ArchivMedizin studieren2/2007Höhe- und Tiefpunkte meines Medizinstudiums: Urologie

Subkutan

Höhe- und Tiefpunkte meines Medizinstudiums: Urologie

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2007/08: 28

Hein, Jakob

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es fällt mir schwer, meinen Kurs in Urologie eindeutig als Höhe- oder Tiefpunkt des Studiums einzuordnen. Das Plus und das Minus der Angelegenheit liegen relativ dicht beieinander: Ständig ging es nur um das eine. Und manchmal war es eben langweilig, die 17 Dichteunterschiede der Prostata, zwölf mögliche Verfärbungen des Urins oder die drei beliebtesten Zufahrtswege der Blasenchirurgie zu diskutieren.

Trotzdem wurde es nie langweilig. Auch der Laie kann in einer schriftlichen Urologie-Prüfung immer einen Punkt erlangen, wenn er sich merkt: Ein junger Mann mit plötzlich einsetzenden Schmerzen im Schritt und roter Verfärbung des Hodens hat eine Hodentorsion. Und die muss operiert werden. So eine Verdrehung meist des linken Hodens kommt plötzlich und aus völligem Wohlbefinden heraus vor und trifft vor allem jüngere Männer. Kein Seminarschlaf kann so fest sein, dass man nicht durch den Gedanken an diesen Schmerz geweckt wird. Und so manche schlaflose Nacht verbrachte ich in dieser Zeit damit, ganz still zu liegen und angstschweißgetränkt darauf zu achten, dass meine Hoden sich nicht verdrehen.

Dass man in der Urologie auf die lustigste Art und Weise promovieren kann, ist schon seit Langem bekannt.
Irgendwo in Deutschland gibt es nämlich einen Dr. med., dessen Promotion den Titel „Penisverletzungen durch Masturbationsversuche mit Staubsaugern“ trägt. Das Charakteristikum in den tragischen Kasuistiken der Dissertationsschrift beschriebenen Staubsaugers „Kobold“ ist, dass er vor seinem Ansaugmotor nur einen kurzen Schacht und kein schützendes Netz hat. Und der tragischste in der Promotion beschriebene Fall ist der eines Sohnes, der seinen Vater mit der entsprechenden Penisverletzung ins Krankenhaus einlieferte und dann sechs Stunden später im Nachbarbett aufgenommen wurde. Der Sirenengesang des „Kobolds“ hatte auch bei ihm seine mörderische Wirkung nicht verfehlt.

Selbstverständlich war auch bei uns das Seminar „Sexuelles Trauma“ ein Höhepunkt. Ganz wie in der Schulzeit legte der Urologe diesen Leckerbissen in eine gemütliche vorweihnachtliche Stunde mit Lebkuchen und Adventstee. Es war ganz zauberhaft und entschädigte für so manche Stunde, die man in Krankenhaushygiene-Vorlesungen beim Durchhecheln diverser Abfallordnungen verbracht hatte.

Unser Seminarleiter leitete die Veranstaltung gekonnt ein: „Wie Sie vielleicht alle wissen, ist der Pullermann nicht nur zum Pipimachen da.“ Er war Kinderspezialist. Wir verziehen ihm, weil es nun mit Dias, Röntgenbildern und Videofilmchen gespickt in die Vollen ging. Dies war in den Zeiten vor Viagra, als die Erektionshilfen noch entweder mechanischer (Regenschirm-Prinzip), pneumatischer (Luftballon- Prinzip) oder schwer kontrollierbarer chemischer Art waren. Das Problem der schwierigen Kontrolle bestand darin, dass im Gegensatz zum Volksglauben eine Dauererektion eher ungesund ist. Hier werden Venen geöffnet, und die arterielle Versorgung des Penis versiegt. Ein Opfer dieser Mittel war aus seinem Spanienurlaub zurückgekommen und hatte berichtet, dass er ein bisschen mehr genommen hatte und deshalb sieben Tage lang „konnte“. Man kann nur hoffen, dass er die Zeit genossen hat, es sollten in der Beziehung seine letzten sieben Tage gewesen sein.

