ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2010Neuroradiologie: Von der Diagnostik hin zur interventionellen Therapie

MEDIZINREPORT

Neuroradiologie: Von der Diagnostik hin zur interventionellen Therapie

Dtsch Arztebl 2010; 107(51-52): A-2557 / B-2222 / C-2178

Vetter, Christine

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Die Neuroradiologie beschränkt sich keineswegs auf die Abklärung von Befunden, sondern erobert die Therapie des pulssynchronen Tinnitus und des Schlaganfalls.

Zwar bleibt die diagnostische Abklärung von Befunden per Computer- oder Magnetresonanztomographie nach wie vor eine der Domänen der Neuroradiologen, deren Aufgabenspektrum ist jedoch sehr viel weiter gespannt. Dabei geht es zunehmend auch um interventionelle Therapieverfahren, wie bei der 45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR), der sogenannten NeuroRad, in Köln deutlich wurde.

78-jährige Patientin mit Hörminderung und Tinnitus auf dem linken Ohr. Die Kernspintomographie stellt ein Akustikusneurinom (Pfeil) dar (links). 61-jährige Patientin mit pulssynchronem Pochen im rechten Ohr. Die Katheterangiographie zeigt eine durale arteriovenöse Fistel (Pfeile) (rechts). Fotos: Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, Klinikum Fulda)
78-jährige Patientin mit Hörminderung und Tinnitus auf dem linken Ohr. Die Kernspintomographie stellt ein Akustikusneurinom (Pfeil) dar (links). 61-jährige Patientin mit pulssynchronem Pochen im rechten Ohr. Die Katheterangiographie zeigt eine durale arteriovenöse Fistel (Pfeile) (rechts). Fotos: Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, Klinikum Fulda)

Ein Beispiel hierfür ist die mechanische Rekanalisation der Hirngefäße nach einem Schlaganfall, wie Prof. Dr. med. Hartmut Brückmann (München) darlegte. Bei dem Verfahren wird ein sehr biegsamer Katheter im betroffenen Hirngefäß bis zum Thrombus vorgeschoben, der Thrombus wird zerkleinert und quasi in seinen Einzelteilen über einen Mikroabsauger entfernt. In hartnäckigen Fällen kann es allerdings auch notwendig werden, das Gerinnsel durch einen sogenannten Retriever zu packen und aus dem Hirngefäß regelrecht herauszuziehen. Als weitere Option können die Neuroradiologen vor Ort einen Stent implantieren, der im Thrombus einen Kanal eröffnet, so rasch die Durchblutung wiederherstellt und dabei das thrombotische Material festhält. „Der Stent muss nicht dauerhaft im Gefäß verbleiben, sondern kann nach der Wiedereröffnung meist wieder entfernt werden“, erläuterte Brückmann.

Neurovaskuläre Zentren zur Schlaganfalltherapie

In geübten Händen sind mit dem Verfahren nach seinen Worten Wiedereröffnungsraten von 80 Prozent und mehr realistisch. Die besten Therapieergebnisse werden erzielt, wenn die mechanische Rekanalisation mit der herkömmlichen medikamentösen Lyse gekoppelt wird. „Mit der Lysetherapie sollte am besten bereits während der Verlegung zum interventionellen Zentrum begonnen werden“, sagte Brückmann. Die Kombination der beiden Verfahren wird als „Bridging“ bezeichnet, da die Lysebehandlung die Zeit bis zur effektiven Wiedereröffnung des Gefäßes überbrückt.

Das gesamte Konzept läuft zudem unter der Bezeichnung „Drip and Ship and Retrieve“. Es wird hierzulande derzeit in circa 30 Zentren praktiziert und verlangt eine entsprechende Routine. Brückmann zufolge wird daher die Etablierung spezieller „Neurovaskulärer Zentren zur Schlaganfalltherapie“ angestrebt. Denn die mechanische Rekanalisation der Hirngefäße ist aufwendig und nicht in jeder Klinik zu realisieren. „Sie setzt einen Rund-um-die-Uhr-Dienst mit entsprechend erfahrenen Neuroradiologen voraus“, erklärt Brückmann.

Immer häufiger entdecken Neuroradiologen im CT oder MRT eine behandelbare Ursache für degenerative Hirnerkrankungen. Diese Untersuchungen sollten deshalb bei jedem Demenzkranken wenigstens einmal durchgeführt werden, fordert die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie. Vor allem die MRT-Geräte sind in den letzten Jahren immer leistungsstärker geworden. „Viele Kliniken verfügen bereits über Hochfeldgeräte mit Magnetfeldern von drei Tesla. Einige Forschungszentren arbeiten mit Ultrahochfeldsystemen von sieben Tesla oder mehr“, berichtet Prof. Dr. med. Olav Jansen (Universitätsklinikum Campus Kiel).

