ArchivMedizin studieren2/2007Lernen fürs Hammerexamen: Nicht in Schockstarre verfallen

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Lernen fürs Hammerexamen: Nicht in Schockstarre verfallen

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2007/08: 8

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Zur Vorbereitung auf das Hammerexamen bleibt nach dem praktischen Jahr wenig Zeit, die Stoffmenge ist immens. Wie kann man es trotzdem schaffen?

Die Erinnerung schreibt mit goldener Feder. Das klingt hochtrabend, bedeutet aber nichts anderes, als dass Menschen manchmal schlimme Ereignisse im Nachhinein positiver bewerten, als sie wirklich waren. Und an diesem Sprichwort muss etwas dran sein. Anders lässt sich zumindest nicht erklären, was im Kopf von Katharina Höfert* (27) vorgeht: „Ich würde jetzt wirklich lieber noch einmal das Physikum machen, wenn ich die Wahl hätte“, sagt sie. Die Medizinstudentin ist nicht verrückt oder masochistisch veranlagt. Höfert bereitet sich zurzeit auf den Zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (M2, „Hammerexamen“) vor. Verglichen mit der Stoffmenge, die sie dafür lernen muss, kommt ihr das Physikum nun harmlos vor. „Aber für Selbstmitleid hat man ja gar keine Zeit“, meint Höfert. Mit den Fehltagen am Ende des praktischen Jahres (PJ) bleiben ihr etwa 100 Tage bis zur schriftlichen Prüfung. Am 15. Oktober geht es los.

Wenig Zeit, in dem der Stoff des gesamten klinischen Abschnitts auf dem Programm steht. Wie schafft sie das? „Gute Frage“, sagt Höfert. Wichtig findet sie zunächst einmal einen festen Tagesablauf: Aufstehen, in die Bibliothek fahren, Lernen, Mittagessen, Lernen und wieder nach Hause. Sie lernt etwa sieben Stunden am Tag. „Zum Glück verpasst man ja bei diesem verkorksten Augustwetter noch nicht einmal den Sommer“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Einen Tag in der Woche geht sie arbeiten und einen Tag nimmt sie sich ganz frei. „Dann muss man einfach mal ganz weg vom Schreibtisch.“

Höfert hat sich zusammen mit einer Freundin einen genauen Plan gemacht, welches Fach sie in wie vielen Tage lernen will und wie viel Zeit zum Wiederholen bleibt. „Sonst verzettele ich mich.“ Sie lernt mit Kurzlehrbüchern, schlägt viel im Pschyrembel nach. Und noch viel wichtiger: Sie kreuzt und klickt Altfragen. Schwierig sei es aber, sich auf die Fallstudien vorzubereiten. Im neuen M2 werden etwa 180 der 320 Fragen im Rahmen von Fällen gestellt. Die Beispiele in der Vorbereitungsliteratur findet Höfert aber zu einfach. Zur Orientierung hat sie sich von Bekannten die Prüfungsfragen der ersten beiden Hammerexamen besorgt.

Die Originalfragen vom Herbst 2006 und Frühjahr 2007 sind bislang nicht im Handel, weil das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungfragen (IMPP) sie nicht zur Veröffentlichung freigegeben hat. Das beeinträchtige aber nicht die Prüfungsvorbereitung, meint IMPPDirektor Dipl.-Psych. Prof. Dr. med. Jürgen Neuser. „Wenn für alle die gleichen Bedingungen herrschen, dann kann man nicht von einem Nachteil sprechen.“ Neuser kündigte jedoch an, das IMPP werde nach dem Examen im Herbst Lizenzen zur Veröffentlichung an Verlage geben. Zur Vorbereitung ist es aus Neusers Sicht besonders wichtig, die Technik des Multiple-Choice-Verfahren zu üben. Entscheidend sei es außerdem, nicht einzelne Fächer zu lernen, sondern einen Querbezug zwischen unterschiedlichen Disziplinen herzustellen. „Es gibt bislang aber nur wenig Literatur, die diesen Aspekt vermittelt“, räumt er ein.

