ArchivMedizin studieren2/20072. Ärzteblatt-Wortwechsel: Alte Traditionen aufbrechen

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2. Ärzteblatt-Wortwechsel: Alte Traditionen aufbrechen

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2007/08: 13

Gieseke, Sunna

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Medizinstudierende sind hoch motiviert und wollen nach dem Examen kurativ tätig sein. Dennoch gehen immer mehr Ärzte ins Ausland. Ärzte und Studierende suchten nach Lösungen auf einer Podiumsdiskussion in Berlin unter dem Motto „Deutschland ohne Ärzte?“ Etwa 12 000 Ärzte haben in den letzten Jahren Deutschland den Rücken gekehrt. Die meisten versprechen sich eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zudem gelten Ausbildung und Arbeitszeiten zum Beispiel in Schweden, Großbritannien und der Schweiz als strukturierter. Das kann Dr. med. Frank Rissel, Allgemeinarzt aus Norrköping, nur bestätigen. Leben und Arbeiten sei zumindest planbar, betonte er bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Deutschland ohne Ärzte?“ im Rahmen des 2. Deutschen Ärzteblatt-Wortwechsels. So schließt der Allgemeinmediziner eine Rückkehr nach Deutschland kategorisch aus. In Schweden sei er rundherum zufrieden.

Die Mobilität auf dem internationalen Arbeitsmarkt entwickelt sich in Deutschland immer mehr zu einer Einbahnstraße. „Wir können nicht die Attraktivität des Auslands mindern, sondern nur die eigene steigern, und dafür ist es höchste Zeit“, sagte Maurice Dantes, von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Die große Mehrheit der Medizinstudierenden sei im Studium noch hoch motiviert. Der Berufseinstieg werde aber für viele zum Dämpfer. Unbezahlte Überstunden, ungeregelte Arbeitszeiten und eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielten dabei eine wichtige Rolle. Ebenfalls schrecken die jungen Ärzte die Hierarchien in deutschen Krankenhäusern ab. Alles Gründe, die viele ernüchtert ihr Heil im Ausland oder in alternativen Berufsfeldern suchen lassen. Folge: Der Ärztemangel in Deutschland nimmt zu.

„Die Fehler, die heute im stationären Bereich gemacht werden, haben weitreichende Auswirkungen. Der Nachwuchs fehlt später in den Praxen“, erklärte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes und Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer. Diese Entwicklung im niedergelassenen Bereich sei schon heute deutlich spürbar. „Schon jetzt ist mancherorts die Flächenversorgung schwierig.

Sogar im ,Speckgürtel‘ um Berlin gibt es freie Kassenarztsitze“, ergänzte Dr. med. Andreas Köhler,Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die Überalterung der Ärzteschaft biete dem Nachwuchs allerdings große Chancen. „Besonders wer bereit ist, sich an unattraktiven Standorten niederzulassen, dem wird heute ein roter Teppich ausgerollt und der hat auch gute Verdienstmöglichkeiten.“

Trotz Ärztemangels sollten sich Bewerber aber nicht auf ihren guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausruhen, rät Arbeitsmarktexperte Dr. Wolfgang Martin. Die Karriere sollte systematisch geplant werden. Dazu müssen sich die Bewerber gezielt informieren. „Alle möglichen Türen sind aufgestoßen. Das Leistungsspektrum in Krankenhäusern wird erweitert, entsprechend werden in Zukunft Fachärzte gesucht.“

„Ich selbst hatte auf meinem Lebensweg auch ein bisschen Glück“, räumte Prof. Dr. med. Marion Kiechle-Bahat ein, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. „Allerdings hatte ich aber auch einen festen Plan für meine Karriere im Kopf.“ Dies gibt sie auch immer ihren Studenten mit auf den Weg. „Wer als Bewerber oder Bewerberin einen festen Plan von seinem Berufsweg hat, ist fast schon engagiert“, sagte Kiechle-Bahat. Besonders Studentinnen sollten schon frühzeitig ein komplettes Karrierebild vor Augen haben, erläuterte die Ordinaria. Frauen fiele eine Karriere nach wie vor nicht einfach zu. Immer noch bedeute ein Kind in der Regel ein Knick in der Karrierelaufbahn von Ärztinnen. Daher seien flexible Arbeitszeitmodelle notwendig, um die Vereinbarkeit von Karriere und Familie zu stärken.

Das kann Dr. med. Esther Gaertner, Oberärztin am Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin nur bestätigen. Sie hat als Oberärztin eine Teilzeitstelle inne und kann so Kind und Karriere miteinander verbinden. Sie fordert: „Man muss alte Traditionen aufbrechen.“ Sunna Gieseke
Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
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