ArchivMedizin studieren1/2006Modellstudiengänge: Wissen, wofür man lernt

Studium

Modellstudiengänge: Wissen, wofür man lernt

bh

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Weniger Multiple Choice, mehr Praxis: Modellstudiengänge heben die Trennung von Vorklinik und Klinik auf. Neue Lernformen finden jedoch auch den Einzug ins Regelstudium.

Fotos: Büro für Studienreform, Bochum
Fotos: Büro für Studienreform, Bochum
Mit Marvin stimmt etwas nicht. Seit einigen Tagen geht der Fünfjährige jede halbe Stunde auf die Toilette. Nachts trinkt er bis zu zwei Flaschen Mineralwasser. Marvins Mutter ist besorgt. „Wieso muss der Junge nur so viel Wasser lassen?“, fragt sie verunsichert. Ganz genau wissen das die behandelnden Mediziner auch nicht, denn sie sind Anfänger. Erst seit drei Wochen studieren sie Humanmedizin im Modellstudiengang an der Ruhr-Universität Bochum. „Marvin muss mal“ ist einer ihrer ersten Fälle – allerdings nur auf dem Papier. Problemorientiertes Lernen (POL) ist ab dem ersten Semester ein zentraler Baustein ihres Studiums. Die Herangehensweise an die Medizin ist neu: Die Studierenden lernen nicht zuerst alles über Anatomie und Physiologie und schauen dann, was man mit diesem Wissen anfangen könnte. Von Anfang an lautet stattdessen die Frage: Was müsste ich wissen, um diesen Fall lösen und dem Patienten helfen zu können? Im Bochumer Modellstudiengang ist der klassische Frontalunterricht Geschichte. „Wir haben keine Vorlesungen mehr“, betont Priv.-Doz. Dr. med. Thorsten Schäfer vom Büro für Studienreform. Damit folgen die Initiatoren den Erkenntnissen der Lernpsychologie. „Aus einer Vorlesung, die man wenig enthusiastisch besucht, behält man etwa fünf Prozent“, erklärt Schäfer. Nicht gerade eine effektive Lernmethode. In Bochum setzt man deshalb auf Kleingruppen, die zu Beginn des Semesters ausgelost werden. Sieben Studierende bilden eine POL-Gruppe.

Zu jedem Fall, wie auch bei „Marwin", kommen nach und nach immer mehr Informationen hinzu. Marvin hat einen Nüchternblutzucker vun 180 mg/dl, auch der Streifentest auf Zucker im Urin ist positiv. Der Fall gehört zum Themenblock „Die Zelle", so stellt sich auch die Frage nach zellulären Transportmechanismen für Glucose, etwa in der Niere. Damit kommen auch die Physiologie und die Biochemie ins Spiel. Am Ende jeder Woche wird ein POL-Fall abgeschlossen. Und die Studierenden wissen, was mit Marvin los ist: Er leidet an Diabetes mellitus. Der Unterricht in Bochum ist in thematische Blöcke aufgeteilt, die in den ersten beiden Studienjahren Organe und Organsysteme umfassen. 20 Stunden Pflichtkurse sind pro Woche angesetzt. Seminare zu Chemie, Physik, Anatomie, Biochemie und Physiologie finden in etwas größeren Gruppen statt, die aus drei POL-Gruppen bestehen. Auch begleitende Praktika gibt es. Zu den 20 Pflichtstunden sollen weitere 20 Stunden Selbststudium kommen. Das macht mindestens acht Stunden Medizin pro Tag. Im „Skills Lab“ haben die Studierenden zusätzlich die Möglichkeit, beispielsweise Blutabnahmen an Gummiarmen zu üben. Sogar ein Sonographiegerät ist vorhanden. Auf dem Programm stehen ab dem ersten Semester außerdem die Fächer Ethik, Ärztliche Interaktion (Gesprächsführung) und Gesundheits-Ökonomie. Alle Studierenden werden von einem Allgemeinmediziner „adoptiert“, bei dem sie regelmäßig Praktika absolvieren. Im fünften Semester gliedern sich die Themenblöcke nach dem Lebensalter (Schwangerschaft und Perinatalzeit, Kindheit und Adoleszenz, mittleres und höheres Lebensalter). Ab dem sechsten Semester erfolgt die Aufteilung nach Erkrankungen (Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Tumorerkrankungen etc.). So wird im Verlauf des Studiums der klinische Anteil immer größer, beginnend in der „Vorklinik“. Eine starre Trennung gibt es nicht mehr.

