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Schillers Werke sind von seinen medizinischen und psychologischen Kenntnissen geprägt. Foto: picture alliance/akg
Schillers Werke sind von seinen medizinischen und psychologischen Kenntnissen geprägt. Foto: picture alliance/akg
Arzt zu sein und zu schreiben – beides hat für mich etwas mit Kunst zu tun. Und auch sehr viel mit mir als Menschen. Man muss als Arzt die Kunst beherrschen, mit sehr individuellen Situationen umzugehen. Als Arzt male ich auch so etwas wie ein Bild. Denn ich präge mir die Lebensgeschichte meiner Patienten ein Stück weit ein und versuche damit, auch die Behandlung individuell zu komponieren“, sagte Prof. Dr. med. Dietrich H. W. Grönemeyer, der sich gleichermaßen als Arzt und Autor einen Namen gemacht hat, in einem Interview.

Der ärztliche Geschäftsführer der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. med. Dr. med. dent. Hans-Walter Krannich, sieht die Beziehung von Arzt und Kunst ähnlich: „Ärztliche Kunst ist das, was dem Patienten hilft, das heißt, der Arzt soll so in das Krankheitsgeschehen eingreifen, dass die Krankheit geheilt oder das Leiden wenigstens gelindert wird. Das erwartet der Patient, er darf es erwarten. Den ,state of the art‘, der aber nicht allein durch Einsatz von Hightech, Anwendung von evidence based medicine, von Leit- und Richtlinien zu erreichen ist.“

Die ärztliche Tätigkeit lässt sich also durchaus auch als Kunst bezeichnen. Vielleicht rührt daher auch die Affinität vieler bedeutender Ärzte zur Kunst im eigentlichen Sinn. So war bereits in der Antike Apollon gleichzeitig Gott der Medizin und der Dichtkunst. Gerade Ärzte, die sich der Schriftstellerei zuwandten, haben aber auch einen besonderen Erfahrungshorizont, was Gesundheit, Krankheit, Leiden und Heilen betrifft. Sie wissen außerdem um die ärztliche Hilf- und Sprachlosigkeit, den oft aussichtslosen Kampf gegen unheilbare Krankheiten und qualvolles Sterben und den Tod.

Zu Friedrich Schillers Aufgaben als Amtsarzt gehörten die Überwachung des Spitals, Hygienekontrolle, diagnostische Untersuchung und Rezeptausstellung. Wegen der Monotonie seiner Arbeit, des dürftigen Gehalts sowie der bedrückenden Atmosphäre in den Militärspitälern und Krankenstuben wuchs seine Unzufriedenheit. Hinzu kam das Wissen, dass sein Examen nur wenig wert war.

Zur Anerkennung der medizinischen Promotion und damit der Möglichkeit, in Württemberg zu praktizieren, bedurfte es noch einer weiteren an der Tübinger Universität abzulegenden Prüfung. Da er an den Herzog und an die Ausübung seiner Pflichten in Stuttgart gebunden war, entschied er sich im Jahr 1784 zur Flucht und zur endgültigen Aufgabe des ärztlichen Berufs.

Auch wenn er diesen „Broterwerb“ nur kurz ausgeübt hatte, so sind seine in den kommenden Jahren erschienenen Werke bezüglich des psychologischen Aufbaus der Handlung sowie der Anlage seiner Charaktere weithin von seinen medizinischen und psychologischen Kenntnissen sowie der praktischen Auseinandersetzung mit menschlichem Leid und Tod geprägt (dazu DÄ, Heft 22/2005).

Zum Glück für die Nachwelt folgte Schiller nicht der Empfehlung des Intendanten des Mannheimer Theaters, der ihm riet, „er solle lieber seinen Arztberuf ausüben, als sich weiterhin als Dichter zu versuchen“. Georg Büchner, der steckbrieflich gesuchte Medizinstudent, hielt sich mit Kritik auch an dem von ihm angestrebten Berufsstand nicht zurück. Im „Woyzeck“, der bei Büchners frühem Tod im Jahr 1837 als Fragment zurückblieb, ist der Arzt alles andere als eine Identifikationsfigur.

