ArchivMedizin studieren2/2006Fälschungen in der medizinischen Forschung: Schein statt Sein

Medizin

Fälschungen in der medizinischen Forschung: Schein statt Sein

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: Mauritius Images
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Die Meldung ging um die ganze Welt. Im Frühjahr entzog die Universität Seoul dem südkoreanischen Klonforscher Woo Suk Hwang die Professur. Der Grund: Nahezu sämtliche seiner wissenschaftlichen Arbeiten stellten sich als manipuliert heraus.

Bekannt war Hwang mit seinen „Erfolgen” auf dem Gebiet der ethisch-moralisch umstrittenen Stammzellforschung geworden. Millionen Menschen hatte er Hoffnung auf Heilung von Stoffwechselerkrankungen und Lähmungen gegeben.

Den „Fall Hwang” kann man wohl als den bisher größten Wissenschaftsskandal bezeichnen; ein Einzelfall ist er jedoch nicht. Immer häufiger werden durch die Medien Fehlverhalten und Fälschungen in der Forschung bekannt, sowohl international als auch in Deutschland. Vorgekommen ist wissenschaftlicher Betrug indes bereits lange zuvor. So belegen wissenschaftshistorische Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass Galileo Galilei die grundlegenden Experimente für seine Erkenntnisse gar nicht wie angegeben durchführte.

Und auch Isaac Newton soll den Wert seiner Parameter so lange verändert haben, bis das von ihm gewünschte Ergebnis vorlag. Im Bereich der Medizin behauptete Louis Pasteur 1885 bei der Erstanwendung seiner Tollwutimpfung bei Menschen, dass er sie zuvor bei Hunden getestet hätte. Die Auswertung seiner Laborbücher ergab jedoch, dass dies schlicht gelogen war.

Im Fall von Hwang waren neun von elf menschlichen embryonalen Stammzelllinien, die der „Klonkönig” durch Kerntransfer (Verschmelzung einer entkernten Eizelle mit dem Nukleus einer Körperzelle) etabliert haben wollte, gar nicht existent. Bei den in der Zeitschrift „Science” veröffentlichten Fotos der Stammzelllinien handelte es sich um geschickte Duplikate, sodass selbst Koautoren und Gutachter die Manipulation zunächst nicht bemerkten.

Deutscher Skandal sorgte für Taten
Wie Hwang hatte zuvor auch der international bekannte deutsche Krebsforscher Prof. Dr. med. Friedhelm Herrmann mit den Hoffnungen von Patientinnen und Patienten gespielt. Seine Karriere endete 1997/98 mit dem größten deutschen Fälschungsskandal. Eine Task Force der Deutschen Forchungsgemeinschaft (DFG) untersuchte die Arbeiten Herrmanns und fand manipulierte Laborergebnisse, gefälschte Abbildungen oder Tabellen und Diagramme mit frei erfundenen Werten.

Zudem hatte Herrmann einige bei Bewerbungen als „in press” angegebene Publikationen gar nicht oder in weniger angesehenen Zeitschriften veröffentlicht und einen Forschungsantrag eingereicht, der mit einem niederländischen Antrag (der ihm zuvor zur Begutachtung vorgelegen hatte) nahezu identisch war. Herrmann gab die Fälschungen jedoch niemals zu. „Freiwillig” schied er aus dem öffentlichen Dienst aus. 2004 wurde gegen eine Zahlung von 8 000 Euro das strafgerichtliche Verfahren gegen ihn eingestellt. Angestoßen durch den „Fall Herrmann” veröffentlichte die DFG 1998 die Empfehlungen „Selbstkontrolle in der Wissenschaft”.

Darin werden unter anderem alle Hochschulen aufgefordert, eigene Ehrenkodizes zu verfassen und Vertrauenspersonen zu benennen, an die sich Betroffene in Konfliktfällen oder bei vermutetem Fehlverhalten Fälschungen in der medizinischen Forschung SS C H EE II N Foto: Mauritius Images STATT SEIN edizin Deutsches Ärzteblatt Studieren.de⏐WS 2006/07 wenden können. Bei der DFG existiert seit 1999 eine „Anlaufstelle für Fragen guter wissenschaftlicher Praxis”.

