ArchivMedizin studieren1/2008Studienhospital Münster: Alles Simulanten!

Studium

Studienhospital Münster: Alles Simulanten!

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, SS 2008: 6

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In den Betten des Studienhospitals in Münster liegen keine echten Kranken, sondern Laienschauspieler. Die machen ihre Sache so gut, dass sie kaum von normalen Patienten zu unterscheiden sind.

Hinter den Kulissen: Die Schauspielpatienten schminken und verkleiden sich. Fotos: Jardai/Modusphoto
Hinter den Kulissen: Die Schauspielpatienten schminken und verkleiden sich. Fotos: Jardai/Modusphoto
Mustafa Aciksöz geht es nicht gut. Seit einigen Tagen fühlt sich der 34-jährige Straßenarbeiter sogar so schlapp, dass er nicht mehr zur Arbeit gehen kann. „Herr Doktor, ich müde“, berichtet der türkische Patient und blickt Stephan Jostarndt erwartungsvoll an. Der 23-jährige Medizinstudent soll herausfinden, was Aciksöz fehlt, hat aber nun schon Probleme, sich den Namen zu merken. „Sie sind gelb im Gesicht, seit wann denn?“, fragt Jostarndt. Doch mit seinem Patienten hat er es nicht ganz leicht, denn der ist nicht besonders auskunftsfreudig. Außerdem scheint er irgendwie mehrere Versionen seiner Krankengeschichte zu haben. Ist er nun seit vier oder fünf Tagen gelb oder schon länger?

Obwohl Jostarndt erst gerade das Physikum hinter sich hat, macht der Student seine Sache gut, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, tritt selbstbewusst auf, aber nicht überheblich. „Vorher immer gesund, immer stark“, berichtet der kräftige, glatzköpfige Patient mit dem quittegelben Gesicht. Und wie sieht es mit Alkohol aus? „Manchmal“, sagt Aciksöz. „Manchmal drei Bier abends, manchmal mehr.“ Tatsächlich ist es sehr häufig mehr. Aciksöz hat eine Leberzirrhose. Und damit nicht genug: In Wirklichkeit ist alles gelogen, was Aciksöz erzählt hat. Eigentlich heißt er Serkan Demiral, ist Ethnologe und völlig gesund.

Mustafa Aciksöz fühlt sich schlapp. Stephan Jostarndt soll herausfinden, warum.
Mustafa Aciksöz fühlt sich schlapp. Stephan Jostarndt soll herausfinden, warum.
Demiral liegt nicht in irgendeinem Krankenhaus, sondern im Studienhospital in Münster. In seiner Freizeit ist er mit Leib und Seele Schauspieler, und als Simulationspatient bereitet er hier im Rollenspiel Studierende auf den Alltag im Krankenhaus vor. Obwohl die angehenden Ärzte wissen, dass die Patienten nicht wirklich krank sind, empfinden sie die Situation als echt. „Das ist schon ziemlich real“, sagt Jostarndt. „Wenn man in das Zimmer reinkommt, weiß man überhaupt nicht, was einen erwartet.“ Die Idee des Studienhospitals findet Jostarndt gut. Ihm macht es Spaß, hier Anamnesen und körperliche Untersuchungen zu üben und über alles ein Feedback zu bekommen.

Während im Patientenzimmer Anamnese und Untersuchung stattfinden, sitzt der Rest der Kleingruppe im Nebenraum. Von dort aus verfolgen die Studierenden das Geschehen durch eine Spiegelglasscheibe und über Kopfhörer.
Während im Patientenzimmer Anamnese und Untersuchung stattfinden, sitzt der Rest der Kleingruppe im Nebenraum. Von dort aus verfolgen die Studierenden das Geschehen durch eine Spiegelglasscheibe und über Kopfhörer.
Anzeige
Dass die Studierenden ihre Aufgabe als real empfinden, liegt sicherlich an den talentierten Laienschauspielern. Sie werden vor ihrem Einsatz geschult, damit sie ihre Symptome überzeugend darbieten. Da ist die überdrehte, tablettenabhängige Schauspielerin mit verweinten Augen und zerlaufendem Make-up, die auch schon einmal laut und fordernd wird: „Wann krieg´ ich denn nun endlich was gegen die Schmerzen?“