Wir erfuhren von Menschen, die sich in Kreuzberger Piercing- und Frisierstudios Bleikugeln in den Sack machen lassen. Beim Versuch des Körpers, diesen Schmuck wieder aus sich herauszueitern, wollten die diversen Szenekünstler dann nicht mehr behilflich sein, da griff man doch besser auf einen Arzt zurück.

Nicht gewusst hatten wir, dass es Männer gibt, die sich ständig mit Messern an und um ihren Penis herumritzen.
Treffen sie dann mal eine Arterie, dann kommen sie in die Rettungsstelle. Das passierte nach Auskunft des Urologen nicht selten und war stets verbunden mit folgendem Gespräch in der Notaufnahme: Höhe- und Tiefpunkte meines Medizinstudiums 29 Urologe: „Was haben Sie denn da gemacht?“ Patient: „Ach, ich habe noch Teppich verlegt. Und dabei ist mir das Messer ausgerutscht.“ Urologe: „Sie haben nachts um drei einen Teppich verlegt?“ Patient: „Ja.“ Urologe: „Nackt?“ Patient: „Ja. Blöd, ne?“

Zahlreiche Narben älteren Datums in derselben Region wiesen auf einen passionierten Nachtnacktteppichleger hin.

Für den Schluss des Seminars allerdings hatte sich unser Dozent das beste Schmankerl aufgespart.
Die Ouvertüre dazu war eine Beschimpfung auf zwei Produkte: Memory-Draht und Penaten Creme. Memory-Draht ist ein Produkt, dessen Form man durch Erhitzen fixieren könne. Bei leichter Erwärmung nehme der Draht immer wieder diese Form an. Wenn er kalt sei, sei er von gewöhnlichem Draht nicht zu unterscheiden. Und Penaten Creme sei so ein ekliges Zeug, das kriege man nicht ab, klebe wie Pech und versaue einem die beste OP.

Die unglaublich klingende Geschichte hatte er zur Unterstützung mit Fotos unterlegt, denn wie gesagt, sie klang unglaublich: Ein Eisenbahner fristete in einem kalten Eisenbahnschüppchen seinen Nachtdienst. Und er hatte niemanden zum Gefährten als eine Rolle Memory-Draht und eine Dose Penaten Creme. Offensichtlich aus Langeweile oder so entschloss er sich, seine Dienstzeit zu verkürzen, indem er sich ein bisschen Draht in die Harnröhre schieben wollte. Also schmierte er den Draht mit Creme ein und machte sich ans Werk. Leider war in seiner Blase ein wenig Urin, wir dürfen annehmen, von den alkoholischen Getränken, die er sich wahrscheinlich zugeführt hatte. Hätte er einen Urologiekurs gemacht, hätte er gewusst, dass die Harnröhre einer der Wege zur Blase ist. Als der eingeschmierte Draht nun auf den muckelig warmen Urin traf, erinnerte er sich sofort an die Form, die er einmal hatte, nämlich spiralig auf die Rolle gewickelt. Und so rollte sich der Draht zusammen, aber diesmal in der Blase. Und von hinten zog er sich natürlich die restlichen Meter Draht hinterher.

Wäre der Eisenbahner sehr besonnen gewesen, dann hätte er den Draht in seiner Blase verschwinden lassen, wäre zum Arzt gegangen und hätte gesagt: „Raten Sie mal, was mir gerade Lustiges passiert ist.“ Aber den Mann packte die blanke Panik, und er versuchte, der Lage Herr zu werden, indem er die Rolle erst festhielt und dann festklemmte. Dabei fügte er sich schlimme Verletzungen zu. Aber, und wahrscheinlich hätten die Urologen uns sonst kaum was davon erzählt, diese Geschichte hat ein Happy End. Er wurde erfolgreich operiert, und alles sei wieder komplett o. k.

Trotzdem gingen wir Jungen mit schmerzverzerrten Gesichtern aus dieser lehrreichen Stunde, und die Mädchen hatten für einige wenige glückliche Stunden mal keinen Penisneid. Jakob Hein

Jakob Hein lebt als Arzt und Schriftsteller in Berlin. Bekannt wurde Hein unter anderem durch seine Romane „Mein erstes T-Shirt“ und „Vielleicht ist es sogar schön“.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema