ArchivMedizin studieren2/2006Zunahme der Lebenserwartung: Größenordnung, Determinanten, Perspektiven

Medizin

Zunahme der Lebenserwartung: Größenordnung, Determinanten, Perspektiven

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2006/07: 32

Weiland, Stephan K.; Keil, Ulrich

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ZusammenfassungDie durchschnittliche Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt ist in den alten Bundesländern zwischen 1980 und 2002 bei Männern von 69,9 auf 75,6 Jahre und bei Frauen von 76,6 auf 81,3 Jahre gestiegen. Dies entspricht einer Zunahme von mehr als zwei Lebensjahren pro Dekade. Der Anstieg in den neuen Bundesländern nach 1990 war noch steiler. Bei der Lebenserwartung belegt Deutschland im internationalen Vergleich dennoch keinen Spitzenplatz. Weltweit, das heißt in Ländern mit den jeweils höchsten Werten, steigt die Lebenserwartung seit 160 Jahren konstant um etwa 2,3 Jahre pro Dekade. Um in Deutschland den Anschluss an die internationale Entwicklung zu halten, ist es daher wichtig, neben Verbesserungen der therapeutischen Versorgung die Möglichkeiten der Prävention konsequent zu nutzen. Wenn dies gelingt, sind die Aussichten auf ein zunehmend längeres Leben für die Menschen in Deutschland ausgezeichnet. Schlüsselwörter: Lebenserwartung, Prävention, Mortalität
LNSLNS Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland steigt seit vielen Jahren in einer bemerkenswerten Größenordnung. Lag 1980 die Lebenserwartung von Männern zum Zeitpunkt der Geburt in den alten Bundesländern noch bei 69,9 Jahren, so waren es im Jahr 2002 bereits 75,6 Jahre (Grafik). Innerhalb von 22 Jahren betrug die Zunahme also 5,7 Jahre. Dies entspricht einem Anstieg von 2,6 Lebensjahren pro Dekade. Bei den Frauen war der Anstieg mit 4,6 Jahren nur wenig geringer und erreichte im Jahr 2002 eine Lebenserwartung von 81,3 Jahren.

Der Unterschied in der Lebenserwartung von Männern und Frauen beträgt derzeit fast sechs Jahre. So große Differenzen zwischen den Geschlechtern sind zwar typisch für hoch entwickelte Industriestaaten, aber keineswegs biologisch zwingend, sondern wahrscheinlich zu großen Teilen auf Unterschiede in Lebensführung und Lebensbedingungen zurückzuführen. Die bei den Männern früher einsetzende Epidemie des Rauchens spielt dabei sicherlich eine wesentliche Rolle, kann aber die Differenz allein nicht erklären.

Ein anderes, überaus interessantes Phänomen des vergangenen Jahrzehnts in Deutschland ist, dass sich die rasche Annäherung der Lebensverhältnisse in den alten und neuen Bundesländern auch deutlich in der Lebenserwartung niederschlug (Grafik). Betrug der Unterschied 1990 – dem Jahr der Wiedervereinigung – für Männer 3,5 Jahre und für Frauen 2,8 Jahre, waren es 1997 – als das Statistische Bundesamt die getrennte Darstellung beendete – nur noch 2,0 Jahre für Männer und 1,0 Jahr für Frauen. In den neuen Bundesländern ist also innerhalb von nur sieben Jahren die Lebenserwartung bei Frauen und Männern um 3,2 Jahre gestiegen.

In den alten Bundesländern geht sowohl bei Männern (2,6 von 5,8 Jahren) als auch bei Frauen (2,2 von 4,6 Jahren) der größte Beitrag zur gestiegenen Lebenserwartung auf eine deutliche Reduktion der altersspezifischen Mortalität an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück. Deutlich geringer sind die Fortschritte bei den bösartigen Neubildungen (beide Geschlechter jeweils 0,6 Jahre). Eindrucksvoll ist der Gegensatz zwischen den Geschlechtern in Bezug auf den Lungenkrebs. Während bei den Männern eine deutliche Steigerung der Lebenserwartung durch eine verminderte Mortalität aufgrund von Lungenkrebs beobachtet wurde, führte bei den Frauen die gestiegene Mortalität durch Lungenkrebs zu Einbußen bei der Lebenserwartung.

