturwissenschaftlicher Erkenntnis und technischem Können, andererseits auf Humanität, Ethik und Philosophie. Ersteres wird an der medizinischen Fakultät gelehrt, Letzteres kommt heute inzwischen oft zu kurz. Aus diesem Grund wünschen sich viele Medizinstudierende und Ärzte, gerade in Anbetracht unseres hochtechnisierten und ökonomisierten Krankenhausalltags, ein eigenes Wahlfach, das sich philosophischen Fragestellungen widmet.

Auf ausdrücklichen Wunsch von Medizinstudierenden hat die Universität Würzburg deshalb wieder ein Philosophicum eingeführt. Dieses ist als Wahlveranstaltung konzipiert, die semesterbegleitend von Humanmedizinern, Medizinethikern und Philosophen gemeinsam für Medizinstudierende aller Semester, Ärzte und weitere Interessierte veranstaltet wird.

Die ärztliche Ausbildung im Abendland beinhaltete seit Hippokrates vor mehr als 2 500 Jahren philosophische Lehre und blieb über viele Jahrhunderte fast unverändert. Gelehrte Ärzte hielten eine naturphilosophische Basis bei der Ausübung ihrer Tätigkeit für unverzichtbar. Sehr anschaulich beschreibt dies der Ausspruch von Tertullian, nach dem die Philosophie die Schwester der Medizin sei (medicina soror philosophiae; De Anima). Nach mehr als zwei Jahrtausenden setzte sich in der westlichen Hemisphäre mit der wachsenden Hinwendung zur wissenschaftlichen Beobachtung naturwissenschaftliches Denken in der Medizin durch. Es entstanden neue Fächer wie Chemie, Botanik und Physiologie. 1861 wurde das Medizinstudium in Preußen reformiert. Das „Tentamen philosophicum“ wurde durch das „Tentamen physicum“ ersetzt, das bis heute als ärztliche Vorprüfung existiert. Damit kam es zu einer kompletten Neuorientierung mit dem Primat der naturwissenschaftlichen Seite der Medizin. Geisteswissenschaftliche Fächer wurden aus dem Lehrplan herausgenommen. Etwa 100 Jahre später wurden 1970 in Deutschland wiederum mehrere neue Fächer in die Humanmedizin eingeführt: Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie, Allgemeinmedizin, Ökologie, Psychosomatik und Psychotherapie. Durch diese historische Entwicklung fehlt heute in Deutschland die Philosophie in der medizinischen Ausbildung und Praxis.

Der ärztliche Alltag in Klinik und Praxis hat sich in den letzten Jahren für viele Ärztinnen und Ärzte dramatisch und zu deren Ungunsten verändert: Neben arztfremden Aufgaben, wie dem Verschlüsseln von Diagnosen und Prozeduren, sind zunehmend administrative Aufgaben zu erledigen. Es existiert ein gewaltiger Kostendruck, der das ärztliche Handeln und die ärztliche Unabhängigkeit inzwischen erheblich beeinflusst. Dies hat erwiesenermaßen unmittelbare Auswirkungen auf das ärztliche Befinden. Neueste Studien, wie erst kürzlich in „Lancet“ veröffentlicht, legen aber nahe, dass die Lebensqualität von Ärzten auch für das Outcome der Versorgungsqualität ihrer Patienten wichtig ist und dass dies im Augenblick noch wenig Berücksichtigung im Klinik- und Praxisbetrieb findet. Diese Probleme können von der eigenen Profession allein nicht mehr gelöst werden. Einen möglichen Zugang zur Ursachenanalyse kann jedoch die Philosophie leisten.

Seminare über ärztliche Ethik werden bereits seit Jahrzehnten in Deutschland angeboten. Ethik stellt einen entscheidenden Bereich der Philosophie dar, lässt aber andere, wesentliche Teilgebiete der Philosophie außen vor, wie beispielsweise die philosophische Erkenntnistheorie, Ästhetik, Logik, Anthropologie, Sprachphilosophie oder Metaphysik. Fragen wie „Tun wir zu viel am Ende des Lebens?“, „Was stellt die Würde des Menschen dar?“ oder „Was begründet ärztliches Tun?“ erfordern häufig eine philosophische Herangehensweise in Ergänzung zu den Naturwissenschaften und der medizinischen Ethik.

Dies ist der Grund dafür, dass an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg im Sommersemester 2010 wieder ein Philosophicum ins Leben gerufen wurde. Das bestehende Vorurteil, dass Philosophie zu kompliziert und die Sache von Fachleute sei, möchte das Philosophicum dabei ausräumen. Es geht vielmehr darum, dass die Teilnehmer in Erweiterung ihres Medizinstudiums oder ihrer ärztlichen Tätigkeit Philosophie kennenlernen. Die angehenden Ärzte sollen motiviert werden, über die Welt und die Menschen sowie ihr ärztliches Tun systematisch nachzudenken, in Entsprechung zu der Auffassung des berühmten deutschen Philosophen und Arztes Karl Jaspers, der die Praxis des Arztes als konkrete Philosophie bezeichnet hat. Dies war auch Motto der letzten Veranstaltungsreihe im Sommersemester.

Inhalte des Philosophicums, das als Wahlfach angeboten wird, sind eine allgemeine und verständliche Einführung in die Philosophie und ihre Teilgebiete unter praxisrelevanter ärztlicher Perspektive. Themenbereiche sind unter anderem: Berufsethik, Fehlermanagement in der Medizin aus philosophischer Sicht, die Medientheorie und ihre Bedeutung für Mediziner und der Begriff der Menschenwürde. Das Philosophicum wurde bisher sehr positiv aufgenommen und stellt eine der wenigen Veranstaltungen unserer Universität dar, die von Studierenden aller Semester und Assistenzärzten und Oberärzten gemeinsam besucht wird.

Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Bohrer
MA Philosophie,
Klinikum Bamberg

Prof. Dr. med. Michael Schmidt,
Universitätsklinikum Würzburg

Dr. med. Gernot Rüter, Akademische Lehrpraxis der Universität Tübingen, Benningen

Prof. Dr. phil. Johann-Heinrich
Königshausen,
Institut für Philosophie der
Universität Würzburg

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