Eine weitere Empfehlung Neusers: Arbeitsgruppen bilden. Das hat Höfert schon umgesetzt. Mit ihrer Lerngruppe trifft sie sich regelmäßig. Eine gute Übung fürs Mündliche, findet sie. Und es mache mehr Spaß, falls man in diesem Zusammenhang von Spaß sprechen könne. Aber es gibt ja auch noch ein Leben nach dem Examen. Dann will Höfert erst einmal Urlaub machen. Buchen muss sie allerdings recht kurzfristig, weil die mündlichen Prüfungen bis Ende Dezember laufen können. Wohin genau es geht, weiß sie deshalb noch nicht. Fest steht aber schon: „Irgendwohin, wo Sonne ist.“ Dr. med. Birgit Hibbeler

Tipps zur Vorbereitung

Christian Schulz (27), Uni Witten/Herdecke, Examen im frühjahr nach zwölf Semestern: „Effektives Lernen ist eine individuelle Sache. Der Knackpunkt bei mir war nicht das Lernen an sich, sondern das Anfangen.
Außerdem neige ich zum Abschweifen. Die Zeit vor dem Hammerexamen ist aber mit zweieinhalb Monaten sehr kurz. Deshalb habe ich fünf Freunde gebeten, jeweils an einem Wochentag meine Lernaktivität mit Anrufen und ,Droh-SMS’ zu überwachen. Außerdem sollte man rechtzeitig vor der Lernzeit Entspannungstechniken einüben, die man dann regelmäßig anwenden kann. Ganz wichtig finde ich auch den offenen Umgang mit der eigenen Angst. Mit der richtigen Einstellung ist das Hammerexamen machbar.“

Hannah Briesenick (28), TU München, Examen im Frühjahr nach 15 Semestern: „Auf jeden Fall sollte man die Fehltage ans Ende des PJ legen, sonst wird es knapp mit der Zeit. Aber von einem Lernsemester würde ich abraten. Ich kenne niemanden, der dann wirklich mit dem Lernen effektiv früher angefangen hat. Einen festen Lernplan hatte ich nicht, ich wollte den Frust vermeiden, wenn ich mich nicht daran halte. Ich habe mir gesagt: Ich schaffe so viel, wie ich schaffe, und den Rest schaff ich halt nicht. Gelernt habe ich vor allem mit dem Herold. Wenn man sich da reinhängt, kann man viele andere Fächer (wie Chirurgie oder Patho) auch richtig kreuzen. Darüber hinaus habe ich vor allem einzelne Krankheitsbilder anhand der Altfragen in verschiedenen Lehrbüchern nachgelesen. Ganz wichtig: Von Anfang an kreuzen, kreuzen, kreuzen. Mit den Fallbeispielen hatte ich nicht so große Probleme. Man darf sich nur von der Fülle an Informationen nicht verwirren lassen. Eine große Hilfe war meine Lerngruppe: Ich war dadurch besser aufs Mündliche vorbereitet. Außerdem war es gut, zusammenzusitzen und zu merken, dass man nicht allein ist.“

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Prof. Dr. med. Udo Obertacke (49), Leiter des Kompetenzzentrums
Praktisches Jahr an der Medizinischen Fakultät in Mannheim: „Die gute Nachricht zuerst: Diese Prüfung ist zu schaffen. Sie ist anstrengend, aber sie eröffnet wirklich einmal die Chancen, das abzuprüfen, was bei den Studierenden vorliegen sollte: abrufbare ärztliche Kernkompetenzen. Wenn die Studierenden die Fehlzeiten bewusst einsetzen, dann bleibt etwa eine ununterbrochene Lernphase von drei Monaten. Dies ist völlig ausreichend.
Von einem Lernsemester ist abzuraten, denn in einem Zeitraum von rund neun Monaten würden die praktischen Erfahrungen aus dem PJ bereits wieder verblassen. Den schriftlichen Teil können die Studierenden mit bereits vorliegenden Fragen trainieren. Die Vorbereitung für den mündlich-praktischen Teil sollte das PJ selber sein. Hier sind die Fakultäten in der Pflicht, Lernziele zu definieren. Die Studierenden sollten indes die vorgesehenen Studienzeiten dazu nutzen, wichtige Krankheitsbilder nachzuarbeiten. Die PJler müssen jede Gelegenheit, wie etwa die Visite, nutzen, um freie mündliche Patientenvorstellungen zu trainieren.“

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