Der größte Effekt bei den bösartigen Neubildungen ist jedoch sowohl bei Männern als auch bei Frauen auf eine Abnahme der Sterblichkeit an Magenkrebs zurückzuführen. Dieser Rückgang ist im Wesentlichen durch eine seit Jahren sinkende Neuerkrankungsrate (Inzidenz) bedingt.Die dritte wichtige Kategorie bilden die Todesfälle durch äußere Ursachen (ICD-10 V01-Y98). Ihr Beitrag betrug bei den Männern fast ein Jahr, davon gehen etwa sechs Monate auf eine Reduktion tödlicher Verkehrsunfälle zurück. Der Anteil perinataler Mortalität hat gegenüber früheren Jahrzehnten deutlich an Bedeutung verloren.

Eine todesursachenspezifische Analyse der besonders schnell steigenden Lebenserwartung in den neuen Bundesländern (1990–1997) zeigte, dass hierfür noch stärker als bei den Veränderungen in den alten Bundesländern eine Reduktion der Mortalität an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (1,7 Jahre bei Männern und 1,9 Jahre bei Frauen) verantwortlich war. Auch der Beitrag von Krankheiten des Respirationstrakts (0,35 beziehungsweise 0,23 Jahre) und der Mortalität durch äußere Ursachen (0,47 beziehungsweise 0,36 Jahre) war im Vergleich zu anderen Todesursachen stärker ausgeprägt als in den alten Bundesländern. Ein Zugewinn an Lebenserwartung durch eine Abnahme bösartiger Neubildungen wurde hingegen nicht beobachtet. Ihr Beitrag reduzierte sogar leicht (< 1 Monat) den Anstieg der Lebenserwartung bei Männern und Frauen.

Perspektiven für eine weitere Steigerung
2002 berichteten Oeppen und Vaupel in dem US-amerikanischen Wissenschaftsmagazin „Science“ über ein außerordentlich interessantes Phänomen: Seit 160 Jahren (seit 1840) steigt die Lebenserwartung konstant und nahezu linear an. Die Länder, die an der Spitze liegen, wechseln dabei häufig. Die Lebenserwartung in Deutschland hat sich in den vergangenen 100 Jahren stark den internationalen Spitzenwerten angenähert. Dennoch gibt es ein nicht geringes Potenzial für weitere Verbesserungen. Die Tabelle zeigt, dass Deutschland im Jahr 2002 im europäischen Vergleich keineswegs einen Spitzenplatz belegte. Spitzenreiter bei den Männern war Island mit einer Lebenserwartung von 78,4 Jahren und bei den Frauen Frankreich mit 83,5 Jahren.

Die Erfolge bei den Herz- Kreislauf-Erkrankungen waren in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten beeindruckend. Sie wurden sowohl durch Verbesserungen der medizinischen Versorgung in Krankenhäusern als auch durch Erfolge bei der primären und sekundären Prävention der Risikofaktoren erreicht. Dennoch ist das Potenzial für eine weitere Reduktion der Mortalität keineswegs ausgeschöpft. Die Prävalenz der kardiovaskulären Risikofaktoren in Deutschland ist nach wie vor sehr hoch. In der MONICA-Kohortenstudie Augsburg konnten mehr als 65 Prozent der beobachteten Myokardinfarkte durch die „klassischen Risikofaktoren“ Rauchen, Hypertonie, Hypercholesterinämie erklärt werden. Auch die Versorgung von Patienten mit gesicherter koronarer Herzkrankheit ist nicht optimal.

Die EUROASPIRE-Studie legte dar, dass durchschnittlich 19 Monate nach der Diagnose einer koronaren Herzkrankheit bei mehr als 60 Prozent der Patienten noch immer mindestens zwei Risikofaktoren nachweisbar waren. Im zeitlichen Vergleich – 1995/1996 versus 1999/2000 – zeigte sich zwar eine Abnahme der Hypercholesterinämie um 20 Prozent, die Häufigkeit von Hypertonie und Adipositas war jedoch angestiegen. ACE-Hemmer, Betablocker, Lipidsenker und insbesondere Statine wurden zum Zeitpunkt der zweiten Studie öfter eingesetzt. Insgesamt war die Sekundärprävention der koronaren Herzkrankheit, wie in den meisten an der internationalen Studie teilnehmenden Zentren, unzureichend. Im Bereich der primären und sekundären Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten besteht also noch ein großes Potenzial für weitere Verbesserungen.

