ArchivMedizin studieren2/2007Ausbildung in Entwicklungsländern: Kaiserschnitt auf Probe

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Ausbildung in Entwicklungsländern: Kaiserschnitt auf Probe

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2007/08: 22

Neuber, Harald

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LNSLNS Famulatur und praktisches Jahr in Entwicklungsländern sind beliebt. Der Reiz des fernen Landes kann schnell zu einem Problem werden, wenn man plötzlich selbst operieren soll. Die einen finden gerade das attraktiv, die anderen sind schlicht überfordert. Eine gute Vorbereitung ist daher sehr wichtig.

Baragwanath-Hospital im südafrikanischen Johannesburg: Das Arbeitstempo in diesem Mega-Hospital ist deutlich höher als in Deutschland, die Verantwortung für den PJler auch. Foto: vario images
Baragwanath-Hospital im südafrikanischen Johannesburg: Das Arbeitstempo in diesem Mega-Hospital ist deutlich höher als in Deutschland, die Verantwortung für den PJler auch. Foto: vario images
Im ersten Moment wusste sie nicht, ob die Frage ernst gemeint war. Patricia Hagen stand im OP des Virika-Hospitals im westugandischen Fort Portal. Zwei Patientinnen mussten per Kaiserschnitt entbunden werden. Eine von ihnen wurde der damals 23-jährigen Famulantin aus Berlin zugewiesen. „Der Arzt fragte mich nur knapp, in welchem Semester ich sei“, erinnert sie sich. Das war 2003, die Studentin war im siebten Fachsemester. Einen Kaiserschnitt hatte sie damals noch nie gesehen, geschweige denn ausgeführt. Den lokalen Arzt schreckte das nicht ab: „Dann mach du es“, sagte er und wies auf die Patientin. „Irgendwann musst du es ja lernen.“ Die junge Frau weigerte sich.

Szenen wie diese sind nicht selten in der ärztlichen Ausbildung im Ausland. Theoretisch ist die Arbeit von Famulanten und Studierenden im praktischen Jahr (PJ) an ausländischen Kliniken den Anforderungen deutscher Häuser angepasst. Schließlich, so heißt es in der Approbationsordnung, „sollen die Studierenden die während des vorhergehenden Studiums erworbenen ärztlichen Kenntnisse vertiefen und erweitern“. Allerdings müsse die Arbeit dafür „entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes“ ausgeführt werden. An diesem Punkt hapert es mitunter. Gerade in Entwicklungs-, aber auch in Schwellenländern sehen sich deutsche Medizinstudierende immer wieder Situationen ausgesetzt, die an heimischen Krankenhäusern undenkbar wären.

Etwa am Baragwanath-Hospital im südafrikanischen Johannesburg. Als eines der größten Krankenhäuser der Welt fasst das „Bara“ rund 3 200 Betten, in dem Haus arbeiten rund 7 000 Ärzte und Pfleger. Einzugsgebiet ist Soweto,das größte Armenviertel der Welt mit einer Bevölkerung von mindestens einer Million Menschen. Entsprechend ist die Arbeit: „Was man in Europa in einem Jahr als Arzt sieht, das sieht man im Bara in einer Woche“, heißt es in einem studentischen Erfahrungsbericht aus dem Internet. Wegen der überdurchschnittlichen Belastung der Ärzte sei das Arbeitstempo an dem Megahospital deutlich höher, als man es aus Deutschland gewohnt sei.

Am Bara gelte die Devise „See it, do it, teach it.“ Einmal eine Pleurapunktion gesehen, „dann selbst gemacht, dann unterrichtet man andere“. All das bedeute, viel Verantwortung zu übernehmen: „Es kam mir immer wieder die Frage hoch: Was ist ein Menschenleben wert?“ Ähnliches ist aus einem Bericht aus dem Jahr 2003 aus Kamerun zu erfahren. Während der OP gebe es dort nur Pfleger als Assistenten. Dies sei gut für die Studenten, denn: „Ich habe oft alleine mit dem Chirurgen operiert, und da durfte ich weit mehr machen als nur Instrumente reichen.“

