ArchivMedizin studieren1/2007Kind und Karriere: „Ein Glücksgefühl“

Karriere: Die Reportage

Kind und Karriere: „Ein Glücksgefühl“

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, SS 2007: 6

Richter-Kuhlmann, Eva

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Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
Mit Leib und Seele Ärztin und Mutter sein – das schließt sich keineswegs aus. Teilzeitmodelle, flexible Arbeitszeiten, ausreichende Kinderbetreuungsangebote sowie eine gute private Organisation lassen den Spagat gelingen, wie ein Tag mit Esther Gaertner, Berlin, zeigt. Nur selten hilft Dr. med. Esther Gaertner unter der Woche ihrem kleinen Sohn morgens beim Anziehen. „Meist schläft Cornelius noch, wenn ich meinen Dienst in der Klinik beginne“, erzählt die 37-jährige Ärztin. Doch heute ist der Ablauf ein anderer: Gaertner hat Nachtdienst, muss erst um 14 Uhr im Krankenhaus sein und kann mit dem knapp Zweijährigen noch frühstücken und ihn dann zur Tagesmutter bringen.

Normalerweise übernimmt diese Aufgabe ihr Ehemann, der sich seine Zeit aufgrund seines Berufs und der selbstständigen Tätigkeit relativ frei einteilen kann. So kann Cornelius weiterhin ausschlafen, obwohl seine Mama seit fünf Monaten wieder arbeitet. Nach einer Babypause von gut eineinhalb Jahren hat die junge Gynäkologin im Oktober 2006 eine Teilzeitstelle am nahe gelegenen Krankenhaus „St. Gertrauden“ in Berlin-Wilmersdorf angenommen. „Es ist ein Glücksgefühl, beides zu vereinen: das Muttersein und das Ärztinsein – auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist“, sagt sie.

30 Stunden pro Woche ist Gaertner als Stationsärztin in der Gynäkologie des St.-Gertrauden-Krankenhauses tätig. An vier Tagen in der Woche beginnt für sie der Dienst um 7.30 Uhr und endet um 16 Uhr. Montags hat sie frei. Mit diesem Teilzeitmodell hat sich Esther Gaertner für eine der zahlreichen Dienstformen entschieden, die am St.-Gertrauden- Krankenhaus üblich sind. „Die Elternzeit und der Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternzeit werden von der Leitung sehr unterstützt”, erklärt sie. Fast alle Kolleginnen und Kollegen haben Kinder, und auch der geburtshilfliche Oberarzt wird demnächst ein Jahr Elternzeit nehmen. Für seine Vertretung steht Esther Gaertner derzeit trotz ihrer Teilzeitstelle in der Diskussion. Angeboten werden von der Klinikleitung Teilzeitmodelle mit 50, 66 oder 75 Prozent der sonst üblichen Arbeitszeit, wahlweise eine tägliche Arbeitszeit bis zum Mittag, ein freier Tag pro Woche bei sonst voller Arbeitszeit oder eine komplett freie Woche nach drei Wochen Arbeit.

„Ich genieße es, wieder eine Beziehung zu Patientinnen zu haben”, erzählt Gaertner, während sie Cornelius die Schuhe zubindet. Dann streicht sie ihm zärtlich durchs Haar. An die Zeit zu Hause mit dem Kleinen denke sie jedoch auch gern zurück. „Obwohl es zunächst eine komplette Umstellung war”, fügt sie hinzu. „Die eigenen Bedürfnisse standen plötzlich hintenan.“ Stress und auch Streit mit dem Ehemann seien nicht ausgeblieben. „Aber das ist wohl völlig normal, und langweilig war es mir in dieser Zeit nie“, lächelt sie. Für Abwechslung vom Babyalltag sorgte Gaertners berufliches Engagement während der Elternzeit: Die junge Gynäkologin absolvierte den Aufbaukurs Psychoonkologie und besuchte Kurse, um später die Zusatzbezeichnung „Palliativmedizin” zu erlangen. Zudem nahm Gaertner, die seit Jahren im Deutschen Ärztinnenbund (DÄB) aktiv ist, auch während ihrer Babypause an berufspolitischen Seminaren und Sitzungen des DÄB teil.

