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Medizin

Selbstversuche: Forschung unter Lebensgefahr

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2007/08: 30

Goddemeier, Christof

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Helicobacter pylori bescherte Barry Marshall Magengeschwüre und den Nobelpreis. Fotos: dpa
Helicobacter pylori bescherte Barry Marshall Magengeschwüre und den Nobelpreis. Fotos: dpa
Spinner oder Helden? Viele unerschrockene Wissenschaftler haben ihre Hypothesen im Selbstversuch getestet. Manche bezahlten diesen Forscherdrang mit dem Leben.

Als die Engländer 1801/02 das ägyptische Alexandria belagern, leiden die Truppen unter Pest und Wechselfieber. Andrew White ist Arzt im Krankenhaus von El Hammed. Er vermutet, dass beide Erkrankungen zusammenhängen und träumt von einer Pestschutzimpfung, wie es sie gegen Pocken schon gibt. Am 2. Januar 1802 reibt er sich Eiter aus dem Lymphknoten einer an der Pest erkrankten Frau auf den Oberschenkel und in eine Wunde am Arm. Er bekommt hohes Fieber, Achselund Leistenlymphknoten schwellen an. Am 9. Januar bittet er darum, ihn in das Pesthaus von Rosette zu bringen, wo er noch am selben Tag stirbt. Auf den ersten Selbstversuch in der Pestforschung folgen weitere – furchtlos impft man sich Blut von Erkrankten, verbindet die Einstichstellen mit blutgetränkten Lappen und schläft in Kleidern von an der Pest Verstorbenen. Bis Alexandre Yersin 1894 den Pesterreger (Yersinia pestis) entdeckt, bezahlen etliche ihren Forscherdrang mit dem Leben.

Ärztliche Selbstversuche findet man zwar in allen Bereichen der Medizin, doch nirgendwo ist die Gefahr der Selbstschädigung so groß wie auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten. Dabei sind gerade diese Erkrankungen lange Zeit das klassische Betätigungsfeld von Ärzten, die an sich selbst Experimente vornehmen. Sie tun das oft unter riskanten, lebensgefährlichen Bedingungen. 1883 entdeckt Robert Koch den Choleraerreger. Der Hygieniker Max Pettenkofer leugnet die Existenz des Kommabazillus nicht, doch er bezweifelt eine einfache Ansteckungsfähigkeit der Cholera. Ihm zufolge bestimmen örtliche und zeitliche Faktoren sowie die individuelle Disposition wesentlich den Verlauf der Erkrankung. Um seine Ansicht zu belegen, trinkt er 1892 nach dem Frühstück eine Bouillon mit frisch gezüchteten Choleravibrionen. Es kommt lediglich zu einer Darmverstimmung mit Durchfall, die innerhalb von einer Woche komplett ausheilt. Von mehr als 40 Cholera-Selbstversuchen berichtet die Medizingeschichte – keiner von ihnen endet tödlich.

Schob sich selbst den ersten Herzkatheter: Werner Forßmann, hier mit seiner Frau Elisabeth
Schob sich selbst den ersten Herzkatheter: Werner Forßmann, hier mit seiner Frau Elisabeth
Weniger Glück hat 1885 der peruanische Medizinstudent Daniel Carrión. Er will zeigen, dass zwei bis dahin ungeklärte Krankheitszustände lediglich verschiedene Formen ein- und derselben Infektionskrankheit darstellen, und lässt sich das Blut einer Frau verabreichen, die an der Peruwarze leidet. Rasch erkrankt er an der schwereren Variante mit hohem Fieber, Schmerzen und Blutarmut und muss seine Freunde bitten, seine Aufzeichnungen fortzusetzen. Zwei Wochen später stirbt der junge Mann im Alter von nur 27 Jahren. Den Erreger der Carrión-Krankheit – Bartonella bacilliformis – beschreibt 1909 der Peruaner Alberto Barton.

Dass Pellagra (= rauhe Haut) keine Infektionskrankheit ist, vermutet man schon länger. 1916 setzen Joseph Goldberger und seine Mitarbeiter ihrem Essen über Monate Hautschuppen, Blut, Nasen- und Rachensekret sowie Exkremente von Pellagra-Kranken zu. Alle überstehen die wenig appetitanregende Diät bei guter Gesundheit. Später zeigt sich, dass Pellagra auf dem Mangel an Niacin beruht und durch einseitige Ernährung (Mais) entsteht.

