ArchivMedizin studieren2/2007Abrechnung von Krankenhausleistungen: Als aus Patienten Fälle wurden

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Abrechnung von Krankenhausleistungen: Als aus Patienten Fälle wurden

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2007/08: 24

Flintrop, Jens

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LNSLNS Mit der Umstellung von Tagessätzen auf Fallpauschalen hat die Orientierung an wirtschaftlichen Zielen in den Kliniken weiter zugenommen.

Nur auf eigene Verantwortung“, lautete früher regelmäßig die Antwort des behandelnden Arztes, wenn ein Patient am Freitag statt am Montag aus dem Krankenhaus entlassen werden wollte („weil am Wochenende ja sowieso keine Untersuchungen stattfinden“). Die meisten Patienten beugten sich in diesen Fällen dem ärztlichen Rat, und die zuständige Krankenkasse musste letztlich für zwei zusätzliche Tage Pflegesätze an das Krankenhaus überweisen.

Der Montag als klassischer Entlassungstag hat ausgedient. Heute kommt es nicht mehr darauf an, wie lange ein Patient im Krankenhaus bleibt, sondern einzig auf die vom Arzt gestellte Diagnose. Seit 2004 rechnen die Krankenhäuser ihre Leistungen auf der Basis diagnosebezogener Fallpauschalen ab (DRGs = Diagnosis Related Groups). Davon gibt es inzwischen mehr als 1 000.

Im Vergleich zum alten System der Tagessätze werden unter DRG-Bedingungen stärkere Anreize für ein wirtschaftliches Verhalten gesetzt: Gestaltet sich die Behandlung eines Patienten aufwendiger, als durch die pauschale Vergütung gedeckt, macht das Krankenhaus Verlust. Gelingt es aber, wirtschaftlicher zu arbeiten, als bei der Kalkulation der DRG-Pauschale berechnet, lässt sich ein Gewinn erzielen. Mit der DRG-Einführung sollten die Fehlanreize im System beseitigt, die Wirtschaftlichkeit der Leistungserbringung in den Kliniken erhöht und die Kosten insgesamt gesenkt werden.

Überfällige Umstrukturierungen
In der Tat ist die durchschnittliche Verweildauer in den Krankenhäusern seit der DRG-Einführung weiter gesunken: von 8,9 Tagen 2003 auf 8,7 Tage 2004 und 8,5 Tage 2006. Ausschlaggebend ist, dass die Umstellung des Abrechnungssystems in nahezu allen Krankenhäusern überfällige Umstrukturierungen ausgelöst hat. Da jeder „Fall“ ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch Kosten verursacht, wurden sämtliche Abläufe in den Kliniken hinterfragt und gegebenenfalls optimiert. Im Ergebnis werden heute viele medizinische Leistungen kostengünstiger erbracht als noch vor wenigen Jahren. Das so eingesparte Geld kann an anderer Stelle im System sinnvoller eingesetzt werden.

Die Fürsorge bleibt auf der Strecke
Doch die Abrechnung nach Fallpauschalen setzt auch Anreize für Verhaltensweisen, die so nicht gewollt waren. So kommt es vor, dass Patienten aus ökonomischen Gründen zu früh aus dem Krankenhaus entlassen werden („blutige Entlassungen“). Der Genesungsprozess muss dann teilweise außerhalb des Krankenhauses stattfinden, was vor allem für allein lebende Menschen eine Belastung ist. Auch werden Leistungen in den ambulanten und in den Rehabereich verlagert – ohne dass mehr Geld in diese Sektoren fließt. Verstärkt hat sich zudem der Trend zur Fragmentierung von Behandlungen. Um mehr Fälle abrechnen zu können, werden aus einem längeren Kranken­haus­auf­enthalt mehrere kurze gemacht („Drehtür-Effekt“).

Fotos: Fotolia/Nieciecki
Fotos: Fotolia/Nieciecki
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Ob diese Nebenwirkungen der DRG-Einführung nur vereinzelt auftreten oder gehäuft, das weiß zurzeit niemand. Zwar hat der Gesetzgeber festgelegt, dass bis Ende 2005 eine Begleitforschung zu den Auswirkungen des neuen Vergütungssystems vorliegen muss, ein entsprechender Forschungsauftrag wurde bis heute aber nicht vergeben.

Auf den Arbeitsalltag der Ärztinnen und Ärzte haben sich die neuen Abrechnungsmodalitäten eher negativ ausgewirkt, ist doch die ökonomische Logik zum Maßstab des Handelns in den Krankenhäusern geworden. Für persönliche Momente mit ihren Patienten, aus denen viele Ärzte Befriedigung und Kraft für ihre Berufsausübung ziehen, bleibt heute kaum noch Zeit. Jens Flintrop

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