ArchivMedizin studieren1/2007Hammerexamen: Weiter im Blindflug

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Hammerexamen: Weiter im Blindflug

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, SS 2007: 10

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS War die Prüfung zu schwierig, sind die Ergebnisse von nur 700 Teilnehmern gar nicht aussagekräftig, oder ist das „Hammerexamen“ einfach die falsche Prüfung zum falschen Zeitpunkt? Fest steht: Irgendetwas ist schiefgelaufen.

Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Offen über Fehler sprechen: Das war in der Medizin vor wenigen Jahren noch undenkbar. Doch seit einiger Zeit gibt es immer mehr Ärztinnen und Ärzte, die sich dafür einsetzen, dass über missglückte Behandlungen nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Nicht der Vorwurf „Wer ist schuld?“ steht dabei im Vordergrund, sondern die Frage danach, was genau eigentlich passiert ist und warum. Damit verhindern Ärzte gezielt, dass sich Fehler wiederholen.

Diese erfreuliche Tendenz, mit offenen Karten zu spielen und nach außen transparent aufzutreten, ist im Medizinstudium leider noch nicht festzustellen. Dabei wäre eine ehrliche Analyse des zweiten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung (M2) nach der neuen Approbationsordnung (ÄAppO) angebracht. Denn die Premiere des sogenannten Hammerexamens ist gründlich misslungen. Das Resultat war deutlich schlechter als bei dem früheren zweiten Staatsexamen: Fast zehn Prozent der 716 Prüflinge fielen durch das Multiple-Choice-Examen. Im Vergleich zum schriftlichen Teil des früheren zweiten Staatsexamens hat sich die Zahl der Studierenden, die die Prüfung nicht bestanden haben, damit verdoppelt. Auch bei den Studierentudium den, die das Examen nach der Mindeststudienzeit von zwölf Semestern absolviert haben, ist die Durchfallquote gestiegen – von etwa zwei auf rund fünf Prozent.

Die Interpretation dieser Ergebnisse fällt unterdessen recht unterschiedlich aus. Während die einen glauben, das „Hammerexamen“ sei ein genereller Fehler, meinen die anderen, man könne den Ausgang der Prüfung noch gar nicht abschließend beurteilen. „Das Hammerexamen ist geschrieben, die Ergebnisse sind bescheiden“, resümiert Veit Scheble von der Bundesvertretung der Medi zinstudierenden in Deutschland (BVMD). Für ihn steht fest: Das neue Staatsexamen ist die falsche Prüfung zum falschen Zeitpunkt. „Es hat absolut keinen Sinn, nach dem PJ noch einmal eine Multiple- Choice-Prüfung zu machen“, kritisiert Scheble. Etwas zurückhaltender fällt die Bewertung von Prof. Dr. med. Udo Obertacke, Medizinische Fakultät Mannheim, aus. „Nachdenklichkeit herrscht vor“, sagte er beim dortigen Symposium „Nachlese M2 neu“. Zugleich wies Obertacke jedoch darauf hin, dass die Ergebnisse wegen der geringen Teilnehmerzahl nicht repräsentativ seien. Auch Prof. Dr. med. Dr. h. c. Gebhard von Jagow, Präsident des Medizinischen Fakultätentages, meint: „Das ist ein Übergangszustand.“ Es sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich, eine abschließende Aussage über die neue Prüfung zu treffen. „Wir verfolgen das intensiv“, versichert von Jagow.

Noch schwieriger wird eine Fehleranalyse, wenn die eine Seite ein fragwürdiges Resultat sogar als Erfolg wertet: Die Durchführung der Prüfung sei ohne größere Probleme verlaufen, heißt es in einer IMPP-Erklärung. Die hohe Durchfallquote führt das Mainzer Institut unter anderem darauf zurück, dass die neuen Fragetypen noch ungewohnt für die Studierenden gewesen seien und es kaum optimale Lehrbuchliteratur zur Vorbereitung gab. Hintergrund: Nach der neuen ÄAppO wird ein Großteil der Aufgaben in Form von Fallbeispielen gestellt. Die schriftliche Prüfung soll damit praxisorientierter und interdisziplinärer werden.

Vieles spricht allerdings dafür, dass die Fragen des IMPP nicht nur anders, sondern auch sehr anspruchsvoll waren. Mehr als 80 Prozent der Absolventen schnitten im schriftlichen Teil mit einer Drei oder Vier ab. Die ungewöhnlich schlechten Noten könnten nun die Absolventen bei Vorstellungsgesprächen in Erklärungsnot bringen. Die Prüflinge berichten, die Kasuistiken seien zum Teil sehr lang und außerdem schwer verständlich gewesen. Darüber hinaus habe das IMPP keinesfalls nur „Basics“ abgefragt. Ausführlich geprüft worden seien beispielsweise die Wegener Granulomatose und der Morbus Perthes. „Man muss sich fragen, ob die Fallstudien des IMPP etwas mit der Realität zu tun haben“, kritisiert Patrick Reimann vom Sprecherrat der Medizinstudierenden im Marburger Bund (MB). In einer Absolventenbefragung des MB bewerteten fast 80 Prozent das Examen als unfair. Zudem gab die große Mehrheit an, die klinische Tätigkeit im PJ habe die Vorbereitung auf das Mulitple-Choice- Examen nicht erleichtert. Den Studierenden bleiben zur Vorbereitung mit den angesammelten Fehltagen etwa dreieinhalb Monate. „Es spricht vieles dafür, das sogenannte Hammerexamen in einen schriftlichen Teil vor dem PJ und einen mündlich-praktischen danach umzugestalten“, meint Reimann. Dieser Ansicht sind auch die Medizinstudierenden im Hartmannbund. Eine von ihnen initiierte Online-Petition (www.hammerexamen-abschaffen.de) hatte mehr als 12 000 Unterzeichner. Der Vorgang befindet sich zurzeit in der parlamentarischen Prüfung im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages.

Dass die Studierenden viel stärker unter Druck stehen als früher, liegt also nicht nur an der Stofffülle, sondern auch an der knappen Vorbereitungszeit. Die Folge: Viele Studierende versuchen, während des PJ möglichst viel Zeit zu Hause am Schreibtisch zu verbringen. Manche wollen sogar ein Lernsemester einlegen. Einige Fakultäten haben deshalb Maßnahmen ergriffen, um die Studierenden während der Ausbildung besser auf die Abschlussprüfung vorzubereiten. Die Medizinische Fakultät Mannheim beispielsweise hat ein Kompetenzzentrum PJ gegründet. In einem PJ-Logbuch wurden Lernziele definiert, die Fakultät bietet Seminare und fallbezogene Repetitorien an. Die Mediziner sollen dabei unterstützt werden, in Regelstudienzeit erfolgreich das Examen zu absolvieren. Somit hat das „Hammerexamen“ zumindest bewirkt, dass sich einige Fakultäten bemühen, die Ausbildung im PJ zu verbessern. Ansonsten sind nach der erstmaligen Durchführung des „Hammerexamens“ viele Fragen offen. Eine Fehleranalyse ist nur eingeschränkt möglich, aber wohl auch nicht von allen Seiten gewollt. Doch sowohl Art und Praxisbezug der IMPP-Fragen sowie der Zeitpunkt des Examens gehören auf den Prüfstand. Bis auf Weiteres geht es erst einmal im Blindflug weiter. Dr. med. Birgit Hibbeler
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