Nebenan liegt eine junge, zurückhaltende Patientin, die blass um die Nase ist und seit einigen Wochen unter einem unerklärlichen Durchfall leidet: Verdacht auf Morbus Crohn. Und dann ist da noch der reiselustige Privatpatient, der sich beim Urlaub in Südostasien wohl eine Hepatitis eingefangen hat. Aber nicht nur die Schauspieler machen die Arbeit im Studienhospital für die Studierenden zu einer echten Herausforderung. Auch die Einrichtung spielt eine wichtige Rolle, denn sie entspricht bis ins Detail der eines ganz normalen Krankenhauses: grelles Neonlicht, ein langer, schmuckloser Flur mit hellgrünem Linoleumboden und Desinfektionsmittelspendern an den Wänden. In den Intensivzimmern gibt es sogar Perfusoren und Monitore, und die Privatpatienten sind in etwas ansehnlicheren Räumen mit hellen Holzmöbeln untergebracht. Ganz wie im echten Klinikalltag.

„Wichtig ist, dass ihr authentisch bleibt.“ – Feedbackrunde mit Tutor Johannes Püschel
„Wichtig ist, dass ihr authentisch bleibt.“ – Feedbackrunde mit Tutor Johannes Püschel
„Das ist eine gute Vorbereitung auf die erste Famulatur“, findet auch Jostarndts Kommilitonin Theda Janssen. Die 22- Jährige hat seine Anamnese mit vier weiteren Studierenden und einem Tutor aus dem Nebenraum verfolgt. Und das ist der Unterschied zu einer normalen Krankenhausstation: Alles, was im Patientenzimmer passiert, lässt sich von nebenan durch eine Scheibe aus Spiegelglas beobachten. Die Gespräche kann man über Kopfhörer verfolgen. „Bitte drinbleiben, wir kommen rüber“, teilt Tutor Johannes Püschel Jostarndt durch die Gegensprechanlage mit. Die Studierenden gehen zur Nachbesprechung ins Patientenzimmer. Was war gut, was war nicht so gut? In dieser Feedbackrunde kommt auch der Patient zu Wort. Bei einem echten Kranken, dem es wirklich schlecht geht, wäre das beispielsweise nicht möglich.

„Was hab ich denn?“ – Herr Biedermann will sofort genau wissen, was mit ihm los ist.
„Was hab ich denn?“ – Herr Biedermann will sofort genau wissen, was mit ihm los ist.
„Die meisten Studenten machen ihre Sache gut“, sagt Schauspielpatient Demirel. „Und wenn sie gut sind, quäl´ ich sie ein bisschen“, scherzt er. Dass Studierende die Situation nicht ernst nehmen, hat er bislang so gut wie noch nie erlebt. „Es gab schon Studenten, die vor lauter Aufregung übersehen haben, dass ich ganz gelb im Gesicht bin“, berichtet der Laienschauspieler. Auch Püschel hat die Erfahrung gemacht, dass die Studierenden die Situation als real empfinden. „Es gibt nur ganz wenige, die denken, dass das hier eine Spaßveranstaltung ist“, sagt der 26-jährige Tutor.

In der Feedbackrunde besprechen die Studierenden gemeinsam mit Püschel, der für seine Aufgabe als Tutor genau geschult wurde, ob ihre Untersuchungstechniken korrekt sind. Außerdem kommen viele Fragen zur Sprache, die sich irgendwann jeder Berufseinsteiger stellt – aber meistens allein. Soll man sich beim Gespräch hinsetzen oder stehen bleiben? Ist es unhöflich, den Patienten zu unterbrechen? Wirkt man inkompetent, wenn man sehr einfühlsam und weniger sachbezogen ist? Schwierige Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Das weiß auch Püschel. Er will den angehenden Medizinern zwei Dinge mit auf den Weg geben: „Wir müssen möglichst schnell an die entscheidenden Informationen kommen, um dem Patienten zu helfen. Ganz wichtig ist aber auch, dass ihr dabei immer authentisch bleibt.“

Nach dem Unterricht im Studienhospital sind die Studierenden zweifelsohne besser auf die erste Famulatur vorbereitet als ohne die Rollenspiele und Feedbackrunden. Von einem routinierten Umgang mit Patienten sind sie aber noch weit entfernt. Das sei aber auch nicht das Ziel des Studienhospitals, wie Studiendekan Dr. med. Bernhard Marschall erläutert: „Die Studenten sollen selbst erkennen, wo noch Lernbedarf ist.“ Wenn die Studierenden diese Fähigkeit aus dem Unterricht mitnehmen, dann ist er zufrieden. Für den Initiator des Projekts ist zudem das situative Lernen entscheidend. „Das Gehirn kann so am besten reproduzieren“, sagt er.

