ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2010Südholland: Slow Food für die Seele

KULTUR

Südholland: Slow Food für die Seele

Dtsch Arztebl 2010; 107(51-52): A-2570

Felk, Wolfgang

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Wellness pur und gratis: Urlauber zwischen 18 und 80 genießen das Prickeln der frischen Brise auf der Haut. Fotos: Wolfgang Felk
Wellness pur und gratis: Urlauber zwischen 18 und 80 genießen das Prickeln der frischen Brise auf der Haut. Fotos: Wolfgang Felk

Die Badepioniere kamen Mitte des 19. Jahrhunderts, reiche Holländer aus dem Hinterland. Seither hat sich die Badekultur im Seebad Domburg redlich demokratisiert.

Sie sitzt immer da. Sommers wie winters. Bei Sonne, Sturm und Schnee. Bei schönem Wetter hat sie Gesellschaft von älteren Damen, die nach dem Strandspaziergang ein wenig verschnaufen wollen. Oder von umtriebigen Kindern, die ziemlich hemmungslos auf ihr herumtoben. Das macht ihr gar nichts aus, denn sie ist aus Bronze. Seit mehr als 20 Jahren sitzt sie stoisch auf einer Bank auf dem Strandboulevard von Domburg. Den Platz neben sich einladend frei gelassen für jeden, der ihre Gesellschaft und das Schauspiel des Meeres vor ihren Augen mag. Man sieht es ihr nicht an, aber sie ist eine Göttin: Nehalennia, bei den alten Germanen zuständig für alles, was mit Wasser und Fruchtbarkeit zu tun hat. Und sie sitzt nicht von ungefähr an dieser Stelle, blickt sie doch auf einen längst versunkenen Hafen, von dem aus einst die Seeleute zu den britischen Inseln aufbrachen. Nicht ohne zuvor um ihren Beistand gebeten zu haben.

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Beschützerin der Seefahrer: Ein Platz ist immer einladend frei neben der germanischen Göttin Nehalennia.
Beschützerin der Seefahrer: Ein Platz ist immer einladend frei neben der germanischen Göttin Nehalennia.

Hinter ihrem Rücken kauern hinter Deich und Dünen die niedrigen, eng aneinander geduckten Backsteinhäuser des Ortes mit ihren großen Fenstern. Die meisten Häuser waren einfache Fischerkaten, sie bekamen Mitte des 19. Jahrhunderts Konkurrenz von stolzen Villen und Pavillons mit schönen Gärten direkt hinter den Dünen. Denn da zockelten reiche Holländer aus dem Hinterland mit der neuen Dampfeisenbahn an die Küste, ließen von den Einheimischen die ersten Badekutschen anspannen und von stämmigen Kaltblütern in die Nordseefluten ziehen. Hinterher entspannte man sich bei Kaffee und Musik im neuen Badpavillon hoch in den Dünen. Das markante Gebäude mit seinen Erkern und Türmen wurde zum weithin sichtbaren Wahrzeichen der mondänen Domburger Badekultur. Und weil es den Badepionieren hier so gut gefiel, bauten sie sich bald ihre schicken Häuser hinter die Dünen, von denen einige heute als Hotels oder Ferienwohnungen gebucht werden können. Der alte Badpavillon
jedoch verfiel allmählich. Lange musste man befürchten, dass er endgültig verloren geht. Doch vor ein paar Jahren wurde er aufwendig im alten Stil wiederaufgebaut, die (zum Teil auch an Urlauber vermieteten) Luxusapartments darin gehören jetzt einem neuen diskreten Geldadel aus diversen „Hinterländern“. 

Mondän und lässig: Im 19. Jahrhundert entspannten sich die Gäste bei Kaffee und Kuchen im neuen Badepavillon (o.). Heute zählt das Radfahren zu den beliebtesten Urlaubsaktivitäten.
Mondän und lässig: Im 19. Jahrhundert entspannten sich die Gäste bei Kaffee und Kuchen im neuen Badepavillon (o.). Heute zählt das Radfahren zu den beliebtesten Urlaubsaktivitäten.

