ArchivMedizin studieren1/2006Eintauchen in den Mikrokosmos

Karriere: Die Reportage

Eintauchen in den Mikrokosmos

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Partner im Hintergrund: Pathologe Dr. med. Alexander Schütz

Fotos: Anja Jungnickel
Fotos: Anja Jungnickel
Wer mit klischeehaften Vorstellungen von der Pathologie den Arbeitsbereich von Dr. med. Alexander Schütz betritt, wird erstaunt sein. Statt mit grünem oder weißem Kittel und blutverschmierter Plastikschürze bekleidet, trägt der junge Pathologe zivil. In der Hand hält er auch keine frisch gewetzten Messer, sondern einen Objektträger. Schütz lächelt hinter dem Mikroskop hervor. „Ich liebe das Mikroskopieren“, sagt er. „Das Weltall ist der unerreichbare Makrokosmos, aber hier öffnet sich für mich der Mikrokosmos, in den ich eintauchen kann.“

Vier bis fünf Stunden täglich sitzt Alexander Schütz am Mikroskop in seinem hellen, an zwei Seiten komplett verglasten Raum. „Das ist anstrengend, aber nicht stressig“, sagt er. „Ich kann hier ungestört arbeiten und mich voll auf meine Arbeit konzentrieren.“ In der Tat befindet sich in dem Zimmer wenig, was ihn ablenken könnte: Ein Schreibtisch, zwei Sessel, zwei Bücherregale und natürlich der Mikroskopiertisch bilden die spartanische Einrichtung. „Ich gehe jeden Tag gern hierher“, berichtet Schütz. „Der Wechsel von der Uni in dieses Haus war für mich persönlich wie der Beginn eines neuen Lebens.“

Alexander Schütz arbeitet seit 1. August 2005 als niedergelassener Facharzt für Pathologie in der großen pathologischen Gemeinschaftspraxis am Elsapark in Leipzig. Die dort tätigen fünf Pathologen und 25 MTAs, Laborhilfen und Sekretärinnen bearbeiten 300 bis 500 Fälle pro Tag, 100 000 im Jahr – vergleichbar mit den meisten Universitätskliniken. Leichen findet man in dem Haus nicht; zum Obduzieren gehen die Pathologen in die mit ihnen kooperierenden Kliniken. „Meist werden uns aber die Präparate gebracht“, erklärt Schütz. Dabei handelt es sich um Resektate, aber auch um zytologische Abstriche. „Die Pathologie hat in den letzten Jahrzehnten einen grundlegenden Wandel durchlebt, der offenbar weder in der Öffentlichkeit noch bei klinisch tätigen Kollegen und Studierenden in seinem vollem Umfang bemerkt wurde“, erläutert der auch im Berufsverband deutscher Pathologen (www.bv-pathologie.de) stark engagierte junge Arzt. „Das Fachgebiet, an dessen Anfang die Obduktionstätigkeit stand, hat sich fast unbemerkt zu einer interdisziplinären Institution entwickelt.“

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Im Mittelpunkt der Arbeit steht heute die prätherapeutische Diagnostik, die Begutachtung von Operationspräparaten sowie die Mitarbeit in interdisziplinären Foren und Tumorkonferenzen. Das Pathologische Institut am Elsapark kooperiert beispielsweise mit zwei Mamma-Zentren, dem Helios-Brustzentrum Nordsachsen Leipzig sowie dem Sankt Elisabeth-Krankenhaus Leipzig. Neben der traditionellen Arbeit am Mikroskop würden seit der Einführung der Immunhistochemie aber auch molekularbiologische Untersuchungen auf DNA- und Proteinebene einen immer breiteren Raum einnehmen, berichtet Schütz und gerät fast ins Schwärmen: „Der Pathologe vertritt eine Symbiose der Methoden in der Routinediagnostik. Er ist in viele Teilgebiete der Medizin einbezogen, ein gefragter Partner der klinisch tätigen Kollegen sowie unbemerkt ein ständiger Partner der Patienten.“ Mit dieser Rolle im Hintergrund müsse man allerdings zufrieden sein, räumt er dann ein: „Sonst wird man hier nicht glücklich.“

Alexander Schütz jedenfalls ist mit seiner Berufswahl offensichtlich sehr glücklich. Das war er auch schon damals – an der Uni. Im Rahmen seiner Promotion auf dem Gebiet der Hirnforschung entdeckte der Student mit dem ursprünglichen Berufsziel „Radiologie“ die Liebe und das Talent zum Mikroskopieren, 2003 absolvierte er seine Facharztweiterbildung zum Pathologen, 2004 wurde er Oberarzt im Institut für Pathologie am Universitätsklinikum Leipzig. „Die Arbeit an der Uni hat Spaß gemacht“, berichtet der heute 36- Jährige. „Man hat viel gesehen und viele Leute kennen gelernt. Aber irgendwann muss man sich einfach entscheiden: Wissenschaft oder Routine.“