Problemorientiertes Lernen (POL) in Kleingruppen ist ein zentraler Baustein des Bochumer Modellstudiengangs.
Problemorientiertes Lernen (POL) in Kleingruppen ist ein zentraler Baustein des Bochumer Modellstudiengangs.
Nicht nur die Dozenten, sondern auch die Studierenden sind von dem Ansatz überzeugt. „Ich bin total begeistert“, sagt Gordon Röser, 1. Semester im Bochumer Modellstudiengang. Mit Studierenden im Regelstudiengang würde er nicht tauschen wollen. Allerdings erklärt er, dass vielleicht nicht jeder mit dem neuen System zurechtkommt. „Da wird jede Woche ein neues Fass aufgemacht, und keins wird in den ersten drei Jahren zugemacht“, räumt der 24-Jährige ein. Wichtig für ein Studium nach dem reformierten Curriculum ist es also, dass die Studierenden nicht den Anspruch an sich haben, gleich in den ersten Wochen einen Überblick über die gesamte Medizin zu gewinnen. Der Bochumer Modellstudiengang startete im Wintersemester 2003/04. Seitdem lernen 42 Studierende nach dem reformierten Modell. Der Erste Abschnitt der Ärztlichen Prüfung nach vier Semestern (früher Physikum) wird durch eine universitätsinterne Prüfung ersetzt. Hier heißt es nicht mehr, an der richtigen Stelle das Kreuz zu machen. Geprüft wird unter anderem mittels Objective Structured Clinical Examinations (OSCE). Dahinter verbirgt sich ein „Prüfungszirkel“: An bis zu 20 Prüfungsstationen werden unter Einsatz von Simulationspatienten Problemslösungsstrategien und Untersuchungsmethoden getestet. Das Ganze wird durch Modified Essay Question Tests (MEQ) ergänzt: schriftliche Prüfungen anhand von Fallbeispielen. So ganz unvorbereitet auf Multiple-Choice-Fragen geht der Bochumer Modell-Student allerdings nicht ins „Hammerexamen“ (Zweiter Abschnitt der Ärztlichen Prüfung). Jedes Jahr findet ein Test mit 200 Multiple-Choice-Fragen statt – mit demselben Schwierigkeitsgrad für alle Semester. Die Studierenden sehen in diesem „Progressionstest“, wie sie sich Jahr für Jahr verbessern. Der Regelstudiengang läuft in Bochum parallel mit rund 260 Studierenden weiter. „Wir wollen herausfinden, wie sich die neuen Lehr- und Lernmethoden unter idealen Bedingungen kleiner Gruppen umsetzen lassen und was davon dann in einen größeren Maßstab übertragbar ist“, erklärt Schäfer. Eine Anschubfinanzierung von 250 000 Euro für zwei Jahre kam vom Land Nordrhein-Westfalen. Eingerichtet wurden davon unter anderem die neuen POL-Räume. Den Studierenden steht eine eigene Lehrbuchsammlung zur Verfügung. Bochum war nicht der erste Modellstudiengang in Deutschland. Als Vorreiter für neue Lernformen gilt die Private Universität Witten-Herdecke, die als erste Universität ihr Studium praxisorientiert gestaltete. Die Berliner Charité richtete zum Wintersemester 1999/2000 einen Reformstudiengang ein. Zentrale Lernmethoden sind auch her das POL in Kleingruppen und Blockpraktika. Der Lehrstoff wird über die gesamte Studienzeit in einer „Lernspirale" erarbeitet, bei der Themen immer wieder aufgenommen und vertieft werden.

Bereits die alte Ärztliche Approbationsordnung (ÄAppO) ermöglichte seit 1999 die Einrichtung von Modellstudiengängen. In der neuen ÄAppO wurde dies ausgeweitet. Mittlerweile gibt es sechs Modellstudiengänge (nach § 41 ÄAppO) neben Berlin, Witten-Herdecke und Bochum in Aachen, Hannover und Köln. Dr. Reinhard Lohölter, Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Medizinischen Fakultätentages und Dekanatsleiter an der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt, sieht darin eine enorme Reformaktivität. „Mein Eindruck ist, dass wir mittlerweile – was den Anteil der Reformfakultäten an der Gesamtzahl der Fakultäten betrifft – zu den führenden Ländern in der Welt gehören“, lobt Lohölter.

