ArchivMedizin studieren2/2006Praktisches Jahr: Das „Hammerexamen“ im Nacken

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Praktisches Jahr: Das „Hammerexamen“ im Nacken

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Die neue Approbationsordnung wirkt sich auch auf das PJ aus. Kritiker bemängeln: Die Studenten gehen schlechter vorbereitet in die Praxis und stehen stärker unter Druck als früher.

Foto: Eckel
Foto: Eckel
Früher war alles besser. Die Kugel Eis kostete 50 Pfennig, und Zugfahren war auch noch bezahlbar. Man konnte sich ganz ohne Handy mit Freunden verabreden. Viele Jugendliche freuten sich, wenn sie die Hitparade aus dem Radio aufnehmen durften und hatten keine riesige CDSammlung, geschweige denn einen MP3-Player.

Auch an der Universität war die Welt noch berechenbar: Medizinstudenten, die sich einige Monate an den Schreibtisch gesetzt, dort fleißig gekreuzt und schließlich das dritte Staatsexamen hinter sich gebracht hatten, konnten sicher sein: Nie wieder Multiple Choice – jetzt kommt das Praktische Jahr (PJ), und das endete mit einer vergleichsweise überschaubaren, mündlichen Prüfung. Ob wirklich früher alles besser war, sei mal dahingestellt. CDs sind viel praktischer als Musikkassetten mit Bandsalat. Die Deutsche Bahn war immer schon unpünktlich, und wenn man einen Treffpunkt nicht findet, ist ein Mobiltelefon äußerst hilfreich.

So viel aber steht fest: Die Praktisches Jahr Das „Hammerexamen“ im Nacken Die neue Approbationsordnung wirkt sich auch auf das PJ aus. Kritiker bemängeln: Die Studenten gehen schlechter vorbereitet in die Praxis und stehen stärker unter Druck als früher. Foto: Eckel tudium Deutsches Ärzteblatt Studieren.de⏐WS 2006/07 11 neue Ärztliche Approbationsordnung (ÄAppO) hat das PJ nicht entspannter gemacht. Die Studierenden wissen, dass ihnen das größte Examen des Studiums noch bevorsteht. Der zweite Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (M2 oder auch „Hammerexamen“) mit schriftlichem und mündlichem Anteil findet erst nach Ende des PJ statt. Zudem wird der Stoff des gesamten klinischen Studienabschnitts abgefragt. Diese Themen waren früher auf erstes, zweites und drittes Staatsexamen verteilt.

Der Druck ist größer als früher, meint auch Johannes Störmann*. Der 27-jährige Medizinstudent ist seit gut acht Monaten im PJ an einer Uniklinik. Schon jetzt ist für ihn klar: Vor dem M2 wird er auf jeden Fall ein Lernsemester einlegen. Die etwa drei Monate Vorbereitungszeit, die nach PJ-Ende bleiben, sind ihm zu wenig. Vielen Kommilitonen geht es ähnlich.

Die logische Folge: Wer kein Lernsemester einlegen will oder kann, wird versuchen, schon während des PJ möglichst viel Zeit zu Hause am Schreibtisch zu verbringen. Eine mögliche Konsequenz, die Prof. Dr. med. Jürgen Westermann, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Lübeck, mit Sorge beobachtet. „Statt endlich in die Praxis einzutauchen, stünde also wieder die Theorie im Vordergrund“, kritisiert er.

Doch dies sei nicht die einzige negative Auswirkung, die die neue ÄAppO auf das PJ hat. Im Vergleich zu den PJlern, die noch nach der alten ÄAppO studierten, seien die Studenten, die jetzt in die praktische Ausbildungsphase gingen, viel schlechter vorbereitet, sagt Störmann. Es fehlten ihnen die früher üblichen sechs Monate intensiven Lernens für das Staatsexamen vor dem PJ-Beginn. „Besonders von den Fächern, die schon etwas länger her sind, hat man vieles wieder vergessen.“

Die Einschätzung, dass die Studierenden durch die neue ÄAppO schlechter auf das PJ vorbereitet seien, teilt Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Gebhard von Jagow, Präsident des Medizinischen Fakultätentages, nicht. Das Medizinstudium sei nun von Anfang an viel stärker klinisch ausgerichtet, sagt er. Auch das neue M2 sei fallorientiert und somit ebenfalls praxisnäher. Nachteile, die sich aus der neuen ÄAppO für das PJ ergeben, sehe er nicht.

Anders Vanessa Wennekes von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD): „Der Wegfall des schriftlichen zweiten Staatsexamens unmittelbar vor dem PJ hat zu erheblichen Wissenseinbußen bei den Studierenden geführt“, erklärt sie. Die BVMD verlangt deshalb, das M2 in einen schriftlichen Abschnitt vor dem PJ und einen mündlichen Teil danach zu splitten. Auch der Deutsche Ärztetag im Mai 2005 hat das gefordert. Die Belastung der Studierenden wäre so deutlich entzerrt.

