ArchivMedizin studieren2/2006Notfallmedizin: Teamspieler Notarzt

Karriere: Die Reportage

Notfallmedizin: Teamspieler Notarzt

Hibbeler, Birgit

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Foto: MEV-Verlag
Foto: MEV-Verlag
Ein Kind trinkt Putzmittel, eine junge Frau schneidet sich die Pulsadern auf, und in der Fußgängerzone bricht ein älterer Herr mit Herzinfarkt zusammen – Notärzte müssen in jeder Situtation kompetent entscheiden und schnell handeln. Doch auch Kritik und Teamfähigkeit sind wichtig.

Das brummende Geräusch eines Faxgeräts hat eigentlich etwas Beruhigendes, für manchen Büroangestellten vielleicht sogar etwas Einschläferndes. Bei Jörg Scherber ist das anders. Wenn sich ein Blatt Druckerpapier langsam durch die Walze schiebt, dann ist er sofort hellwach. Denn der Rettungsassistent weiß: In etwa zwei Sekunden schlägt sein Pieper Alarm, und wenige Augenblicke später wird er mit Blaulicht durch die Straßen Frankfurts am Main flitzen.

Die Nachrichten, die das Faxgerät auf Scherbers Schreibtisch ausspuckt, sind nämlich nicht irgendwelche banalen Mitteilungen, sondern Einsatzpläne von der Leitstelle der Berufsfeuerwehr Frankfurt. Sie geben ihm die nötigen Informationen über den medizinischen Notfall, zu dem er fahren soll: Was, wo, wann? So auch jetzt. Scherber stellt die Kaffeetasse ab, die er gerade zum Mund führen wollte. Er greift nach dem warmen Stück Papier aus dem Faxgerät. „Kindernotfall“, sagt der 43-Jährige.
„Schlimm sind die Verhältnisse, in denen manche leben, besonders alte Leute und Alkoholiker.“ Dr. med. Christoph Buchhold
„Schlimm sind die Verhältnisse, in denen manche leben, besonders alte Leute und Alkoholiker.“ Dr. med. Christoph Buchhold
> „Da krieg ich immer noch ‘ne Gänsehaut.“ Mit dem Zettel in der Hand läuft Scherber los. Bis zum Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) sind es nur wenige Meter. Es parkt an der Notaufnahme des Frankfurter Krankenhauses Nordwest. Der Notarzt, Dr. med. Christoph Buchhold, wartet dort schon. Als sein Funker piepste, war er gerade auf der morgendlichen Visite. Und, wie so oft, musste der chirurgische Assistenzarzt die Stationsarbeit stehen und liegen lassen.

In den 24 Stunden, in denen er für den Rettungsdienst eingeteilt ist, passiert dem 33-Jährigen das im Schnitt sechsmal. Die Arbeit als Notarzt macht ihm trotzdem Spaß. Es sei sehr abwechslungsreich. „Und man kommt ein bisschen rum“, sagt er und lacht. Scherber startet den Wagen, und Buchhold steigt ein. Langsam bewegt sich der rot-weiße VW-Bulli das kurze Stück über das Krankenhausgelände bis zur Ausfahrt auf die Hauptstraße.

Scherber hat das Blaulicht eingeschaltet. „Rechts ist frei“, sagt Buchhold, und der Rettungsassistent gibt Gas. Das Martinshorn ertönt. Doch wirklich schnell kann der Wagen eigentlich gar nicht fahren. Zahllose Pkw im Frankfurter Verkehr versperren den Weg und machen keine Anstalten, an die Seite zu fahren. „Es bringt gar nichts, sich darüber aufzuregen“, gibt Buchhold zu bedenken. „Die Leute sind überfordert, wenn sie das Blaulicht hinter sich sehen.“
Ein eingespieltes Team: Notarzt Christoph Buchhold und Rettungsassistent Jörg Scherber (von links) vor dem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF)
Ein eingespieltes Team: Notarzt Christoph Buchhold und Rettungsassistent Jörg Scherber (von links) vor dem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF)
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> Und Scherber stimmt ihm zu: „Man muss für die anderen mitdenken.“ Das gelingt ihm offenbar gut, denn in den zehn Jahren, in denen er das Einsatzfahrzeug fährt, hatte er noch keinen Unfall. Von Hektik ist in dem VW-Bulli nichts zu spüren. Buchhold macht einen routinierten Eindruck. Er beobachtet, wie sich nun doch eine Gasse bildet, durch die sein Kollege das Fahrzeug steuern kann.