Dass Esther Gaertner nach der Geburt des Kindes wieder arbeiten wird, stand für sie von vornherein fest. Beizeiten begann sie mit der Suche nach einer Betreuungsmöglichkeit für Cornelius. „Obwohl das Angebot bei uns in Berlin relativ groß ist, haben wir lange gesucht und etwa zehn Kindertagesstätten und Tagesmütter in der näheren Umgebung angeschaut”, berichtet sie. Entschieden haben sich Gaertner und ihr Mann für eine Großtagespflegestelle: eine Wohnung, in der zwei Tagesmütter zehn Kinder betreuen. „Verlassen habe ich mich da ganz auf mein Bauchgefühl. Die beiden Frauen haben eine große Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt. Ein weiterer Pluspunkt war die Nähe zu unserer Wohnung.”

Nun bekommt Cornelius noch seine Mütze auf, aus dem Hausflur wird das rote Dreirad geholt – und los geht’s. Nach fünf Minuten Fußweg ist die Tagespflegestelle erreicht. Cornelius lässt sich in morgendlicher Routine die Stufen zur Wohnungstür hochtragen und Jacke und Schuhe ausziehen. Ein Küsschen noch für die Mama – dann ist er zwischen den anderen Kindern und den Spielsachen verschwunden. „Am Anfang war das nicht so”, erklärt Esther Gaertner, „da hatte er schon seine Eingewöhnungsprobleme. Aber jetzt ist er gern hier, und ich habe ein wirklich gutes Gefühl. Wenn ich in der Klinik bin, sind meine Gedanken nur selten bei Cornelius, weil ich weiß, dass er gut betreut wird.” Ein schlechtes Gewissen ihrem Kind gegenüber hat die junge Ärztin eigentlich nicht. „Höchstens manchmal, wenn es abends spät wird, oder wenn ich sehr müde bin und mir die Geduld fehlt“, räumt sie ein.

Heute wird die Ärztin aufgrund des Nachtdienstes ihren Sohn allerdings nicht mehr sehen. Abgeholt wird Cornelius gegen 16 Uhr von seinem Papa – wie an den meisten „normalen“ Tagen auch. So bleibt der Kindergartentag überschaubar. „Zwar endet meine Dienstzeit offiziell um 16 Uhr, zu Hause bin ich jedoch meist erst gegen 17.30 Uhr”, berichtet Gaertner. Das ist gerade noch rechtzeitig genug, um mit ihrem Sohn vor dem Schlafengehen noch Bücher anzuschauen, Türme zu bauen oder einfach rumzutoben. Schwierig wird es jedoch, wenn ihr Mann dienstlich unterwegs oder Cornelius krank ist. „Dann sind Kreativität und Organisation angesagt”, erklärt Gaertner lächelnd. „Man lernt dabei, um Hilfe zu bitten.” Verschiedene Betreuungsvarianten, von dem Abholen durch die Nachbarin hin zur Anreise der 600 und 800 Kilometer entfernt wohnenden Omas aus Mainz und dem Allgäu, kamen in den vergangenen Monaten bereits zum Einsatz. „Ausgefallen bin ich bisher noch nie“, sagt sie ein wenig stolz.

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Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können, ist für Esther Gaertner eine Herzensangelegenheit – und zwar nicht nur eine private. Deshalb engagiert sie sich auch innerhalb des Deutschen Ärztinnenbundes für das Thema. „Frauen bekommen nun mal Kinder – auch Ärztinnen. Und es wäre fatal, wenn sie aus logistischen oder finanziellen Gründen mehrere Jahre im Beruf ausfallen würden“, erklärt sie. „Es ist wichtig, dass es über eine private Kinderfrau hinaus verschiedene Möglichkeiten für eine gute Betreuung von Kindern gibt.” Diese müssten auch für Angehörige aller Einkommensschichten finanzierbar sein. „Ohne staatliche Subventionen geht das nicht”, meint sie.

Gefragt sei in dieser Hinsicht auch das Engagement der Krankenhausträger, da es gerade für ärztlich tätige Eltern oftmals sehr schwierig sei, während sämtlicher Dienstzeiten ihr Kind betreuen zu lassen. „Bei der Klinikwahl durch junge Ärzte und Ärztinnen wird die Familienfreundlichkeit eines Hauses in Zeiten des Ärztemangels zunehmend eine Rolle spielen”, ist Gaertner überzeugt. In diese Richtung weisen auch die Ergebnisse einer Online- Umfrage der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) aus dem Jahr 2005. Danach wünscht sich der Großteil der Studierenden Kinder sowie familienfreundlichere Rahmenbedingungen durch geregelte Arbeitszeiten (Teilzeit) und Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Viele gaben an, sich ihren späteren Arbeitsplatz danach aussuchen zu wollen. (Kurz- und Langfassung der Umfrage unter: www.aerzteblatt-studieren.de Webcode: 07001).

