ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2010Arbeitskreis medizinischer Ethikkommissionen: Wildwuchs verhindern

POLITIK

Arbeitskreis medizinischer Ethikkommissionen: Wildwuchs verhindern

Dtsch Arztebl 2010; 107(51-52): A-2550 / B-2216 / C-2172

Korzilius, Heike

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Sie sehen sich als Garanten für eine humane und wissenschaftlich hochwertige Forschung am Menschen. Dafür braucht es nach Ansicht der Ethikkommissionen möglichst einheitliche Standards – an den medizinischen Fakultäten und bundesweit.

Die Experten gaben sich selbstbewusst. Die Begutachtung klinischer Studien und medizinischer Forschungsprojekte durch Ethikkommissionen ziele darauf ab, deren wissenschaftliche Qualität, rechtliche Zulässigkeit und ethische Vertretbarkeit zu sichern, Probanden, Patienten, aber auch Forscher zu schützen sowie das öffentliche Vertrauen in die Forschung mit Menschen zu fördern. Das erklärte Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentags, zu Beginn der 28. Jahresversammlung des Arbeitskreises medizinischer Ethikkommissionen Ende November in München. Dem Arbeitskreis gehören die nach Landesrecht gebildeten Ethikkommissionen der medizinischen Fakultäten und der Landesbehörden sowie acht Ethikkommissionen der Lan­des­ärz­te­kam­mern an.

Finanzierung gesichert

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Dem Gremium ist es inzwischen gelungen, Finanzierungsschwierigkeiten zu beseitigen, die entstanden waren, weil die Bundes­ärzte­kammer ihre finanzielle Förderung zum 30. Juni beendet hatte. „Die Zukunft des Arbeitskreises ist gesichert“, bekräftigte jetzt in München dessen Vorsitzender, Prof. Dr. med. Elmar Doppelfeld. Zurzeit gebe es Gespräche mit der Bundes­ärzte­kammer, den Arbeitskreis wieder als Vertretung aller nach Landesrecht gebildeten Ethikkommissionen zu etablieren. Zwar zeichne sich noch keine Lösung ab, aber der Bestand und die Unabhängigkeit des Arbeitskreises stünden nicht zur Disposition. 1983 gegründet, hat sich das Gremium zum Ziel gesetzt, Entscheidungen und Verfahrensregeln der Ethikkommissionen bundesweit zu harmonisieren. Der Arbeitskreis habe sich in den Jahrzehnten seines Bestehens hohes Ansehen erworben, sagte Doppelfeld. Seine Erfolge seien auch in einem Bericht der Bundesregierung an den Bundestag anerkannt worden.

Dem Präsidenten des Medizinischen Fakultätentags ging es in München vor allem darum, einen erweiterten Zuständigkeitsbereich für die medizinischen Ethikkommissionen einzufordern. Denn neben der klassischen klinischen medizinischen Forschung, der Forschung an Geweben, Zellen oder DNA, gebe es auch in anderen Fächern Forschung am Menschen, deren Beurteilung medizinischen Sachverstand erfordere. Als Negativbeispiel diente Bitter-Suermann ein Institut für Psychologie, das zwar eine Ethikkommission eingerichtet habe, deren Statut aber weder den Probandenschutz noch den sozialen Wert der Forschung erwähne. Für fragwürdig hält Bitter-Suermann auch die Zusammensetzung der Kommission, der mit Ausnahme eines Juristen ausschließlich Psychologen angehörten.

Um Wildwuchs zu verhindern, forderte er, den Zuständigkeitsbereich der medizinischen Ethikkommissionen auf die Forschungsaktivitäten aller Fakultäten der jeweiligen Universität auszudehnen. „Wenn es um Forschung am Menschen geht, sollte immer ein Mediziner dabei sein“, erklärte Bitter-Suermann. Sollte die Zuständigkeit der medizinischen Ethikkommissionen ausgedehnt werden, müsse man die Kommissionen um entsprechend sachkundige Mitglieder anderer Disziplinen erweitern.

Für kontroverse Diskussionen unter den Ethikkommissionen sorgt das Thema Biobanken. In der Regel handelt es sich dabei um Sammlungen von Proben menschlicher Körpersubstanzen wie Gewebe, Blut oder DNA, die mit personenbezogenen Daten und soziodemografischen Informationen über die Spender verknüpft sind. „Die moderne biomedizinische Forschung braucht projektunabhängige Biobanken, die eine Koppelung mit Patientenverlaufsdaten erlauben“, betonte Prof. Dr. med. Jörg Haier, Direktor des Comprehensive Cancer Center am Universitätsklinikum Münster. Es gelte dabei, die verschiedenen Interessen der Beteiligten gegeneinander abzuwägen sowie den Datenschutz zu gewährleisten. Wichtig sei, dass die Patienten darüber entscheiden könnten, was mit ihren Proben geschehe, und Daten niemals automatisch, sondern nur dann weitergegeben würden, wenn es erforderlich sei.

Für ein Biobankgeheimnis

Problematisch am Thema Biobanken ist, dass es über den allgemeinen Datenschutz hinaus keine gesetzlichen Regelungen gibt. „Wir brauchen eine Konkretisierung“, forderte Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz, Direktor des Instituts für Medizinrecht der Universitäten Heidelberg und Mannheim. Forschungsinteressen und das Selbstbestimmungsrecht der Patienten müssten gegeneinander abgewogen werden. Denn eine zu enge Zweckbindung und eine zu kurze Nutzungsdauer stellten das ganze Projekt infrage. Taupitz, der auch Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, warb in München erneut für dessen Konzept eines Biobankgeheimnisses mit Schweigepflicht und Zeugnisverweigerungsrecht. Es schotte die Forschung nach außen ab und gewähre Freiheiten nach innen (siehe auch DÄ, Heft 25/2010 „Biobankgeheimnis“).

Heike Korzilius

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