ArchivMedizin studieren2/2006Ambulante Versorgung: Schöne neue Kassenarzt-Welt

Politik

Ambulante Versorgung: Schöne neue Kassenarzt-Welt

Maus, Josef

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Im Schatten der „großen“ Gesundheitsreform berät die Bundesregierung ein weiteres Gesetz, das die Strukturen bei den Niedergelassenen gravierend verändern wird.

Bisher war die Kassenarztlandschaft ebenso überschaubar wie unflexibel geordnet: die Einzelpraxis, die Gemeinschaftspraxis und die Praxisgemeinschaft. Viel mehr gab es bis vor wenigen Jahren nicht. Vor allem: Wer Kassenarzt oder Kassenärztin werden wollte, musste dies ganz oder gar nicht sein. Der Kassenarzt ist – bis auf wenige Ausnahmen – ein Vollzeitjob. Dies soll jetzt anders werden.

Die Bundesregierung plant mit dem sogenannten Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄG) eine weitgehende Liberalisierung der vertragsärztlichen Tätigkeit. Zurzeit steckt das Gesetzesvorhaben in der parlamentarischen Beratung. Es soll zum 1. Januar 2007 in Kraft treten. Vorgesehen ist, dass sich Vertragsärzte künftig innerhalb und außerhalb der Grenzen ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Berufsausübungsgemeinschaften zusammenschließen können.

Niedergelassenen Ärzten soll es erlaubt werden, Kolleginnen und Kollegen in unbegrenzter Zahl und fachgebietsübergreifend anzustellen. Ebenso soll die Gründung weiterer Praxissitze – auch mithilfe von angestellten Ärzten – gestattet werden. Selbst eine Teilzulassung sieht das VÄG vor.

Das bedeutet: Ärzte können beispielsweise halbtags im Krankenhaus oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum als Angestellte arbeiten und in der restlichen Zeit als Vertragärzte in der Praxis. Der Gesetzentwurf folgt in weiten Teilen den richtungsweisenden Beschlüssen des 107. Deutschen Ärztetages in Bremen aus dem Jahr 2004. Die dort verabschiedete neue (Muster-)Berufsordnung soll nun in das Vertragsarztrecht transformiert werden – ein Vorhaben, dass die Ärzteschaft ausdrücklich begrüßt.

„Natürlich ist die Einzelpraxis kein Auslaufmodell“, sagt Dr. med. Andreas Köhler, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Die Hausarztpraxis auf dem Lande, der Augenarzt in der kleineren Kreisstadt, der Gynäkologe im selben Stadtviertel: sie alle werden gebraucht.“

Zugleich, so Köhler, werde aber die Spezialisierung im fachärztlichen Bereich weitergehen – nicht zuletzt aufgrund des rasanten medizinischen Fortschritts. „Deshalb ist der Weg zum Ärztehaus, zum Medizinischen Versorgungszentrum und zur Kooperation mit Krankenhäusern wirtschaftlich und medizinisch richtig.“ Daneben kann künftig der Spezialist aus einer Großstadt zusätzlich in einem unterversorgten Gebiet auf dem Land tätig werden. Er kann dies auch gemeinsam mit Kollegen oder angestellten Ärzten tun. Der Krankenhausarzt mit halber Stelle kann in eigener Praxis tätig werden – mit einem hälftigen Versorgungsauftrag.

Insbesondere Ärztinnen können von den neuen Regelungen profitieren, wenn sie Beruf und Familie in Einklang bringen möchten. Das Gesetz eröffnet weitaus bessere Möglichkeiten zur Teilzeittätigkeit, die bislang in der Praxis sehr begrenzt waren. Schießlich soll es den Kassenärzten erlaubt sein, Zweigpraxen zu eröffnen, ohne dabei an das Einzugsgebiet ihrer KV gebunden zu sein. Dies alles zielt darauf ab, den ambulanten und stationären Sektor noch enger zu verzahnen.

Im Vordergrund der Betrachtung steht der jeweilige Versorgungsauftrag, weniger die Bindung an die Bereichsgrenzen. Diese neue Freizügigkeit eröffnet Ärztinnen und Ärzten zweifellos Perspektiven. Allerdings kann die Flexibilisierung der vertragsärztlichen Tätigkeit nur gelingen, wenn es eine neue Gebührenordnung mit festen Eurobeträgen gibt. Und da hakt es noch.

Das VÄG sieht die Ablösung der bisherigen Honorarbudgets erst zum 1. Januar 2009 vor. Bis dahin soll es bei den wechselnden Punktwerten für Kassenärzte bleiben. Deren Wert geht seit Jahren nach unten. Mittlerweile werden rund 30 Prozent der erbrachten Leistungen überhaupt nicht mehr vergütet.

Eine angemessene Vergütung, deren Höhe von vornherein bekannt ist, ist für die beruflichen Perspektiven angehender Ärztinnen und Ärzte indes genau so wichtig wie flexible Formen der Berufsausübung. In beiden Fällen scheint die Bundesregierung auf dem richtigen Weg. Die neue Kassenarzt-Welt wird mit vielen der althergebrachten Strukturen brechen. Und das muss nicht zum Nachteil der heranwachsenden Ärztegenerationen sein. Josef Maus
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema