ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2010Weihnachtslied: Stille Nacht, sichtbar gemacht

KULTUR

Weihnachtslied: Stille Nacht, sichtbar gemacht

Dtsch Arztebl 2010; 107(51-52): A-2567 / B-2233 / C-2189

Spath, Stefan

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Erfolgreiche Koproduktion: Das Gedicht „Stille Nacht, Heilige Nacht“ stammt vom Hilfspriester Joseph Moor, die Musik vom Lehrer Franz Gruber. Foto: Wikipedia
Erfolgreiche Koproduktion: Das Gedicht „Stille Nacht, Heilige Nacht“ stammt vom Hilfspriester Joseph Moor, die Musik vom Lehrer Franz Gruber. Foto: Wikipedia

Das berühmteste Weihnachtslied der Welt entstand am Heiligabend des Jahres 1818. Bis heute hat es nichts von seinem Zauber verloren.

Es war am 24. Dezember des Jahres 1818, als der damalige Hilfspriester Herr Joseph Mohr bei der neu errichteten Pfarre St. Nicola in Oberndorf dem Organistendienst vertretenden Franz Gruber (damals zugleich auch Schullehrer in Arnsdorf) ein Gedicht überreichte, mit dem Ansuchen, eine hierauf passende Melodie für zwei Solostimmen samt Chor und für eine Gitarren-Begleitung schreiben zu wollen. Letztgenannter überbrachte am selben Abend noch diesem musikkundigen Geistlichen [. . .] seine einfache Komposition, welche sogleich in der Heiligen Nacht mit allgemeinem Beifall aufgeführt wurde.“ Es ist die Entstehung des wohl bekanntesten Weihnachtsliedes der Welt, über die der Komponist Franz Gruber 36 Jahre nach der Uraufführung berichtet: „Stille Nacht, Heilige Nacht“ – Mohr sang Tenor und spielte Gitarre, Gruber sang Bass. Die unübliche Gitarrenbegleitung war dem Umstand geschuldet, dass die alte Orgel der Oberndorfer Nikolaus-Kirche ihren Geist aufgegeben hatte.

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Die in wenigen Stunden komponierte Melodie eroberte die Welt. Hilfspriester Mohr hatte den Text bereits zwei Jahre zuvor zu Papier gebracht, und zwar im Lungau, im Südosten Salzburgs. Ausführlich dokumentiert wird dies im Pfarr- und Wallfahrtsmuseum in Mariapfarr, das sich zusammen mit den Gemeinden Oberndorf, Arnsdorf, Salzburg, Hallein und Wagrain zur „ARGE Stille-Nacht-Land Salzburg“ zusammengeschlossen hat. Frau Bayr, die durch das Museum führt, erzählt: „Unser Pfarrer ist davon überzeugt, dass die Textzeile vom Knaben mit lockigem Haar von dem Bild inspiriert wurde, das heute über dem Altar der Pfarrkirche hängt.“ Tatsächlich ziert das Jesuskind auf diesem Bildnis, angefertigt um 1520 von einem Meister der Donauschule, eine üppige Lockenpracht.

In Mariapfarr wurde Mohr mit der großen Armut der vom Krieg heimgesuchten Bevölkerung konfrontiert. Vor diesem Hintergrund entstand 1816 seine Botschaft der Hoffnung und des Friedens. Eine Karriere als Dichter – geschweige denn als Geistlicher – war Mohr nicht in die Wiege gelegt. 1792 kam er als uneheliches Kind der Strickerin Anna Schoiber und des desertierten Soldaten Franz Mohr in Salzburg zur Welt – als Taufpate fungierte in Ermangelung einer anderen ehrbaren Person der Scharfrichter. Doch der kleine Joseph hatte Glück. Ein Geistlicher nahm ihn unter seine Fittiche und brachte ihn ins Priesterseminar. 1815 empfing er die Priesterweihe.

Zum Weltkulturgut wurde „Stille Nacht“ auf Umwegen. Den Auftrag zur Reparatur der Oberndorfer Orgel erhielt Carl Mauracher aus Tirol. Der Orgelbauer nahm das Lied mit zurück in seine Heimat, wo es von Zillertaler Sängergruppen übernommen und in alle Welt verbreitet wurde.

Als „ächtes Tyroler Volkslied“ eroberte „Stille Nacht“ die Herzen von Katholiken und Protestanten gleichermaßen. Von 1833 an, als die erste gedruckte Version – ohne Hinweis auf Mohr und Gruber – vorlag, nahmen weitere Gruppen das etwas vereinfachte Volkslied in ihr Repertoire auf. Die ebenfalls aus dem Zillertal stammenden Rainer-Sänger sorgten für die erste verbürgte Aufführung außerhalb Europas, als sie am Weihnachtsabend 1839 in New York auftraten. Auch Missionare und Auswanderer verbreiteten das Lied. Heute zählt die Stille-Nacht-Gesellschaft Übersetzungen in mehr als 330 Sprachen und Dialekte. „Stille Nacht“ erklingt von Tonga bis Grönland in Versionen von Elvis Presley bis zu den Toten Hosen.

Es sollte bis Mitte des 19. Jahrhunderts dauern, bis die Urheberschaft zweifelsfrei geklärt war. Nach einer Anfrage der königlich preußischen Hofkapelle verfasste Gruber 1854 die „Authentische Veranlassung“, in der er die Umstände der Uraufführung beschrieb. Zu diesem Zeitpunkt lebte der Komponist von „Stille Nacht“ als anerkannter Kirchenmusiker in Hallein.

Im Gegensatz zu Gruber hat Mohr nicht miterlebt, auf welche Resonanz sein Gedicht stieß. Seine letzten Lebensjahre wirkte er in Wagrain im Pongau, wo er sich für die Kinder, Armen und Alten einsetzte. Der Überlieferung nach war er bei seinem Tod im Jahr 1848 mittellos.

Stefan Spath

Informationen unter anderem über die Attraktionen der sechs „Stille-Nacht-Gemeinden“ bietet die Webseite www.stillenacht.at. Dort findet man auch alle sechs Strophen des Weihnachtsliedes.

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