Solche Berichte belegen: Der Einsatz im Ausland kann sich schnell als zweischneidiges Schwert erweisen. Zum einen werben Herkunfts- und Zielkrankenhäuser mit dem Vorteil, mehr machen und damit mehr lernen zu können als an einem heimischen Haus. Was aber, wenn die Aufgaben einen überfordern? Oder – auch diese Fälle gibt es – wenn europäische Studenten einen Teil der Praxisausbildung in Entwicklungsländern gezielt absolvieren, weil dort medizinethische Grenzen, wie sie in Industriestaaten bestehen, nicht eingehalten werden können? In beiden Fällen ist eine genaue Kontrolle der Anforderungen und Begleitung im Ausland notwendig. Zugleich kann sie von den zuständigen Stellen in Deutschland kaum geleistet werden.

Was bleibt, sind die eigene Kontrolle und Vorbereitung: „Vor ihrem ersten Auslandeinsatz sollten sich Studenten genau darüber informieren, was sie erwartet“, rät Peter Karle vom Internetportal „Stethosglobe“. Schließlich sollte man vor Ort lernen und helfen, aber nicht zur Last fallen. Wie auch medizinische Verlage und Universitäten bietet Karles Internetportal zahlreiche Erfahrungsberichte von Studierenden – vom Pflegepraktikum bis zur Assistenzarztstelle im Ausland.

Diese Erfahrungsberichte sind bislang die einzige Möglichkeit, sich auf einen Auslandsaufenthalt vorzubereiten. Das bestätigt auch Birgit Heller, die an der Berliner Charité im Büro „Charité International Cooperation“ (CHIC) die Austauschprogramme koordiniert: „Die Anforderungen und konkreten Situationen vor Ort lassen sich von hier aus nicht überprüfen.“ Auch an der Charité verlässt man sich daher auf die Berichte der Absolventen. „Außerdem entsteht eine Zusammenarbeit ja nicht von einem Tag auf den anderen“, fügt Heller hinzu. Oft entscheide man sich für einen bilateralen Austausch mit einer ausländischen Universität, weil schon Kontakte in Forschung und Lehre bestünden. Auch das sei eine Art der Kontrolle, weil die Fürsprecher die Situation vor Ort einschätzen könnten.

Vor unangenehmen Überraschungen bewahrt das nicht. Lea Barrie, die an der Charité vor dem Ende ihres Studiums steht, hat ihr letztes PJTertial im karibischen Trinidad und Tobago absolviert. Doch die Arbeit auf der Inneren des Port of Spain General Hospital gestaltete sich anders als erwartet. Die 25- jährige Deutsch-Kanadierin musste über Wochen hinweg Akten sortieren. „Natürlich habe ich am Anfang protestiert“, sagt sie rückblickend. Der Protest verstummte aber, als der verantwortliche Arzt erklärte, dass er am Ende die PJ-Bestätigung unterschreiben werde. Die ins Englische übersetzte Approbationsordnung, wie sie Kooperationskrankenhäusern regelmäßig zugeleitet wird, brachte in diesem Fall wenig. Auch wenn es darin eigentlich unmissverständlich heißt: „Die Studierenden dürfen nicht zu Tätigkeiten herangezogen werden, die ihre Ausbildung nicht fördern.“

Trotz solcher Probleme ist eine flächendeckende Kontrolle von Deutschland aus undenkbar. „Vonseiten der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) finden keine Exkursionen mit dem spezifischen Ziel einer gutachterlichen Stellungnahme statt“, sagte BÄK-Sprecher Hans-Jörg Freese. Ansonsten oblägen die Ausbildungsangelegenheiten den Approbationsbehörden der Länder, etwa den Landesprüfungsämtern. So bleibt nur die Selbstkontrolle der Studierenden. Der Blick ins Internet bei der Planung des Auslandsaufenthalts sollte in jedem Fall dazu gehören.

Auch, um böse Überraschungen zu vermeiden. Lea Barrie etwa wurde auf der Station zur Zahlung von 720 USDollar angehalten. Kurz vor ihrer Rückreise nach Deutschland erst stellte sich beim Gespräch mit der Dekanin heraus, dass es eine solche Gebührenpflicht gar nicht gibt. Zeit zum Protest blieb ihr nicht mehr. Harald Neuber
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