Er verzauberte und betrog dieWeltöffentlichkeit: Stammzellforscher Hwang. Foto: dpa
Er verzauberte und betrog dieWeltöffentlichkeit: Stammzellforscher Hwang. Foto: dpa
Drei Ombudspersonen beantworten aufkommende Fragen und haben es sich zum Ziel gesetzt, vor allem den wissenschaftlichen Nachwuchs zu informieren und für das Problem zu sensibilisieren. Die 1998 formulierten Regeln sollen nach Ansicht der DFG feste Bestandteile der Lehre im Sinne einer „Forschungsethik” bereits während des Studiums und der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses sein.

Die Hochschulen sind ferner aufgefordert, bei Verstößen Verfahren und Sanktionen festzulegen. Diese reichen von Verweisen, Aberkennung von Ämtern bis zur Entlassung aus der Universität oder – bei Studierenden – zur Exmatrikulation. Der Entzug der Approbation ist hingegen selten. Herrmann praktiziert beispielsweise heute in München unter dem Titel „Prof. Dr. med.”.

Und auch Tiermediziner Hwang will wieder forschen und wird dem Vernehmen nach dabei von einer Firma unterstützt. An den meisten Hochschulen sind die Kodizes und entsprechende Kommissionen inzwischen etabliert. 2002 bestätigte ein Gremium der Universität Göttingen wissenschaftliches Fehlverhalten bei einer Krebsstudie, auf deren Basis allerdings bereits ein Massenversuch mit 400 Patienten unternommen worden war. Weitere Fälle, die ebenfalls die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zogen, folgten trotz allem.
Beweggründe der „Fälscher”
Angesichts der Serie von Betrugsfällen, bei denen die Forscher die Gefahr der Enttarnung sowie auch gesundheitliche Schäden bei Patienten in Kauf nehmen, stellt sich die Frage nach ihren Beweggründen zum Betrug.

Psychologen gehen zwar in einigen Fällen auch von ideellen Beweggründen aus, wie sie bei Galilei und Newton möglicherweise die Hauptrolle spielten. Nach dieser Theorie sind besonders kreative Wissenschaftler dermaßen von der Richtigkeit ihrer Idee überzeugt, dass sie alles tun, um ihr Anerkennung zu verschaffen. Als Grund für den Betrug wird heutzutage jedoch vor allem der immer stärker auftretende Erfolgsdruck im Wissenschaftsbereich genannt, der Zwang, möglichst schnell Resultate vorzulegen. Nicht selten führt er sowohl zu wenig gesicherten Ergebnissen als auch im Extremfall zu Manipulationen.

Ein weiterer Grund für Wissenschaftsbetrug ist auch der immer härtere Kampf um Forschungsfördermittel und damit um den Erhalt der Arbeitsstelle. Wissenschaft ist bei vielen Forschern zum „Job” und zu einem „Überlebenskampf” geworden. Hinzu kommen persönliches Geltungsbedürfnis, politische und ideologische Motivationen sowie das Streben nach finanziellem Gewinn.

Bereits Studierende sind versucht
Den Druck, schnell Ergebnisse vorlegen zu müssen, und das Gefühl, sich keine Fehlversuche erlauben zu dürfen, verspüren auch bereits viele Studierende, die an ihrer Promotion arbeiten. Die Wahl von „sicheren” Themen, die eigentlich gar keiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit bedürfen, die Inanspruchnahme unerlaubter fremder Hilfe gegen Geld, Plagiate mehr oder minder großen Ausmaßes sowie auch die Manipulation von Ergebnissen sind leider auch Methoden von Studierenden und Medizinabsolventen, die den Doktortitel erlangen wollen. Sie mindern die Qualität und den Ruf der Arbeiten.

Unter anderem um die Güte der Promotionsarbeiten zu heben, spricht sich der Wissenschaftsrat (Beratergremium für Wissenschaft und Politik in Deutschland) seit längerem für zwei separate Medizinstudiengänge aus. Ein auf die praktische Tätigkeit orientierter Zweig soll Studierende zu Ärzten ausbilden, ohne dass eine anspruchsvolle wissenschaftliche Arbeit nötig ist.

Der wissenschaftlich orientierte Zweig soll Studierende hingegen auf die Forschung im Bereich der Medizin vorbereiten und mit der Fertigstellung einer anspruchsvollen Dissertation enden. Vielfältige Anstrengungen werden notwendig sein, um Fälschungen in der medizinischen Forschung zu minimieren. Doch sie lohnen sich.

Denn schließlich steht nicht nur der Ruf eines einzelnen Wissenschaftlers, sondern auch insgesamt die Glaubwürdigkeit der medizinischen Forschungsergebnisse auf dem Spiel. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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