Kampf gegen Krebserkrankungen enttäuschendDer Beitrag der Krebserkrankungen zur Erhöhung der Lebenserwartung fällt im Vergleich zu dem der Herz-Kreislauf- Erkrankungen gering aus. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren zeigte sich jedoch eine Tendenz zu steigenden Beiträgen. Zweifellos wurden bei bestimmten Tumorerkrankungen, wie beispielsweise bösartigen Neubildungen im Kindesalter, durch neue Therapien große Erfolge erzielt. Dennoch sind die Fortschritte beim Kampf gegen die bösartigen Neubildungen trotz enormer Anstrengungen, insbesondere auch bei der klinischen Versorgung, enttäuschend. In den USA ist ebenfalls nur eine geringe Abnahme der Krebsmortalität beobachtet worden. Als Konsequenz wurde eine stärkere Förderung der Präventionsforschung und eine bessere Umsetzung der Erkenntnisse aus Präventionsstudien gefordert.

Es ist davon auszugehen, dass die Erfolge bei der Bekämpfung von Krebserkrankungen in den nächsten Jahren zunehmen werden. Dabei kommt der Prävention, neben der weiteren Verbesserung von Therapien, eine große Bedeutung zu. Dass gegen das Rauchen (keineswegs gegen die Raucher – der Begriff „Anti-Raucher-Kampagne“ ist nicht korrekt), das in Deutschland für etwa 20 Prozent der Krebserkrankungen verantwortlich ist, nicht entschlossener vorgegangen wird, ist ein gesundheitspolitisches Desaster. Rauchen ist in Deutschland der wichtigste vermeidbare Risikofaktor. Welche Bedeutung das Rauchen hat, lässt sich gut daran demonstrieren, dass bei Männern, die heute weniger rauchen als vor Jahren, eine verringerte Mortalität durch Lungenkrebs die Lebenserwartung um fast zwei Monate verlängert hat. Dies entspricht etwa einem Drittel des gesamten Zugewinns bei den bösartigen Neubildungen. Bei Frauen, die heute öfter rauchen, ging hingegen etwa ein Drittel des Zugewinns an Lebenserwartung durch andere Tumoren aufgrund von häufiger vorkommenden Lungenkarzinomen verloren.

Ausblick
Künftig werden die genetische und die molekulare Forschung eine wichtige Rolle spielen. Zu enthusiastische Erwartungen an die Ergebnisse dieser Forschung für die Prävention und Heilung von Krankheiten bergen jedoch die Gefahr, dass die Prioritäten für die Gesundheitsforschung und -förderung verzerrt werden. Die wichtigen chronischen Erkrankungen werden in der Regel durch ein komplexes Zusammenspiel von genetischen Faktoren und von Umweltfaktoren – wie zum Beispiel Fehlernährung, mangelnde körperliche Aktivität, Übergewicht, Rauchen und Alkohol – verursacht. In Deutschland ist die Bedeutung des Übergewichts noch nicht so groß wie in den USA, aber auch hier hat die Häufigkeit von Übergewicht bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Schließlich tragen gesellschaftliche und soziale Determinanten ganz wesentlich zur Inzidenz und zum Verlauf von Krankheiten bei. Faktoren wie Ausbildung, Einkommen, Berufsstatus, Mangel an sozialem Rückhalt sowie psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz und in der Familie haben einen wichtigen Einfluss auf Morbidität und Mortalität.

Prof. Dr. med. Stephan K. Weiland Abteilung Epidemiologie Universität Ulm Helmholtzstraße 22 89081 Ulm E-Mail: stephan.weiland@uni-ulm.de Langfassung des Beitrags und Literaturverzeichnis unter:
www.aerzteblatt-studieren.de/artikel/061072

Summary
Average life expectancy at birth in western Germany has increased between 1980 and 2002 from 69.9 to 75.6 years for men and
from 76.6 to 81.3 years for women, reflecting a gain of more than two years per decade. The increase in eastern Germany after
1990 was even steeper. Yet, internationally life expectancy in Germany is not ranked at the top. Record life expectancy worldwide has constantly increased over the last 160 years with an average gain of
about 2.3 years per decade. To keep up with the international trends, Germany will need not only to strive for improvements
in therapy, but also to exploit more fully the possibilities of prevention. If this is accomplished chances for a longerlife of citizens in Germany are excellent. Key words: life expectancy, prevention, mortality
1Abteilung Epidemiologie, Universität Ulm: Prof. Dr. med. Stephan K. Weiland, Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin, Universität Münster: Prof. Dr. med. Ulrich Keil

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