Seit vier Jahren arbeitet er als Notarzt. Am Anfang sei er schon aufgeregt gewesen, erzählt er. Ganz wichtig sei eine gute fachliche Vorbereitung. Eintreffen am Einsatzort. Buchhold und Scherber eilen die Treppe des Mehrfamilienhauses hoch. Die Wohnung liegt im ersten Stock. Ein schwarzbrauner Boxer schaut grimmig durch die offene Tür der Nachbarwohnung, eine Frau im Flur fuchtelt mit den Händen und zeigt auf die Wohnung gegenüber. Ein Kind schreit. Es liegt auf dem Sofa im Wohnzimmer und hat einen hochroten Kopf, am Finger ein Pulsoxymeter.

Die Besatzung des Rettungswagens (RTW) ist schon eingetroffen. In Frankfurt arbeitet der Rettungsdienst nach dem Rendezvoussystem, das heißt, es gibt keine Notarztwagen (NAW), sondern Arzt und Rettungswagen treffen sich am Einsatzort. Die Mutter des zweijährigen Kindes erzählt aufgeregt, was passiert ist: Ihr Sohn habe Fieber gehabt. Heute Morgen habe er dann plötzlich blaue Lippen bekommen und Schaum vorm Mund. „Er hat gezittert und war ganz steif“, sagt sie. Sie habe furchtbare Angst gehabt.

„Kurz nachdem wir da waren, hat der Krampfanfall aufgehört“, berichtet der Rettungsassistent vom RTWTeam. Buchhold hört sich alles in Ruhe an. Dabei legt er die Stirn in Falten und schürzt die Lippen. Doch für ihn ist klar, dass es sich wohl um einen Fieberkrampf gehandelt hat. „Ihr Kind muss ins Krankenhaus“, sagt der junge Arzt. Die Mutter schaut hoch.
„Das ist eine große Befriedigung, wenn man anderen helfen kann.“ Dr. med. Davorin Wagner
„Das ist eine große Befriedigung, wenn man anderen helfen kann.“ Dr. med. Davorin Wagner
> Sie hat mittlerweile ihr Kind auf den Arm genommen. Der Junge weint noch immer. Der RTW wird den Kleinen in die Klinik fahren. Eine ärztliche Begleitung ist nicht notwendig, sodass das NEF mit Buchhold und Scherber wieder für weitere Einsätze zur Verfügung steht.

Nicht jeder Notfall läuft so glimpflich ab. Zwischen Entsetzen und Normalität – so lässt sich die Arbeit beim Rettungsdienst vielleicht beschreiben. Nach einiger Zeit gewöhne man sich auch an die „Scheußlichkeiten“, mit denen man manchmal konfrontiert werde, bemerkt Buchhold. Mit diesen Scheußlichkeiten meint Buchhold nicht nur dramatische Unfälle.

Schlimm seien manchmal die Verhältnisse, in denen Patienten lebten, insbesondere Alkoholiker oder alte Menschen. Auch Einsätze in Druckräumen, also mit Drogenabhängigen, zählt Buchhold dazu. Und sein schlimmstes Erlebnis? Das könne er gar nicht sagen. „Ich will das gar nicht werten“, erklärt er. „Was ist das schon, das Schlimmste?“ Sicherlich sei es aber besonders belastend, wenn es jungen Menschen schlecht gehe oder Kindern.
Foto: Davorin Wagner
Foto: Davorin Wagner
> Die menschlichen Schicksale, die hinter dem Notfall stehen, bewegen auch Buchholds Oberarzt Dr. med. Davorin Wagner – obwohl er schon 18 Jahre Notarztwagen fährt. Erst vor einigen Tagen sei er gerufen worden, als ein 24-Jähriger nach einem Streit mit seiner Mutter aus dem Fenster gesprungen sei. Den Sturz aus dem zweiten Stock überlebte er, allerdings schwer verletzt mit Fersenbein- und Wirbelkörperfraktur. „Das berührt einen“, so der leitende Notarzt.

Dass er mit 54 Jahren noch Einsätze fährt, fänden manche Kollegen möglicherweise komisch, meint er: „Die denken vielleicht: Das ist auch so ein Blaulichtäffchen.“ Doch Wagner geht es weniger um Action bei seiner Tätigkeit. Für ihn ist die Arbeit im Rettungsdienst eine Herzensangelegenheit.

Er erinnert sich an eine Patientin, die er reanimierte und dann wenige Tage später beim Zeitunglesen sah. „Das ist eine große Befriedigung, wenn man anderen helfen kann“, sagt er. Wagner sieht in der Arbeit als Notarzt die beste Schule für die ärztliche Tätigkeit: Sich permanent fortbilden, kompetent und eigenständig entscheiden, im Chaos den Überblick behalten, aber zugleich kritikfähig sein, mit Misserfolgen umgehen und Fehler analysieren, sich etwas zutrauen, aber auch nicht übers Ziel hinausschießen.