Der übrige Badebetrieb von Domburg freilich hat sich redlich demokratisiert in den letzten Jahrzehnten. Man sieht ein bunt gemischtes Publikum, Deutsche und Niederländer, die am breiten, sauberen Sandstrand und in den Straßen des Ortes flanieren, viele junge Familien, deren Kinder hier Handy und Playstation vergessen und stattdessen hingebungsvoll und unermüdlich das ewig populäre Spiel mit Wasser, Wind, Sand und Schaufel betreiben, das vermutlich auch schon zwischen den Badekarren Anno 1850 praktiziert wurde. Dazwischen Paare zwischen 18 und 80, die allesamt das Prickeln der frischen Brise auf der Haut genießen – Wellness pur und gratis – Slow Food für die Seele. Dazu gehört auch die Einkehr in einen der typischen Strandpavillons zwischen Meer und Dünen. Längs der endlosen Strände zwischen Domburg und Vlissingen im Süden und Vrouwenpolder im Nordosten taucht alle paar Hundert Meter eine solche Oase auf – Terrasse mit Meerblick inklusive. In allen gibt es „Lekkerbekje“, frisch gebackenen Fisch mit Fritten, andere entwickeln höheren gastronomischen Ehrgeiz wie das „7 Golfen“ bei Domburg oder der „Fletcher Zuiderduin Beachclub“ bei Westkapelle, die schon in Richtung hippe Lounge-Bar am Meer tendieren. Im altbewährten „Westkaap“ – mitten auf dem Deich bei Westkapelle – kann man in Sichtweite eines alten Leuchtturms allerlei Meeresgetier und dazu den spektakulärsten Sonnenuntergang an dieser Küste genießen.

Wein aus Zeeland: Hobbywinzer Simon van Keulen verkauft 1 500 Flaschen im Jahr.
Wein aus Zeeland: Hobbywinzer Simon van Keulen verkauft 1 500 Flaschen im Jahr.

Zu viel Wasser und Sand auf einmal? Ein Ausflug ins Hinterland zeigt die Vielfalt des pfannkuchenflachen Landes. Am besten mit dem „Fiets“, dem Fahrrad, das die Niederländer fast so verehren wie ihre Vorfahren die Göttin Nehalennia. Auf den gepflegten Radwegen dahinschweben ist auch ein göttlicher Genuss. Besonders schön sind die Passagen durch die dichten Dünenwälder, wo sich das Rauschen des Meeres mit dem der Blätter vermischt.

Das Meer droht ständig mit seiner Urgewalt, das Meer bringt aber auch Leben. Sorgt immer noch für den Lebensunterhalt vieler Fischer, die jedoch vielfach durch brutale Fangmethoden selbst ihre Lebensgrundlage zerstören. Viele haben das eingesehen, steigen um auf umweltfreundlichere Fangmethoden. Damit wir auch künftig noch teilhaben können am Reichtum der Meere, zum Beispiel an den Muscheln, Krabben und Austern, die in Yerseke an der Oosterschelde gezüchtet und geerntet werden. Jannis Brevet, ein mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneter Meisterkoch aus dem nahen Kruiningen, versteht es, diese köstlich zuzubereiten. Sein Hotel-Restaurant „Inter Scaldes“ ist ein Gourmettempel und lauschiger Rückzugsort für Leute, die gediegenen Luxus lieben. 

Was es im Inter Scaldes noch nicht gibt: Wein aus Zeeland. Kein Witz, den gibt es tatsächlich, allerdings nur beim Erzeuger selbst. Bei Simon van Keulen zum Beispiel. Der arbeitet bei einer Ölraffinerie in Vlissingen, auf seinem kleinen Bauernhof bei Domburg baut er Wein an. Hobbymäßig, auf dem Feld hinter dem Haus, wo normalerweise nur Kartoffeln oder Schnittblumen wachsen. 1 500 Flaschen im Jahr, die immer schnell ihre Liebhaber finden. Bei ihm kann man auch übernachten, wenn man sein eigenes Zelt oder seinen Wohnwagen mitbringt. „Minicamping“ nennt sich diese holländische Variante von Ferien auf dem Bauernhof. Wer das Meer aber auch nachts noch rauschen hören und morgens gleich in die Fluten springen möchte, der sollte sich eines der speziellen Strandhäuschen vor den Dünen mieten, die so gut ausgestattet sind wie die zahlreichen Ferienhäuser in den Dörfern am Meer. Wo man dann und wann auch wieder auf Simon van Keulen trifft. Nicht im Weinberg, sondern in einer der buckligen kleinen Wehrkirchen inmitten des Ortes. Da dirigiert und spielt er Bach und Telemann, als Leiter von „Musica Juventa“, einem Ensemble junger Musiker aus der Region. Denn auch die Musen sind seit jeher zu Hause in Domburg und Umgebung.

Deshalb sitzt auch die Göttin Nehalennia auf keiner gewöhnlichen Bank, sondern auf einer, die dem Maler Piet Mondrian gewidmet ist. Der war der Prominenteste einer Künstlergruppe, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das noch junge Seebad Domburg auch zu einem kleinen Zentrum der zeitgenössischen Malerei machte. Fasziniert vom Licht dieses Ortes und von der frischen Luft, die auch malenden Stubenhockern gut bekommt. Zu allen Jahreszeiten, auch im Winter, wenn die Nehalennia unverdrossen im Schneegestöber sitzt und zuweilen eine weiße Haube trägt wie die zeeländischen Frauen in ihrer traditionellen Sonntagstracht.

Wolfgang Felk

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