Mit einer großen Fragebogenaktion analysierte der Deutsche Ärztinnenbund 2005/2006 die Situation an deutschen Krankenhäusern. Von den rund 700 teilnehmenden Kliniken der 2 200 angeschriebenen Krankenhäuser verfügten 15 Prozent über eigene Kinderbetreuungsmöglichkeiten. In der Realität dürfte der Anteil jedoch deutlich niedriger liegen, da davon auszugehen ist, dass Krankenhäuser ohne Kinderbetreuungsmöglichkeiten ihren Antwortbogen seltener zurückschickten. Es zeigte sich allerdings, dass vor allem große Häuser mit 600 oder mehr Betten Kinderbetreuung anbieten. Dabei richten sich die Angebote hauptsächlich an Kinder im Säuglings-, Kleinkind- und Kindergartenalter, selten an Schulkinder. „Die Vorbereitung und Durchführung der Umfrage hat viel Zeit, Kraft und Energie gefordert“, berichtet Esther Gaertner. „Aber es hat sich gelohnt, und das Thema war es mir wert, mich auch aus der Elternzeit heraus zu engagieren.“ Die Gynäkologin half nicht nur beim Verschicken der Fragebögen, sondern bemühte sich als Beisitzerin im Vorstand der Stiftung des DÄB vor allem um das Einwerben von Geldern, die benötigt wurden, um die Umfrageergebnisse der Öffentlichkeit vorzustellen. Die Stiftung des DÄB, die „Dr. Edith Grünheit-Stiftung”, wolle künftig zunehmend Ärztinnen fördern, die gleichzeitig Mutter sind, berichtet sie.

Dann schaut Esther Gaertner auf die Uhr. Inzwischen ist es Mittag geworden und damit Zeit, sich auf den Weg in die Klinik zu machen. Um 14 Uhr beginnt ihr Dienst. Dort angekommen, wirft sie sich schnell den Kittel über. „Die Abende und Nächte auf einer gynäkologischen Station sind zum Teil sehr anstrengend, je nachdem, wie viel im Kreißsaal los ist”, sagt sie auf dem Weg dorthin. Eine Schwangere mit hellblauem Mutterpass in der Hand wartet bereits. Gaertner lässt sie herein, bittet noch um etwas Geduld und informiert die Hebammen. „Durch meine eigene Schwangerschaft habe ich ein tieferes Verständnis für die Befindlichkeiten von Schwangeren erhalten”, erklärt sie. „Und durch die Entbindung meines Sohnes ist mein Vertrauen in meine Fähigkeiten als Geburtshelferin gestiegen.”

Auch in diesem Dienst scheint wieder eine Entbindung anzustehen. Bis zum nächsten Morgen gegen acht Uhr wird Gaertner im Einsatz sein. „Dann bin ich meist ziemlich kaputt. Wenn ich dann zu Hause bin, schlafe ich gern erst einmal”, berichtet sie, „und der Rest des Tages gehört Cornelius.” Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Eine aktuelle Liste der Krankenhäuser mit Kinderbetreuungsangeboten im Internet: www.aerztinnenbund.de, Rubrik Kinderbetreuung

Infos und Adressen
* Kinderbetreuung: Auf der Website des DÄB e.V. kann man sich über Angebote zur Kinderbetreuung informieren. Die Liste, in der mehr als 100 Häuser zu finden sind, entstand durch eine Umfrage des DÄB: www.aerztinnenbund.de.
* Mentorinnennetzwerk: Unter dem Motto „Frauen fördern Frauen” begleiten und unterstützen erfahrene Ärztinnen Medizinstudentinnen und Berufsanfängerinnen, die ebenfalls Mitglied im DÄB sind, beim Studium, klinischer Tätigkeit und wissenschaftlicher Arbeit. Bewerbungen als Mentee an Prof. Dr. med. M. Schrader: gsdaeb@aerztinnenbund.de
* „Stiftung Dr. Edith Grünheit“: Seit 2005/06 fördert die Stiftung mit einem Volumen von jährlich 28 000 Euro Projekte und Aktionen des DÄB. Unterstützt werden sollen künftig besonders auch Ärztinnen mit Kind. Anträge an den DÄB (Dr. med. G. Benz)

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