Mit ihnen lassen sich heute Erkrankungen erkennen, die früher erst postmortal diagnostiziert werden konnten. Ein Beispiel hierfür ist die Amyloidangiopathie. Bei der Erkrankung setzen sich Eiweißfragmente (Amyloide) an den Wänden der Blutgefäße ab. Ein Stau des Liquors im Gehirn kann ebenfalls eine Demenz verursachen. Die Erkrankung lässt sich per CT leicht erkennen und kann durch eine Operation oftmals behoben werden. „Wir Neuroradiologen sind deshalb der Meinung, dass eine bildgebende Diagnostik des Gehirns bei jedem Patienten mit Demenz zumindest einmal durchgeführt werden sollte“, betont Jansen. Diese Ansicht werde auch von der Gesellschaft für Neurologie geteilt.

Als weiteres Beispiel für therapeutische Eingriffe durch Neuroradiologen wurde in Köln die Behandlung des pulssynchronen Tinnitus vorgestellt. Denn Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus, und vor allem wenn die Ohrgeräusche parallel zum Pulsschlag oder zur Atmung auftreten, liegt der Verdacht auf eine vaskulär bedingte Ursache nahe.

Ursache des Tinnitus lässt sich per Bildgebung abklären

So kann den Geräuschen ein arteriovenöser Shunt in der Nähe des Ohrs oder auch ein Glomustumor zugrunde liegen, berichtete Prof. Dr. med. Erich Hofmann (Fulda) als Tagungspräsident der NeuroRad. Die Ursachen des Tinnitus lassen sich dann meist per Bildgebung erfassen. Liegt dem Tinnitus ein gefäßreicher Tumor zugrunde, dann kann außerdem versucht werden, die Geräusche durch eine Gefäßverödung zum Verschwinden zu bringen, wobei sich die geschrumpften Reste anschließend mikroskopisch entfernen lassen. Liegt dagegen eine arteriovenöse Kurzschlussverbindung vor, kann diese oft sogar komplett verschlossen und der Patient damit geheilt werden.

Das aber ist nicht immer möglich. „Wir kennen Fälle, bei denen die Arteria carotis von Geburt an durch das Mittelohr verläuft und bei denen es zu pulssynchronen Ohrgeräuschen kommt“, erläuterte Hofmann. Die Geräusche können nicht beseitigt werden, den Patienten wird zumeist durch die Untersuchung dennoch geholfen: „Die Betroffenen sind oft vorher stark verunsichert und reagieren erleichtert, wenn sie hören, dass die Geräusche durch eine harmlose Anomalie bedingt sind.“

Forschung: Wie Pheromone die Gefühlslage beeinflussen

Mit welch diffizilen Fragestellungen sich Neuroradiologen noch beschäftigen, verdeutlichte Prof. Dr. med. Martin Wiesmann (Aachen).

Körpergerüche beeinflussen das Denken, Fühlen und Handeln von Personen. Diese Pheromone können bestimmte Gefühle wie etwa Angst oder Unruhe hervorrufen. Erst seit einigen Jahren entschlüsseln Forscher, wie die sogenannte olfaktorische Wahrnehmung funktioniert. „Der Geruchssinn ist der einzige Sinn, mit dem der Mensch Reize unbewusst wahrnehmen kann, sogar während des Schlafs“, betonte Wiesmann: „Die Reize werden darüber hinaus direkt in Areale geleitet, die eng mit dem Gedächtnis und der Verarbeitung von Gefühlen zusammenhängen.“

Für seine Untersuchungen bat Wiesmann freiwillige Probanden, einen Elektromast hochzusteigen. Der Angstschweiß der Männer wurde aufgefangen, erheblich verdünnt und schließlich als Probe anderen Männern sowie Frauen zum Riechen gegeben. Obwohl infolge der Verdünnung kein erkennbarer Geruch mehr wahrnehmbar war, hatte die Probe doch Auswirkungen. Sowohl Männer als auch Frauen reagierten ebenfalls mit einer erhöhten Ängstlichkeit, berichtete Wiesmann in Köln.

Er konnte weiter zeigen, dass das unbewusste Riechen der Angst im Gehirn Regionen aktiviert, die sonst an der Entstehung von Angst beteiligt sind. Frauen reagierten dabei weniger stark als Männer, was nach Wiesmann einmal mehr belegt, dass der Geruchssinn sehr komplex ist. Denn Männer senden mit ihrem natürlichen Körpergeruch das Signal „Mann“, das offensichtlich auf die meisten Frauen beruhigend wirkt und im Falle von Angstschweiß das Signal „Angst“ mildert.

Christine Vetter

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