Vincent van Gogh porträtierte seinen Arzt, Dr. Gachet, mehrmals und war ein „Freund des Hauses“.Fotos: picture alliance/akg, dpa
Vincent van Gogh porträtierte seinen Arzt, Dr. Gachet, mehrmals und war ein „Freund des Hauses“.
Fotos: picture alliance/akg, dpa
Für den Doktor ist Woyzeck, der sich, um Geld zu verdienen, für medizinische Experimente zur Verfügung gestellt hat, lediglich „ein interessanter casus“. Anton Tschechow schrieb an seinen Verleger: „Sie raten mir, nicht zwei Hasen nachzujagen und nicht mehr an die praktische Medizin zu denken. Ich habe aber ein besseres und zufriedeneres Gefühl, wenn ich mir vor Augen halte, dass ich zwei Berufe habe. Die Medizin ist meine Ehefrau, die Literatur meine Geliebte. Das ist meinetwegen unanständig, aber dafür nicht langweilig.“

Weitere berühmte Schriftsteller, die auch Ärzte waren, waren Arthur Schnitzler, Gottfried Benn, James Joyce und Alfred Döblin, um nur einige zu nennen. Doch nicht jeder Arzt, der seine Liebe zur Kunst entdeckt, wird auch selbst künstlerisch tätig. Viele betätigten oder betätigen sich vielmehr als Mäzene.

So war Dr. Ferdinand Gachet, der Vincent van Gogh in dessen letzter Lebensphase betreute, im weitesten Sinn sein Förderer und Bewunderer. Der Maler porträtierte ihn mehrfach und war ein „Freund des Hauses“. Die lange vertuschte Liebesbeziehung zwischen dem 37-jährigen Vincent van Gogh und der 21-jährigen Marguerite Gachet hatte jedoch ein Hausverbot zur Folge.

Dennoch hielte Dr. Gachet die Grabrede, in der er unter anderem sagte: „Er kannte nur zwei Ziele: die Menschlichkeit und die Kunst.“ Der Lübecker Augenarzt Dr. Max Linde erkannte 1902 Edward Munch als „den Maler der Zukunft“. Linde, den Munch in einem Brief als „Multimillionär“ bezeichnete, erwarb als erstes das Bild „Fruchtbarkeit“ für 1 000 Kronen.

Auch heute noch sind Ärzte als Kunstsammler und -mäzene unverzichtbar für die Kunstszene. So nahm der Kölner Urologe Dr. med. Rainer Speck als einer der ersten frühzeitig Werke von Joseph Beuys und anderen maßgeblichen Wegbereitern der modernen Kunst in seine Sammlung auf. Der international renommierte Schweizer Chirurg Prof. Dr. med. Maurice Müller und seine Ehefrau stellten das Areal und mehr als die Hälfte der Baukosten von 110 Millionen Franken für das kürzlich eröffnete Paul-Klee- Zentrum in Bern zur Verfügung.

Durchaus umstritten sind dagegen die Plastinate Gunther von Hagens, der sich selbst in der Nachfolge Leonardo da Vincis sieht. Für zahlreiche Ärzte bedeutet Kunst oftmals eine Möglichkeit sinnvoller Freizeitgestaltung. Der schreibende oder malende Arzt kann sein Werk jederzeit korrigieren und überarbeiten. Diese Möglichkeit hat er im Berufsleben häufig nicht. Ärztliche Kunst erfordert nicht selten sofortiges, zielgerichtetes Handeln und Eingreifen. Ein „Schnitt“ kann irreversible oder irreparable Schäden verursachen.

Die Medizin ist heutzutage aber auch geprägt von Normen, Standardisierungen und ökonomischen Notwendigkeiten, die wenig Freiraum lassen. Der Freiraum, den die Kunst gewährt, bleibt dagegen erhalten. Gisela Klinkhammer

Der Beitrag beruht in weiten Teilen auf dem Vortrag „Arzt und Kunst – Medizin zwischen Wissenschaft und Kunst“, den Dr. med. Dr. med. dent. Hans-Walter Krannich am 30. November 2005 im Festsaal des Diakonissen-Hauses in Frankfurt/M. gehalten hat.
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