ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2010Rundreise durch die Türkei: Von Mensch zu Mensch

KULTUR

Rundreise durch die Türkei: Von Mensch zu Mensch

Dtsch Arztebl 2010; 107(51-52): A-2568

Goddemeier, Christof

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Begegnungen zwischen Istanbul und Westanatolien

Den Ramadan merkt man in einer Megastadt wie Istanbul tagsüber kaum. Zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang bekommen Reisende hier überall zu essen und zu trinken. Doch in den Caféhäusern sitzen Männer an Tischen, vor sich nichts als ihre Hände. Sie warten auf das Signal, das ihnen nach einem langen Tag erlaubt, Nahrung und Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

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Neben der Beyazit-Moschee ist ein Zelt aufgebaut, vor dem mehr als 100 Menschen Schlange stehen. Hier wird täglich nach Sonnenuntergang das Iftar(Fastenbrechen)-Essen serviert, ein einfaches Menü aus Salat, Bohnen und Reis oder Bulgur. Auf dem Platz vor der gewaltigen Süleymaniye-Moschee beeilen sich die Kellner, die Tische zu decken. Wie auf ein geheimes Zeichen drängen von allen Seiten Menschen herbei, setzen sich und essen. Eine halbe Stunde später ist der Platz wie leer gefegt. In den Grünanlagen zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee kampieren Familien. Entlang der ehemaligen Pferderennbahn reihen sich Verkaufsstände aneinander, in denen Händler lautstark Süßigkeiten und Teigwaren feilbieten.

Eine gute Stunde braucht die Fähre von Istanbul über das Marmarameer. Yalova hat außer dem Hafen und einem Busbahnhof nicht viel zu bieten. Beim großen Erdbeben 1999 wurden große Teile der Stadt zerstört. Auf der Suche nach unserem Bus treffen wir Havva. Sie ist um die 50 Jahre alt und hat den Bus nach Bursa bereits zweimal verpasst. Es ist Nachmittag und heiß. Wir setzen uns auf eine Bank im Schatten. Wenige Meter entfernt donnert der Verkehr vorbei. Havva wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seit drei Uhr ist sie auf den Beinen, vor Sonnenaufgang hat sie schnell etwas gegessen und getrunken und dann ihren Sohn zum Istanbuler Flughafen begleitet. Eigentlich sollte sie wegen ihres erhöhten Blutdrucks nicht so lange ohne Flüssigkeit sein, haben ihr die Ärzte geraten. Doch der Ramadan ist ihr wichtig, auf das Fasten will sie nicht verzichten. Auf der anderen Straßenseite hält soeben der Bus. Havva spricht gut Deutsch. Sie stammt aus Montenegro und hat viele Jahre in Deutschland gelebt, drei ihrer Kinder sind immer noch dort. Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann in einem kleinen Dorf zwischen Gemlik und Mudanya, inmitten von Olivenhainen und keine fünf Minuten vom Marmarameer entfernt. Dort gefällt es ihr, doch sie fühlt sich überall als Fremde: „Eigentlich bin ich nirgends richtig zu Haus“, sagt sie, als sie sich in Gemlik von uns verabschiedet.

Megastadt Istanbul: Im Ramadan ist der Sonnenuntergang das Zeichen zum Fastenbrechen. Tagsüber wird in den zahlreichen Straßencafés höchstens den Reisenden aufgetischt. Fotos: mauritius images
Megastadt Istanbul: Im Ramadan ist der Sonnenuntergang das Zeichen zum Fastenbrechen. Tagsüber wird in den zahlreichen Straßencafés höchstens den Reisenden aufgetischt. Fotos: mauritius images

Vor der Beyazit-Moschee in Bursa stehen ein Mann und eine Frau vor einem Stativ mit einer Filmkamera. Lächelnd geben sie uns zu verstehen, dass wir eintreten sollen. In der Moschee sind wir allein, es ist die Zeit vor dem Mittagsgebet. Draußen auf einer Bank fläzen sich vier Jungen, vielleicht 16 Jahre alt. Ob sie wegen Ramadan schulfrei haben? Sie nicken. In der Schule lernen sie Englisch, aber sie können es nicht gut, sagen sie. Ein Kleiner mit noch heller Stimme ist der Wortführer. „Where are you from?“, fragt er und dann, unvermittelt: „I love you – Ich liebe dich.“ Die anderen biegen sich vor Lachen. Im nächsten Jahr wollen sie mit ihrer Klasse nach Deutschland fahren.