Der Notarzt – und das ist für Wagner entscheidend – sei kein Einzel-Held. Teamfähigkeit wertet er als eine unerlässliche Eigenschaft, die ein Arzt im Rettungsdienst haben muss. „Wir arbeiten nur gut, wenn wir zusammenarbeiten“, betont er. Wichtig sei es außerdem, Ruhe zu bewahren und auch die Eigensicherung nicht zu vergessen. „Es bringt nichts, wenn man zum Einsatz fährt, aus dem Auto springt, so nach dem Motto ,Da bin ich’, und dann wird man vom Laster überfahren.“

Gesunder Menschenverstand – noch etwas, das für Wagner im Rettungsdienst nie fehlen darf. Gesunden Menschenverstand kann Buchhold in der Tat bei seinem nächsten Einsatz gebrauchen. Die Visite hat er mittlerweile beendet. Es war sogar Zeit für ein Mittagessen.

Am frühen Nachmittag rücken er und Scherber aus. Eine junge Afghanin wirft in einer Beratungsstelle mit Tischen und Stühlen um sich. Das Jugendamt plant, der Frau eines ihrer Kinder wegzunehmen, wie sich später herausstellt. Als Buchhold eintrifft, hat sich eine Menschentraube vor dem Raum versammelt, in dem die junge Mutter getobt hat und nun erschöpft auf dem Boden liegt. Ihr Ehemann sitzt daneben.

Der Assistenzarzt geht allein hinein und schließt die Tür. Etwas enttäuscht stehen die Schaulustigen nun auf dem Flur und verlassen schließlich die Szenerie. Aber die Maßnahme war genau richtig. Die junge Frau kann schließlich mit ihrem Ehemann nach Hause gehen. Zurück in der NEF-Station.

„Jetzt machen wir das, was wir am besten können, nämlich nichts“, scherzt Scherber. Von wegen. Auch dieser Versuch, einen Kaffee zu trinken, scheitert: der dritte Einsatz. Es geht in ein Altenheim. Doch dem Patienten kann niemand mehr helfen. Herz-Kreislauf-Stillstand. Allerdings ist unklar, seit wann. Der 80-jährige Patient hat schon eine fahle, gelbgraue Gesichtsfarbe. Auf eine Reanimation wird verzichtet.

Im Krankenhaus Nordwest ist mittlerweile Ruhe eingekehrt. Buchhold hat seine Stationsarbeit beendet, Wunden versorgt, Gespräche mit Angehörigen geführt und Entlassungsbriefe diktiert. In der NEF-Station laufen die 19-Uhr- Nachrichten im Fernsehen, und es gibt Pizza. Scherber ist mittlerweile von einem Kollegen abgelöst worden und nun im verdienten Feierabend.

Buchhold wird noch bis sieben Uhr am nächsten Morgen hier sein. Vielleicht kann er ein paar Stunden schlafen. So lange, bis das Faxgerät wieder brummt und sein Pieper schrillt. Dr. med. Birgit Hibbeler
Fotos: Birgit Hibbeler
Fotos: Birgit Hibbeler
> Besetzung von Einsatzfahrzeugen:
Notarztwagen (NAW): Rettungsassistent, Rettungssanitäter, Notarzt
Rettungswagen (RTW): Rettungsassistent, Rettungssanitäter
Notarzteinsatzfahrzeug (NEF): Rettungsassistent, Notarzt

Rendezvoussystem: Das Rendezvoussystem ist mittlerweile vielerorts gängig. RTW und NEF treffen sich am Einsatzort. Stellt sich heraus, dass keine ärztliche Anwesenheit erforderlich ist, kann das NEF wieder abfahren und ist für andere Einsätze verfügbar.

Wie wird man Notarzt? Viele Notärzte kommen aus den Fachrichtungen Anästhesie, Innere Medizin oder Chirurgie. Im Prinzip kann aber jeder Arzt eine Qualifikation erwerben, um im Rettungsdienst zu arbeiten. Je nach Rettungsdienstgesetz des Bundeslandes und Vorschriften der Lan­des­ärz­te­kam­mern sind die Anforderungen unterschiedlich. Zum einen gibt es die Fachkunde Rettungsdienst, zum anderen die Zusatzweiterbildung Notfallmedizin. Ein eigener Facharzt für Notfallmedizin existiert nicht.

Fachkunde Rettungsdienst: 18 Monate klinische Tätigkeit, davon drei Monate Intensivstation, Anästhesie oder Notaufnahme, 80-stündiger Kurs, zehn lebensrettende Einsätze (Quelle: www.aekno.de)
Zusatzweiterbildung Notfallmedizin: 24 Monate klinische Tätigkeit, davon sechs Monate Intensivmedizin, Anästhesie oder Notaufnahme, 80- stündiger Kurs, 50 Einsätze (Quelle: www.baek.de)

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