ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1997Forschungsbetrug in Großbritannien: Fachmedien ergreifen Initiative zur Aufdeckung

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Forschungsbetrug in Großbritannien: Fachmedien ergreifen Initiative zur Aufdeckung

Goldbeck-Wood, Sandra

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LNSLNS Als 1995 der britische Gynäkologe Malcolm Pierce der Fälschung einer Serie von wissenschaftlichen Artikeln schuldig befunden wurde, flackerte das Thema Forschungsbetrug in der hiesigen Ärzteschaft kurz auf. Die von ihm angeblich durchgeführten Experimente, in denen Eileiterschwangerschaften erfolgreich in Gebärmuttern transplantiert worden sein sollen, hatten nie stattgefunden. Der Fall produzierte Schlagzeilen in allen überregionalen Zeitungen; ein Koautor der gefälschten Papers, gleichzeitig Redakteur am British Journal of Obstetrics and Gynaecology, verlor seinen Posten als Präsident des britischen Gynäkologenverbandes, und von überall her ertönte der Ruf nach systematischen Reformen.
Nach nunmehr zwei Jahren läßt eine angemessene Antwort immer noch auf sich warten, und inzwischen sind weitere zwei Fälle bis in die Nachrichten durchgedrungen. In der Zwischenzeit haben zahlreiche Redakteure medizinisch-wissenschaftlicher Zeitschriften versucht, sich selbst helfen, indem sie vor kurzem ein Komitee für Publikationsethik, das "Committee on Publication Ethics (COPE)", gegründet haben.
Eine nähere Betrachtung der zwei neuesten Fälle zeigt die Unzulänglichkeit des Status quo: Im Juli verlor Internist John Anderson seine Approbation beim Selbstverwaltungsorgan der britischen Ärzteschaft (General Medical Council), weil er Daten in einer klinischen Studie manipuliert hatte. Aufgedeckt wurde das Vergehen durch eine Untersuchung der Pharmafirma Pfizer, die die Forschung finanzierte. Der Konzern bediente sich aber auch der Hilfe einer privaten Agentur namens MedicoLegal Investigations, die vor einem Jahr mit der ausdrücklichen Aufgabe gegründet wurde, mögliche Fälle von Forschungsbetrug zu untersuchen. Agenturgründer Dr. Frank Wells, ehemals Präsident des Kontrollorgans der britischen pharmazeutischen Industrie (Association of the British Pharmaceutical Industry) und Koautor des Buches "Fraud and Misconduct in Medical Research", behauptet, seine Agentur schließe eine Lücke, die in manchen anderen Ländern durch Initiativen von seiten des Berufsstandes zufriedenstellend geschlossen sei.
Dänemarks "Komitee zur wissenschaftlichen Unehrlichkeit" bietet in diesem Zusammenhang vielleicht das Musterbeispiel; aber auch Norwegen, Schweden, Finnland und Österreich haben formale und institutionsunabhängige Mechanismen, so Wells. An Kunden habe es bis jetzt nicht gefehlt, darunter Pharmakonzerne, Gesundheitsbehörden und Hochschulen. 17 Fälle hat Dr. Wells schon dem General Medical Council weitergeleitet, davon haben alle zu Befunden von ernsthaftem Berufsvergehen geführt. Weitere zwölf Fälle werden zur Zeit bearbeitet.
Valide Statistiken fehlen
Etwas anders ging es bei dem Londoner Kardiologen Peter Nixon zu. Im Mai gestand er vor Gericht ein, daß Fehler in von ihm mitgeschriebenen Papers "mehr als nur ehrliche Ausrutscher" darstellten. Dr. Nixon ging jedoch freiwillig in den Ruhestand mit der Erklärung, nie wieder ärztlich tätig sein zu wollen. So umging er möglicherweise das Disziplinarverfahren des GMC. Wie häufig Fälle des Forschungsbetruges in Großbritannien auftreten, ist unbekannt. Handfeste Statistiken fehlen, zum Teil auch mangels einer brauchbaren Definition des Problems. Zunehmend deutlich wird jedoch, daß solche Fälle nicht als Rarität abgeschrieben werden können.
Daß in den Vereinigten Staaten die Zahl unbekannter Fälle viel größer ist, liegt wahrscheinlich nur daran, daß die dortigen Entdeckungsmechanismen schärfer sind. In Großbritannien unterliegt die Sache zur Zeit im wesentlichen der pharmazeutischen Industrie, der oben beschriebenen Agentur und den Medien. Außerdem existiert zwar eine Reihe von Protokollen an einzelnen Universitäten, die aber sowohl inhaltlich als auch in der Durchführung uneinheitlich sind und durch die daher die allerwenigsten der bekanntgewordenen Fälle aufgedeckt werden konnten.
Die von Stefanie Stegemann-Boehl für Deutschland beschriebene Lage sieht also in Großbritannien nicht anders aus: "Es scheint ein stillschweigendes Abkommen unter der (deutschen) wissenschaftlichen Gemeinschaft zu geben, daß die Strategie des Durchwurschtelns einer offenen Diskussion des Problems vorzuzuziehen ist, um Schwierigkeiten zu vermeiden und das Prestige der Forschung allgemein oder an einer bestimmten Institution zu schützen." Dieser Zustand ist beschämend. Wie Sir Donald Irvine, Präsident des General Medical Council, neulich ins Gedächtnis rief, ist die Selbstverwaltung kein Recht, sondern ein Privileg. Sie müsse verdient werden. "Deshalb brauchen wir bessere Methoden, auf Forschungsbetrug zu reagieren, nicht nur, um das Vertrauen der Bevölkerung in die medizinische Forschung zu erhalten, sondern auch, um Argumenten gegen das Fortbestehen der ärztlichen Selbstverwaltung zu begegnen. Wir brauchen durchgreifende Systeme zur Prävention, Detektion, Investigation und Behandlung dieser heimtückischen Berufskrankheit in unser aller Interesse. Bei der Vorbeugung sollte wohl der Schwerpunkt liegen."
Formelles Netzwerk
Aber solange eine adäquate Initiative des gesamten Berufsstandes auf sich warten läßt, haben die Redakteure einiger Fachzeitschriften (einschließlich British Medical Journal und Lancet) das "COPE" gegründet. Die Initiative ging vom Chefredakteur der gastroenterologischen Zeitschrift "Gut" aus, der es innerhalb eines Jahres mit vier Fällen von Forschungsbetrug zu tun hatte. Bisher versuchten die Redaktionen, bei verdächtigen Fällen mit Hilfe eines informellen Netzwerks von Telefongesprächen Rat einzuholen. Dieses Netz wird durch COPE nun formalisiert. Das Komitee soll weiterreichende ethische Themen als nur Betrug behandeln, zum Beispiel die der Werbung, der Autorenschaft, der Vertraulichkeit, der Interessenkonflikte und der Mehrfachpublikation. COPE ist aber nur ein Experiment. Wenn es sich längerfristig erübrigt, weil die internationale Ärzteschaft bessere Antworten auf das Problem findet, freuen wir uns. Vorläufig haben wir aber mit der Arbeit begonnen und werden am 4. November in London eine Eintageskonferenz abhalten.


Sandra Goldbeck-Wood
British Medical Journal, London

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