Schütz hat sich trotz wissenschaftlicher Erfolge bei Forschungsprojekten am Lungenkarzinom für die Routine entschieden. „Das liegt mir einfach mehr“, lächelt er. Spitzenwissenschaft nur nebenbei zu betreiben sei nicht möglich. Und fachlich weiterentwickeln könne man sich auch in der Niederlassung. „In einem Institut wie diesem verblödet man nicht“, betont er. „Und man hockt auch nicht nur allein in einem Zimmerchen. Das ist ein altes Vorurteil.“ Teamarbeit wird im Institut am Elsapark groß geschrieben. Während seiner Mikroskopierzeit am Vormittag wird Schütz von seinen Kollegen ans Diskussionsmikroskop gerufen. Bis zu fünf Personen können sich dort gleichzeitig ein Präparat ansehen. „Alle malignen, seltenen oder unklaren Fälle werden generell im Team besprochen“, erklärt der Pathologe. „So ist es extrem unwahrscheinlich, dass bei uns jemals ein falschpositiver Befund rausgeht.“ Immer mindestens zu zweit sehen sich die Pathologen am Leipziger Institut auch alle Mamma-Stanzbiopsien und Präparate von chronisch-entzündlichen Darm­er­krank­ungen an.

Ein weiterer Vorteil der Zusammenarbeit: Abwechseln können sich die fünf Kollegen beim „Zuschnitt“. An diesem Tag ist die Reihe an Schütz. Nun zieht er sich doch eine Plasikschürze und Handschuhe über und lamelliert routiniert ein Mamma- Resektionspräparat. „Man braucht Erfahrung fürs Zuschneiden“, erklärt er, „denn was man bereits makroskopisch übersieht, liegt auch später nicht als mikroskopisches Präparat vor.“ Schnell hat Schütz den Tumor lokalisiert: „2,2 mal 2,1 cm großes, strahlenförmiges Karzinom mit randlicher Blutung“, diktiert er ins Gerät. Der Arbeitstag von Alexander Schütz beginnt morgens gegen acht Uhr. Dann steht zunächst die Arbeit am Mikroskop im Vordergrund, denn möglichst mittags sollen die Befunde bereits in den Kliniken sein. Am Nachmittag stehen vorwiegend Zuschnitte oder Tumorkonferenzen auf dem Programm. „Von administrativen Verpflichtungen bin ich weitgehend befreit“, sagt Schütz. „Während klinisch tätige Kollegen einen Teil ihrer Arbeitszeit mit Verwaltungsaufgaben verbringen, sind wir Pathologen in der großartigen Situation, uns tatsächlich unserem Fach widmen zu können.“

„Die Pathologie bietet sehr familienfreundliche Arbeitszeiten: keine Dienste, planbares Arbeitsende, gute Teilzeitarbeitsmöglichkeiten“, berichtet Schütz. Auch wenn am Leipziger Institut nur männliche Pathologen arbeiten, handele es sich beim Fach Pathologie keineswegs um eine Männerdomäne; immer mehr junge Frauen entschieden sich, Pathologin zu werden. Die Berufsaussichten für Pathologen sind derzeit sowohl an Universitäten als auch in der Niederlassung gut. „Welchen Weg man schließlich einschlägt, ist eine persönliche Entscheidung“, sagt Schütz.

Den Schritt sich niederzulassen, hat der junge Pathologe nicht bereut. „Natürlich habe ich am Anfang schlaflose Nächte gehabt. Schließlich kauft man sich nicht einfach einen Arbeitsplatz, sondern man ist mit einem Mal nicht nur Arzt, sondern gleichzeitig Unternehmer“, erzählt Schütz. Trotz hoher Kreditbelastung findet der Leipziger heute aber gerade die neue unternehmerische Seite seines Berufs spannend: „Inzwischen kann ich bei einem Gespräch mit dem Steuerberater schon mithalten“, schmunzelt Schütz. Unternehmensstrategien im Kleinen zu entwickeln sei eine Herausforderung – ebenso wie ungewisse Honorare und fallende Punktwerte. Schütz lässt sich zurück in seinen Sessel fallen. „Das sind Riesenprobleme – aber auch die muss man sportlich sehen.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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