Neuerungen gibt es mittlerweile auch außerhalb von den Modellstudiengängen. Die neue ÄAppO hat moderne Lernformen – wie POL – auch in den Regelstudiengang integriert. Manche Universitäten haben ihren Reformcurricula Namen gegeben, etwa HeiCuMed (Heidelberger Curriculum Medicinale), DIPOL (Dresdner Integratives Problem-, Praxis- und Patientenorientiertes Lernen) und Mecum (Medizinisches Curriculum München). Modellstudiengänge im rechtlichen Sinne sind sie jedoch nicht. Das Erste Staatsexamen nach vier Semestern läuft nach den Spielregeln des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) ab, genau wie in jedem anderen Regelstudiengang und nicht universitätsintern.

Mittlerweile geht der Trend offenbar schon wieder zurück zum Regelstudiengang. Die Universität Hamburg hat ihren Modellstudiengang vorzeitig eingestellt. Zum Wintersemester 2001/02 startete das Projekt mit 40 Studierenden. „Dann kam die neue Approbationsordnung dazwischen“, sagt Dr. med. Olaf Kuhnigk, Projektleiter des Modellstudiengangs. Der Fakultätsrat habe sich dann gegen eine Weiterführung des Modellstudiengangs entschieden. Das Gremium begründete seine Entscheidung damit, dass die sonst dazu benötigten Lehrkapazitäten zu groß wären. Die Fakultät könne weder dem Modellstudiengang noch dem Regelstudium gerecht werden. Denn nach Einführung der neuen ÄAppO gab es plötzlich drei verschiedene Curricula: die alte und neue ÄAppO sowie den Modellstudiengang. Sehr viele der guten Ansätze aus dem Modellstudiengang seien dann jedoch in den Regelstudiengang (nach neuer ÄppO) übernommen worden, betont Kuhnigk. Die zwei Kohorten aus dem Hamburger Modellstudiengang seien erfolgreich in den Regelstudiengang überführt worden.

Anzeige
Nach Meinung von Jonas Johannink von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) muss ein Modellstudiengang nicht unbedingt besser sein als ein reformierter Regelstudiengang. Auch in der Qualität der Modellstudiengänge sieht er Unterschiede: „Leider sind die Modellstudiengänge an einigen Universitäten unter sehr hohem Zeitdruck und ohne entsprechende wissenschaftliche und pädagogische Begleitung eingeführt worden.“ Der Begriff „Modellstudiengang“ werde mancherorts höher gewichtet als der Inhalt. Ebenso kritisiert Johannink, dass an einigen Universitäten ausnahmslos alle Studierenden nach dem Modellstudiengang studieren. „Da ist die Reform umgesetzt worden, bevor das Modell ausprobiert wurde“, gibt er zu bedenken. Er befürchtet, manche Fakultäten sähen in der Einrichtung eines Modellstudiengangs primär einen Prestigegewinn, etwa damit sich bei ihnen Studierende mit einer besseren Abiturnote bewerben oder sie Vorteile hätten, wenn es um die Eliteförderung gehe. „Es muss gewährleistet sein, dass das Ziel eines Modellstudienganges eine Verbesserung des Studiums ist und nicht die mit dem Namen verbundene Publicity“, fordert Johannink. Als „problematisch“ bezeichnet er zudem, dass bei einem Modellstudiengang ein Universitätswechsel oder ein Auslandsstudium mit einem Zeitverlust verbunden oder gar nicht möglich sei.

Dennoch hält Schäfer vom Bochumer Büro für Studienreform ein Plädoyer für den Modellstudiengang. Den großen Vorteil sieht er darin, dass der Erste Abschnitt der Ärztlichen Prüfung universitätsintern abläuft. Zwar seien diese Examina nicht weniger anspruchsvoll als die IMPP-Fragen, ermöglichten allerdings eine sinnvolle Verknüpfung von klinischem und vorklinischem Wissen. Die Studierenden werden nach Schäfers Ansicht nur so dazu motiviert, sich nicht nur auf das Multiple-Choice-Wissen auszurichten. Ansonsten sei es nur verständlich, wenn sich Studierende für nicht prüfungsrelevante Themen kaum begeistern ließen und die Dozenten dann vor leeren Hörsälen stünden. „Mit diesem Gespenst haben alle zu kämpfen, die einen Regelstudiengang anbieten“, betont Schäfer. Dr. med. Birgit Hibbeler

Eine ausführliche Tabelle zu den Modellstudiengängen finden Sie unter: www.aerzteblatt-studieren.de Webcode: 06002

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema