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Paris, je t’aime – vom Schülertraum zur Realität

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, SS 2007: 16

Haisch, Lea

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Foto: picture alliance / privat
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Die Arbeit an französischen Krankenhäusern bereichert die medizinische Ausbildung sehr – auch wenn Semester und Klausuren in Deutschland nachzuholen sind.

Alles begann während eines Schüleraustausches. In der neunten Klasse mussten wir uns jede Menge Pariser Sehenswürdigkeiten und viele Museen ansehen, die wir damals langweilig fanden. Aber in den Straßen und auf den Plätzen, in den Parks und Cafés kam trotzdem der Wunsch auf, einmal in Paris zu wohnen, diese faszinierende Stadt richtig kennenzulernen und ihre Sprache zu sprechen. Paris erschien mir wie eine einzige große Verheißung, und als ich Jahre später die Möglichkeit hatte, dort ein ERASMUS-Jahr zu verbringen, stand für mich fest: Das war die Chance!

Frankreich, Paris – bisher assoziierte ich mit diesen Namen nur meinen Wunsch aus der neunten Klasse. Wie sah die Realität aus? Wie das Medizinstudium? Wie die Krankenhäuser? Vor der Bewerbung sammelte ich Informationen, doch die meisten Fragen konnte ich erst vor Ort beantworten.

Das Medizinstudium in Frankreich gestaltet sich vollkommen anders als in Deutschland. Es gibt keine Zulassungsbeschränkung. Jeder, der einen Hochschulabschluss hat, kann sich für Medizin einschreiben. Nach dem ersten Jahr findet dann aber eine sehr schwierige Prüfung statt, die nicht frankreichweit identisch ist, sondern von Universität zu Universität variiert. Diese große Hürde ist entscheidend dafür, ob man weiterstudieren kann oder nicht. Ab dem vierten Studienjahr, im Französischen DCEM2: Deuxième cycle des étudies de médecine, verbringen die Medizinstudenten den Vormittag in der Klinik – stage clinique, den Nachmittag in Vorlesungen und zwei oder drei Abende in der Woche in Seminaren, den conférences. Die Stationen der französischen Krankenhäuser werden als services bezeichnet. Größere Abteilungen sind in weitere Bereiche gegliedert, den salles. Chefarzt einer Abteilung ist der chef de service, in der Regel sind dies Professoren. Die Oberärzte werden als chef de clinique bezeichnet. Am meisten hat man als Student mit den internes zu tun, den Assistenzärzten, die sich in ihrer Facharztausbildung befinden. Als Student im klinischen Teil des Studiums ist man bis zum Examen ein externe.

Eigene Patienten betreuen
Ein Praktisches Jahr im deutschen Sinne gibt es in Frankreich nicht. Ich habe alle zwei Monate die Stationen gewechselt und ab und zu die Vorlesungen und Seminare besucht. Ich musste keine Klausuren schreiben, da sie nicht anerkannt worden wären. Das muss man aber individuell anhand der Äquivalenzliste seiner Universität klären. Während meines Praktikums hatte ich feste Aufgaben, die sich von Station zu Station unterschieden. Auf einer Station sind meist vier Studierende, und jedem werden eigene Patienten zugeteilt. Die Geschichte seiner Patienten muss man natürlich kennen: Täglich muss der Verlauf der Krankheiten beobachtet und dokumentiert werden, Untersuchungen, die während der Visite besprochen wurden, angeordnet und Laborergebnisse eingeholt werden. Das Gelingen eines Praktikums hängt oft davon ab, ob man an einen aufgeschlossenen und geduldigen interne gerät, der einem viel erklärt. Das System beruht auf Gegenseitigkeit. Der interne soll sich Zeit nehmen, dem externe das ärztliche Vorgehen bei den Patienten zu erklären, der externe wiederum nimmt dem interne Arbeit ab, indem er sich um den Papierkram und Ähnliches kümmert.