Als wir am nächsten Tag vom Busbahnhof zurück in die Stadt fahren, spricht Cem mich auf Englisch an. Er ist um die 30 Jahre alt, berät Firmen bei ihrem Internetauftritt und begleitet sie zu Messen und Kongressen. Ein bisschen habe er studiert, aber das meiste habe er sich selbst beigebracht. „Das Wichtigste ist, dass ich mein Englisch verbessere“, sagt er.

In zwei Tagen ist Bayram (Zuckerfest), der dreitägige Abschluss des Fastenmonats. An Bayram besucht das ganze Land Verwandte oder nutzt die Tage für einen Kurzurlaub. Wir haben Glück und bekommen gerade noch zwei Fahrkarten für einen Bus nach Ayvalik. Nach dem Ersten Weltkrieg verließen die letzten Griechen die Stadt, die meisten siedelten auf der gegenüberliegenden Insel Lesbos. Türken aus Kreta übernahmen ihre Häuser. Einzig die Taxiyarchis-Kirche blieb als christliche Kirche erhalten, alle anderen versah man mit Minaretten und wandelte sie in Moscheen um. In der Altstadt winden sich winzige Gassen den Berg hinauf. Der Mann, der uns nahe der Kirche sein Haus zeigt, ist wie circa 25 Prozent der Türken Alevit. Diese Glaubensrichtung lehnt etwa das islamische Rechtssystem der Scharia ab. „Meine Frau muss sich nicht verschleiern, ich darf Alkohol trinken, und im Ramadan muss ich nicht fasten“, erzählt er.

Den schönsten Strand der Gegend hat der kleine Ort Badavut, von Ayvalik mit dem Bus gut zu erreichen. Von dort wandern wir am frühen Abend Richtung Norden zur „Teufelstafel“, einer Gesteinsformation, auf der man den Teufel bestechen kann, indem man ein Geldstück in einen Felsspalt wirft. Drei türkische Männer, die wir nach dem Weg fragen, entpuppen sich als Touristen im eigenen Land. Lachend erzählen sie in gutem Deutsch, dass sie seit langem in Berlin leben und einmal im Jahr in der Türkei Urlaub machen. Der Aufstieg auf den Hügel lohnt sich. Von oben haben wir eine großartige Sicht auf die zerklüftete Küste, zahllose kleine Inseln und die Sonne, die langsam hinter Lesbos versinkt.

In Pergamon führt Ali eine Pension in einem alten osmanischen Haus. Er zeigt uns alle Zimmer und erzählt von den Schwierigkeiten eines Unternehmers, der ein denkmalgeschütztes Haus wie dieses umbauen möchte. Für das Zimmer sollen wir das bezahlen, was es uns wert ist. Als wir zwei Beträge nennen, grinst er und entscheidet sich für den höheren.

Der Junge am Ortsausgang von Pergamon ist höchstens zehn Jahre alt. Verlaufen kann man sich hier nicht, der Weg führt immer geradeaus zur Akropolis. Doch der Junge will mit uns ins Geschäft kommen. Aus einer Tüte bietet er Kartoffelchips an und geht mit uns an den letzten Häusern des Ortes vorbei. Dabei weist er immer wieder nach oben und sagt „kale“ (= Festung). Hundert Meter weiter möchte er für seine Dienste fürstlich entlohnt werden. Auch wenn unser Angebot seine Forderung unterschreitet, trottet er halbwegs zufrieden zurück.

Kütahya in Westanatolien liegt circa 1 000 Meter hoch und hat etwa 200 000 Einwohner. Hier sind wir deutlich fremder als an der Küste. Als wir abseits der Hauptstraße in einem Gartencafé einen Tee trinken wollen, macht uns ein Kellner darauf aufmerksam, dass sich der „Familienbereich“ jenseits des Baches befinde. Wir stutzen – Mann und Frau bilden bereits eine Familie? Dann sehen wir, dass diesseits des Baches ausschließlich Männer an den Tischen sitzen. Abends kaufen wir ein Bier in einem Kiosk an der Lise Caddesi. Der Besitzer erzählt in fließendem Deutsch, dass er in Istanbul zum Deutschlehrer ausgebildet wurde. Doch in Deutschland sei er nie gewesen, nur einmal in Wien, 1977. Das Fußballspiel gegen Österreich hat die Türkei damals knapp verloren.

Christof Goddemeier

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