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Hilfsorganisationen: Afrika in den Köpfen

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, SS 2006: 14

Bechhaus-Gerst, Marianne

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Fotos: Eberhard Hahne
Fotos: Eberhard Hahne
Um gleich zu Anfang allen Missverständnissen vorzubeugen: Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland und anderen europäischen Ländern leisten in Afrika und weiteren Ländern der immer noch so genannten Dritten Welt hervorragende Arbeit bei der Bekämpfung von Krankheiten. Gleiches trifft sicherlich auch für die meisten Hilfsorganisationen zu, die gerade in jüngster Zeit wieder mit unzähligen Plakaten unsere Spenden einwerben. Die Frage ist nur, in welches Afrika die einsatzbereiten Mediziner eigentlich reisen, für welches Afrika gespendet werden soll. Schon vor 130 Jahren hatte der Afrikaforscher Gottlob Adolf Krause bemerkt: „Es gibt zwei Arten von Negern. Solche die in Lehrbüchern und Köpfen von Europäern, und solche die in Afrika vorkommen. Beiden gemeinsam ist wenig mehr als der Name.“ Sieht man einmal von der Bezeichnung „Neger“ ab, die rassistisch ist und heute nicht mehr verwendet werden sollte, war Krause, wie sich aktuell wieder zeigt, mit dieser Äußerung seiner Zeit weit voraus.

„Es gibt zwei Arten von Negern. Solche die in Lehrbüchern und Köpfen von Europäern, und solche die in Afrika vorkommen. Beiden gemeinsam ist wenig mehr als der Name.“ Gottlob Adolf Krause, Afrikaforscher, 1876
„Es gibt zwei Arten von Negern. Solche die in Lehrbüchern und Köpfen von Europäern, und solche die in Afrika vorkommen. Beiden gemeinsam ist wenig mehr als der Name.“ Gottlob Adolf Krause, Afrikaforscher, 1876
Bei einer Fahrt durch die Stadt fiel mein Blick auf große Plakatwände mit riesigen Köpfen – zunächst wollte ich meinen Augen nicht trauen. Ein Blick auf die Homepage www.spendensieaugenlicht.de bestätigte jedoch die schlimmsten Befürchtungen. Die Christoffel-Blindenmission wirbt in ihrer neuen Kampagne mit den Gesichtern einer Afrikanerin und eines Afrikaners, die statt Augen Geldschlitze aufweisen. „Die Afrikaner sind Geldschlucker“, hatte eine fünfjährige Freundin meines Sohnes fröhlich bemerkt. Der kindliche Kommentar bestätigt nur, was Fürstin Gloria von Thurn und Taxis schon vor Jahren wusste: „Ganz Afrika lebt aus unserer Tasche.“ Die Abbildungen lösen eine Reihe von weiteren Assoziationen aus, von denen keine als positiv bezeichnet werden kann. Im christlichen Kontext groß geworden, kenne ich aus den 1960er-Jahren den so genannten Nickneger, eine Spardose in Form eines afrikanischen Jungen. Warf man eine Münze in den Geldschlitz, wippte der Kopf der Figur in dankbarer Unterwürfigkeit vor und zurück. Dieser Junge war ein Heidenkind, dem durch meinen Groschen der rechte Glaube nahe gebracht werden konnte. Weit schwerwiegender aber erscheint die komplette „Entpersönlichung“ der abgebildeten Menschen durch das Fehlen der zur Person machenden Augen. Afrikaner als gesichtslose Masse – Bilder, die uns aus Buch, Film und Fernsehen seit langer Zeit verfolgen.

Immer noch wird gerade in alltäglichen Kontexten kein Kontinent so stereotyp und klischeehaft charakterisiert wie der afrikanische. Legt Europa bei der Selbstdarstellung stets größten Wert auf die Betonung der kulturellen Eigenständigkeiten seiner Mitgliedstaaten, manchmal auch schon kleinster Regionen, wird Afrika meist als Einheit, sogar als Land betrachtet: Afrika – der schwarze, der dunkle Kontinent. Dürre, Hunger und Krankheiten, endlose Bürgerkriege, das sind Einzelteile eines Puzzles, das das populäre Bild Afrikas seit vielen Jahren ausmacht. Afrika, ein einziger kranker Krisenkontinent.