Im Krankenhaus gilt: Immer wieder fragen, fragen, fragen
Im Krankenhaus gilt: Immer wieder fragen, fragen, fragen
Krankenhaus
Es ist sinnvoll, das erste oder die ersten beiden stages in einem Fach zu belegen, in dem man bereits Grundkenntnisse besitzt. Am Anfang ist die Zeit nämlich damit ausgefüllt, sich auf den Stationen zurechtzufinden, mit den Kollegen Kontakt aufzubauen, seine Aufgaben zu erledigen und sich um seine Patienten zu kümmern – alles auf Französisch. Da fehlt die Zeit, nötige Grundkenntnisse noch zusätzlich zu erlernen. Die französischen Studenten haben extrem selten Auslandserfahrungen gemacht, was dazu führen kann, dass man plötzlich allein da steht und nicht erklärt bekommt, was zu tun ist und was die eigentlichen Aufgaben sind, während alle anderen schon längst sehr beschäftigt in den Akten wühlen. Deswegen ist es wichtig, von Anfang an immer zu fragen, zu fragen und zu fragen. Auch wenn man schnell das Gefühl hat, den anderen unsäglich auf die Nerven zu gehen, was aber meistens nicht der Fall ist.

Alle stages an der Universität Paris Sud sind auf zwei Monate festgelegt (die französischen Studenten machen drei Monate). Das hört sich zunächst recht lang an, ist aber absolut berechtigt. Diese zwei Monate sind notwendig, um sich einzuarbeiten und danach auch noch effektiv mitarbeiten zu können.

Wohnen
Die einzigartige Cité universitaire (www.ciup.fr) ist im wahrsten Sinne des Wortes eine kleine Stadt. Auf einer 34 Hektar großen Parkanlage stehen 37 Häuser, in denen 5 500 Studenten aus rund 130 verschiedenen Nationen wohnen. Ich hatte unheimliches Glück und konnte im Maison Norvège ein Zimmer beziehen – zwölf Quadratmeter groß, mit Waschbecken. Gemeinschaftstoiletten, Duschen und Küche mit 20 anderen jungen Leuten aus der ganzen Welt.

Im Zentrum der Cité befindet sich das Maison internationale mit einem Restaurant, einem Theater, einer Cafeteria, einem Schwimmbad, einem Fitnessraum, einer Bankfiliale und der Bibliothek. Die Geschichte der Cité begann 1920, als der französische Fabrikant Emile Deutsch de la Meurthe Kontakt mit dem damaligen Rektor der Pariser Universität aufnahm, um einen Ort des Treffens und des Austausches zwischen den Kulturen zu schaffen und Zimmer für Studenten einzurichten. Die Cité U beweist dies täglich, sei es auf den großen Wiesenflächen, beim Essen oder bei den vielen Feiern in den unterschiedlichen Häusern; immer trifft man auf aufgeschlossene, interessierte Menschen aus der ganzen Welt.

Neben der Medizin – die Kultur
In Paris gibt es neben dem Nachtleben natürlich eine unglaubliche Vielfalt an kulturellen Angeboten. Viele staatliche Museen gewähren jeden ersten Sonntag im Monat freien Eintritt. Zudem gibt es die Carte Louvre Jeune (bis 25 Jahre), die 15 Euro pro Jahr kostet und nicht nur freien Eintritt für ein Jahr ermöglicht, sondern auch jeden Mittwoch- und Freitagabend die kostenfreie Mitnahme einer Person sowie freien Eintritt zu Sonderausstellungen innerhalb der ersten 15 Tage (www.louvre.fr). Auch das Musée d’Orsay hat eine Studierendenkarte Carte blanche (bis 25 Jahre), die für ein Jahr 22 Euro kostet (www.musee-orsay.fr). Für Opernliebhaber gibt es jeden Tag ab elf Uhr Karten für neun Euro. Ein Jahr war ich in Paris. Auch wenn ich nur meine Praktika anerkennen lassen konnte und alle Klausuren nachschreiben musste, habe ich mehr gelernt als in den vorherigen Jahren in Deutschland und in dem nachfolgenden Jahr. Lea Haisch, 11. Semester, Berlin
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