ArchivMedizin studieren1/2006PJ in Südafrika: Khayelitsha by night – Unterwegs mit Shawco

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PJ in Südafrika: Khayelitsha by night – Unterwegs mit Shawco

Schäfer, Mattias

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Foto: Sven Simon
Foto: Sven Simon
Kapstadt, abends gegen halb sieben: Mit einem weißen Truck mit dem Logo SHAWCO steuern wir eine der ärmsten Siedlungen der Stadt an: Khayelitsha. Der Laderaum des Lastwagens besteht aus vier kleinen Untersuchungsräumen, so genannten cubicles. Für viele der ärmsten Einwohner sind wir die einzige Möglichkeit, medizinisch versorgt zu werden. Selbst in strömendem Regen warten die Patienten und Patientinnen stundenlang an den bekannten Haltestellen (meist an ,community centres‘). Der Truck ist mit einer Hand voll Medizinstudierenden und einem verantwortlichen Arzt besetzt, die diesen Dienst in ihrer Freizeit leisten.“

Vor 50 Jahren gründeten Studierende der Universitätskliniken in Kapstadt die Students’ Healthcare and Welfare Centres Organization (SHAWCO). Sie wollten damit der völlig unzureichenden medizinischen Versorgung der Ärmsten der Armen begegnen. Ziel war eine Gesundheitsversorgung, die für jedermann erreichbar sein sollte. Dazu war es notwendig, dass die Kliniken zu den Menschen kamen und nicht umgekehrt, denn viele von denen, die in den Townships lebten, konnten sich nicht einmal den Bus in die Stadt leisten. Aus diesen Anfängen erwuchs das Konzept der mobile clinics – 50 Jahre später bin ich bei diesem Unternehmen dabei.

„An diesem Abend behandeln wir rund 50 Patienten. Häufig stellen sich allgemeinmedizinische Probleme, wie Kopfschmerzen oder Infektionen. Auffällig ist die große Angst der Menschen, durch Krankheit ihren Job zu verlieren – mehr als verständlich bei einer Arbeitslosenquote von rund 40 Prozent. Völlige Armut wäre die Folge. Uns stehen nur bescheidene Hilfsmittel zur Verfügung. Die klassische Anamnese mit unseren fünf Sinnen steht im Vordergrund – unterstützt von einem Stethoskop und einem Blutdruckmessgerät. Generika sind recht umfangreich vorhanden. Antiretrovirale Medikamente gibt es nicht.“

Die medikamentöse Therapie von HIV/Aids ist in Südafrika ein heißes Eisen. Viele Jahre wandte sich die Regierung strikt gegen eine Einführung antiretroviraler Medikamente. Sie gehörten zu den Anhängern der Duisberg-Theorien, die bezweifeln, dass das HI-Virus der Auslöser des (klinischen) Bildes von Aids ist. Erst in den letzten Jahren wurde auf internationalen Druck langsam mit der Einführung antiretroviraler Medikamente begonnen. Das Spektrum der Krankheiten in Südafrika reicht weit. Neben Aids ist die Tuberkulose eines der größten Probleme. Aber auch andere Infektionskrankheiten plagen die Menschen weit häufiger als in unseren Breiten. Und selbst die typischen Krankheiten der westlichen Industrieländer nehmen an Häufigkeit erschreckend zu: etwa Adipositas, Hypertonie und die koronare Herzkrankheit.

„Freiwillige Helfer (,community workers‘) registrieren jeden Patienten des SHAWCO-Trucks mithilfe eines Kärtchens, das uns als ,Patientenakte‘ dient. Eine Mutter drängt sich vor. Sie bringt ihren Sohn, zwei Monate mag er sein. Offenbar hat seine Schwester in einem unbeaufsichtigten Moment kochendes Wasser über ihn ausgegossen.“

Neben den Infektionskrankheiten sind Verbrennungen häufig ein Grund für das Aufsuchen der mobile clinics. Weite Teile der Townships sind noch nicht elektrifiziert. Offene Feuer oder billige Paraffinöfen sind an der Tagesordnung. Fast regelmäßig kommt es zu Explosionen oder Verpuffungen. Immer wieder entstehen in den Wintermonaten „shack fires“, regelrechte Stadtteilbrände, bei denen die Holzhütten wie Zunder brennen, und viele Menschen, vor allem Kinder, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen können, schwere Verbrennungen erleiden. Diese Patienten müssen oft nach der Erstversorgung in eine Klinik gebracht werden.

„Erst nach Mitternacht geht die Sprechstunde zu Ende. Das Engagement aller Beteiligten – vom Busfahrer bis zum verantwortlichen Arzt – ist beeindruckend. Ich habe viel gelernt, und für mich steht fest: Ich bin nicht zum letzten Mal bei SHAWCO dabei.“ Mattias Schäfer

SHAWCO Zahlen und Fakten:
Mehr als 700 Studierende der University of Cape Town und von Übersee, die vor allem Jugendentwicklungsprojekte leiten:
• Büchereien, Computertraining, Sportprojekte etc.
• 150 Medizinstudierende, die mithilfe von 40 bis 50 freiwilligen Ärzten fünf mobile Kliniken leiten: Masiphumelele in Nordhoek, New Rest an der Autobahn N2, Browns Farm in Phillipi, Joe Slovo in Milnerton und K1 Centre in Khayelitsha.
SHAWCO im Internet:
www.shawco.org

Foto: privat
Foto: privat
Wer sich für die Arbeit der SHAWCO interessiert, sollte eine Famulatur oder ein PJ-Tertial in Kapstadt machen. Kontakt zu allen Kliniken stellt Ms Pascaline Jacobs im „elective office“ her. E-Mail: elective @curie.uct.ac.za. Homepage der Uni Kapstadt: www.uct.co.za. Über sie kann auch nach einer preiswerten Unterkunft in Kapstadt gesucht werden. Kostenpunkt etwa 150 bis 250 Euro pro Monat. Der Flug schlägt mit rund 550 Euro zu Buche. Dazu kommen noch die Studiengebühren, die sich für ein ganzes PJTertial auf etwa 900 Euro belaufen.

Der vollständige PJ-Bericht im Internet:
www.aerzteblatt-studieren.de Webcode: 06004
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