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Diese Bilder sollen jene auf den Plan rufen, die helfen wollen, sei es mit Geldspenden oder mit persönlichem Einsatz in einem afrikanischen Land. Doch auch und gerade „Gutmenschen“ haben dadurch Vorstellungen in den Köpfen, die von paternalistisch bis rassistisch ein Repertoire umfassen, das vor mehr als hundert Jahren in der Kolonialzeit entstanden ist. Hier scheint sich nur wenig bewegt zu haben. Auf einem Kinderbuch aus dem Jahr 1955 mit dem Titel „Albert Schweitzer. Ein Mann der guten Tat“ legt eben jener seine väterliche Hand auf den Kopf eines kleinen, ihn dankbar anlächelnden Jungen, der ihm Orangen als Geschenk darbietet. Gut fünfzig Jahre später bringen im neuesten Spot der Hilfsorganisation Care muntere kleine westliche Hubschrauber Einzelteile zum Bau eines Brunnens in ein afrikanisches Dorf, das – natürlich – aus winzigen Strohhütten besteht. Der Brunnenbau ermöglicht es einem am Ende ergeben lächelnden afrikanischen Jungen, einen Maiskolben zu ernten. Auch wenn man bereitwillig zugeben kann, dass es viele Krisen in Afrika gibt; es gibt auch anderes, das eben nicht gezeigt wird. Und die permanente Konfrontation mit Kriegs- und Hungerbildern suggeriert immer wieder, dass die Menschen in Afrika unselbstständig sind, sich nicht selbst helfen können, eben der führenden Hand des Westens bedürfen.

Ein anderer Aspekt, der gezeigt wird, ist der folkloristische. Afrika besteht aus Strohhütten. Dort hat es keine Entwicklung gegeben, ein modernes Afrika existiert meist nicht; oft wird nur bedauernd erklärt, dass das Gezeigte im Untergang begriffen ist. Diese beiden Aspekte bestätigen immer aufs Neue eine ebenfalls bereits seit der Kolonialzeit bestehende Stereotype: die des „faulen Afrikaners“. Dieser trommelt und tanzt lieber, als dass er arbeitet; deshalb gibt es diese ständigen Krisen und Hungersnöte.

Und welche Macht geben uns diese Darstellungen an die Hand. Unser Einsatz „rettet Leben“, „spendet Augenlicht“, „schenkt Zukunft“. Dass unsere Hilfe nicht immer und überall willkommen ist, mussten vor einigen Jahren vor allem diejenigen Organisationen und Einzelpersonen feststellen, die sich der Aids-Aufklärung verschrieben hatten. Ohne Kenntnisse der kulturellen Gegebenheiten auf einem Kontinent mit 52 Ländern, in denen zum Teil jeweils mehr als 100 Sprachen gesprochen werden, verordnete man Maßnahmen, die zum Scheitern verurteilt waren. Die Gründe wurden selten im eigenen Machbarkeitswahn gesucht. Geradezu selbstkritisch mutet da eine Homepage des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Hessen an: „Der Afrikaner ist ein Bauchmensch, das heißt, er hört primär auf seinen Bauch und seine Instinkte und erst dann auf seinen Kopf. Die Hilfsmaßnahmen des Westens müssen auf die Mentalität der afrikanischen Bevölkerung eingehen. Nur dann ist ein Erfolg möglich.“ Der Afrikaner ist ein Bauchmensch?

Marianne Bechhaus-Gerst lehrt am Institut für Afrikanistik der Universität zu Köln und forscht u. a. zu Afrikabildern in der Alltagskultur.
Marianne Bechhaus-Gerst lehrt am Institut für Afrikanistik der Universität zu Köln und forscht u. a. zu Afrikabildern in der Alltagskultur.
Die Menschen vom DRK wissen offenbar mehr als ich. Nach mehr als 25 Jahren der Beschäftigung mit Afrika, seinen vielfältigen Völkern, Kulturen und Geschichten habe ich weniger denn je eine Vorstellung davon, wer dieser oben genannte „Afrikaner“ eigentlich sein soll. Gottlob Adolf Krause hatte Recht: Es gibt ihn nur in unseren Köpfen. Aber von dort wird er projiziert, beispielsweise auf Plakate, die eigentlich Gutes bewirken sollen, aber letztendlich rassistisch und menschenverachtend sind. Dies bleibt nicht ohne Folgen für die reale weißdeutscheafrikanische Begegnung. In der Rheinischen Post konnte man vor einiger Zeit lesen, dass ein Hamburger Arzt einer Frau eine Allergie gegen Menschen mit schwarzer Hautfarbe attestiert hatte. Zu dieser Diagnose kam es nach einer Begegnung der Frau mit einem Mann aus Kamerun, den die Frau mit den Worten „gehen Sie aus dem Weg, ich habe eine ,Negerallergie‘“ beschimpft hatte. Prof. Dr. phil. Marianne Bechhaus-Gerst

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