Zuweilen ist ein Selbstversuch auch mit angenehmen Gefühlen verbunden. 1884 lässt der junge Sigmund Freud sich Kokain schicken. Er will es in der Behandlung von Herzkrankheiten, nervösen Schwächezuständen und beim Morphiumentzug einsetzen. Innerhalb von sechs Wochen nimmt er zwölfmal Kokain und ist bald von der „wunderbaren stimulierenden Wirkung“ überzeugt. Das Mittel hilft ihm, Stimmungstiefs zu überwinden und vertreibt Magenbeschwerden und Kopfschmerzen. Womöglich erleichtert die Droge ihm den Zugang zum eigenen Unbewussten. Zur Behandlung von Krankheiten erweist sie sich jedoch als ungeeignet.

Ein bemerkenswertes pharmakologisches Selbstexperiment führt 1804 der Apotheker Friedrich Sertürner durch. Nachdem er aus Opium den schlafinduzierenden Faktor, das Morphium, isoliert hat, trinkt er mit drei Freunden eine Mischung aus Alkohol, Wasser und Morphin. Die vier erleiden eine typische Morphinvergiftung, von der sie sich jedoch vollständig erholen. Mehr Glück braucht der schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner (1786 –1862), als er im Selbstversuch Symptome einer Wurstvergiftung bei sich auslöst. Er liefert eine hervorragende erste Beschreibung des Botulismus. Aus heutiger Sicht ein riskanter Versuch, reichen doch geringste Mengen an Botulinumtoxin, um einen Menschen durch Atemlähmung zu töten.

Max Pettenkofer: Zum Frühstück eine Bouillon mit frischen Choleravibrionen
Max Pettenkofer: Zum Frühstück eine Bouillon mit frischen Choleravibrionen
Die Schmerzunterdrückung durch die Narkose ist ein Meilenstein in der Entwicklung der Chirurgie. Überaus zahlreich sind hier die Selbstversuche. 1846 wird erstmals ein operativer Eingriff unter Äthernarkose vorgenommen, ein Jahr später inhalieren 19 junge Mediziner das Gas im Verein Deutscher Ärzte in Paris. Ältere Kollegen überwachen Atmung, Puls, Erregbarkeit, Bewusstsein sowie Dauer, Tiefe und Nachwirkungen der Narkose. Dabei erweist Äther sich als praktisch ungefährlich und gut steuerbar.

Auch die Homöopathie beginnt mit einem Selbstversuch: 1790 nimmt Samuel Hahnemann mehrere Tage Chinarinde zu sich und durchlebt die typischen Symptome des Wechselfiebers: „Dieser Paroxysmus dauerte zwei bis drei Stunden (. . .) und erneuerte sich, wenn sich die Gabe wiederholte, sonst nicht.“ Er folgert: Was einen gesunden Menschen krank macht, kann einen kranken Menschen gesund machen.

Der berühmteste Selbstversuch des 20. Jahrhunderts ist wohl die Sondierung des rechten Herzens. 1929 schiebt der Chirurg Werner Forßmann sich einen dünnen Schlauch durch eine Armvene bis in die rechte Herzkammer. Sein Chef Ferdinand Sauerbruch setzt ihn daraufhin vor die Tür: Mit solchen Kunststücken habilitiere man sich im Zirkus und nicht in einer anständigen deutschen Klinik. Zehn Jahre später wird die Herzkatheterisierung in die klinische Diagnostik eingeführt, 1956 erhält Forßmann für seine Entdeckung den Nobelpreis.

Heute sind ärztliche Selbstversuche selten geworden. Aber es gibt sie noch: Um zu beweisen, dass Helicobacter pylori Magenulzera verursacht, trinkt der australische Mediziner Barry Marshall 1984 ein Reagenzglas voller Bakterien. Bald darauf bekommt er Magengeschwüre, die er erfolgreich mit Antibiotika behandelt. 2005 erhält er dafür den Nobelpreis für Medizin.

Einen etwas anderen Selbstversuch hat bereits 1929 der Sozialhygieniker Alfred Grotjahn vorgeschlagen: Ärzte sollen ihr subjektives Erleben während einer eigenen Erkrankung beobachten, aufschreiben und auswerten. Dabei zielt er auf eine Änderung des herrschenden Krankheitsverständnisses: vom gefühllosen Umgang mit dem Kranken in einer naturwissenschaftlich geprägten Medizin hin zu Anerkennung und Würdigung seiner Subjektivität. Christof Goddemeier

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