Als würden Lerndruck und Wissenslücken nicht schon reichen: Auch das PJ selbst findet Störmann oftmals nicht besonders strukturiert und lehrreich. „Die Ärzte haben doch oft gar keine Zeit für die PJler“, meint er. Einen Vorwurf will er ihnen daraus nicht machen. Dafür, dass die Stationen unterbesetzt seien, könnten sie schließlich auch nichts.

Wichtig für seine Ausbildung finde er den Studentenunterrricht. Der aber falle je nach Abteilung sehr unterschiedlich aus. Mancherorts gebe es täglich eine Fallvorstellung, anderswo finde so gut wie kein Seminar statt. Damit das PJ ein gelungener Einstieg in die Praxis wird, haben einige Universitäten Maßnahmen ergriffen, so auch die Medizinische Fakultät in Lübeck.

Das Ziel: Die Ausbildung soll besser koordiniert und der Studentenunterricht besser strukturiert werden. So will man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Mangelndes Wissen wird ausgeglichen, und die Studierenden werden gleichzeitig auf das Staatsexamen vorbereitet. Besonderer Wert wurde bei der Neustrukturierung auf die Weiterentwicklung des PJ-Unterrichts gelegt.

In Anlehnung an das neue fallorientierte Examen finden beispielsweise im Tertial Innere Medizin 16 leitsymptomorientierte Seminare mit Fallbeispielen statt. Auf praktischer Ebene wird dies durch einen PJ-Pass ergänzt, der klar definierte Lernziele vorsieht. Am Ende des PJ wird ein Repetitorium zur Prüfungsvorbereitung angeboten. Eigenständige Patientenbetreuung und -vorstellung sollen dazu beitragen, Ängste abzubauen. Man will die Studenten dazu ermutigen, sich nicht allein auf eine gute Note in der Mulitple-Choice-Prüfung zu konzentrieren, betont der Lübecker Studiendekan Westermann.

Noch immer macht das schriftliche Resultat im zweiten Staatsexamen 50 Prozent der Note aus. An drei Tagen findet dieses Multiple-Choice-Examen statt. Allerdings: Der *Name von der Redaktion geändert mündlich praktische Teil findet nicht mehr an einem, son- „Statt endlich in die Praxis einzutauchen, stünde also wieder die Theorie im Vordergrund“.

Prof. Dr. med. Jürgen Westermann, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Lübeck „Der Wegfall des schriftlichen zweiten Staatsexamens unmittelbar vor dem PJ hat zu erheblichen Wissenseinbußen bei den Studierenden geführt“.

Vanessa Wennekes, Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) tudium Deutsches Ärzteblatt Studieren.de⏐WS 2006/07 12 dern an zwei Tagen statt. Es lohnt sich also, in diesen Examensteil Energie zu stecken. Denn in der Vergangenheit waren die Chancen, hier etwa die Note „sehr gut“ zu erreichen, besser als in der schriftlichen Prüfung. Dennoch könnte sich mancher Studierende überlegen, ein Lernsemester nach dem PJ einzulegen, um sich besser vorzubereiten – wie auch Störmann.

An der Fakultät für Klinische Medizin Mannheim der Universität Heidelberg will man dieser Tendenz entgegenwirken. Erklärtes Ziel des dort ins Leben gerufenen Kompetenzzentrums für das Praktische Jahr: Berufsfähige junge Ärzte sollen ihr Studium in Regelstudienzeit mit Erfolg abschließen.

Dazu beitragen soll – wie in Lübeck – eine verbindliche Struktur des PJ mit definierten Lernzielen. Auch hier steht ein fallorientierter Unterricht auf dem Programm. Ein PJ-Logbuch dient als Lernzielkontrolle. Den Studierenden in Mannheim steht im Internet die Lernplattform „moodle“ mit Fallstudien zur Verfügung.

Das Lernen anhand von Fällen passt zum M2 nach der neuen ÄAppO. Der schriftliche Prüfungsteil stellt einen Paradigmenwechsel dar, denn ein Großteil der Fragen soll anhand von Fallbeispielen gestellt werden. Zum ersten Mal findet der schriftliche Teil des „Hammerexamens“ vom 17. bis 19. Oktober statt.

So viel zur Beruhigung: Dass die Studierenden dabei wesentlich schlechter abschneiden als bei den bisherigen Examina, ist nicht zu erwarten. Die Prüfungsergebnisse waren in den letzten Jahren stabil. Das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) hat nach eigenen Angaben kein Interesse daran, dass sich das ändert. Dr. med. Birgit Hibbeler

*Name von der Redaktion geändert
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