Studien hätten gezeigt, dass Taucher, die Vokabellisten unter Wasser lernen, die Wörter am besten unter den gleichen Bedingungen wiedergeben könnten. Beim erneuten Tauchen sei die Erinnerung besser, obwohl die Situation stressig sei. „Wissen, das man sich auf einer rein kognitiven Ebene am Schreibtisch angeeignet hat, am Patienten zu reproduzieren, ist sehr schwierig“, weiß Marschal.

Das Studienhospital in Münster ist eine bundesweit einmalige Einrichtung. Schauspielpatienten werden zwar mittlerweile vielerorts eingesetzt, aber eine ganze Simulationsklinik gibt es nach Angaben Marschalls an keiner anderen Fakultät. „Die Idee ist eigentlich gar nicht so bahnbrechend“, sagt er trotzdem bescheiden. Es sei nur eine logische Fortentwicklung des „skills lab“ – des Trainings praktischer Fähigkeiten im Medizinstudium. Seit dem Wintersemester 2007 läuft nun die Erprobungsphase für die Lehrveranstaltungen im Studienhospital. Unter anderem kommen die Studierenden aus dem ersten klinischen Semester in das Simulationskrankenhaus – an vier Terminen im Rahmen des Kurses der allgemeinen klinischen Untersuchung.

Ab dem Sommersemester sollen dann alle Studierenden im vierten vorklinischen Semester zwei Semesterwochenstunden im Studienhospital unterrichtet werden.

Das „Krankenhaus für Simulanten“, wie die Einrichtung in Münster auch genannt wird, befindet sich in einem umgebauten Schwesternwohnheim. Rund 450 000 Euro hat die Fakultät aus ihren Mitteln für die Lehre zur Verfügung gestellt. Fast 100 000 Euro kamen von Sponsoren. Viele Unternehmen haben zudem Einrichtungsgegenstände oder technische Geräte gespendet, um ihre Produkte im Studienhospital zu platzieren. Ansonsten wäre die realitätsnahe Ausstattung der Patientenzimmer nicht möglich gewesen, berichtet Marschall. Die Kosten für das Personal, also auch die Aufwandsentschädigungen für die Laienschauspieler, werden maßgeblich durch Studienbeiträge finanziert.

Die Pläne in Münster gehen weit über die bisherige Ausstattung des Studienhospitals hinaus: Um nicht nur die stationäre, sondern auch die ambulante Versorgung zu simulieren sowie zur Förderung der Allgemeinmedizin, sollen Lehrpraxen eingerichtet werden. Die Studierenden hätten dann ein Behandlungszimmer und einen Warteraum und müssten ihre Sprechstunde allein bestreiten. Als Fernziel strebt der Studiendekan die Einrichtung einer OPAbteilung und einer Endoskopie an. Die Finanzierung dieser Pläne ist aber ungewiss. Doch Marschall baut auf die Wirtschaft und hofft, dass sich Unternehmen aus der Baubranche und der Medizintechnik beteiligen.

Marschall betont, dass durch das Studienhospital kein Unterricht an echten Patienten gestrichen wird. Es sei eine sinnvolle Ergänzung, kein Ersatz. Nichtsdestotrotz seien die Schauspielpatienten von echten Kranken kaum zu unterscheiden. Probehalber habe er einmal eine Simulationspatientin mit einem vermeindlich akuten Abdomen in den normalen Klinikbetrieb eingeschleust, berichtet der Studiendekan: „Noch bevor die Ärzte die von uns gefälschten Laborbefunde hatten, stand die OP-Indikation.“

Auch Thomas Zinke würde es vermutlich gelingen, gestandene Ärzte von seiner erfundenen Erkrankung zu überzeugen. Wer mit dem 67-jährigen Rentner redet, der hat schon vor Kursbeginn den Eindruck, er spricht mit dem Herzpatienten Anton Biedermann. Zinke steckt mit Leib und Seele in seiner Rolle. Zum Studienhospital kam er über das Theaterpädagogische Zentrum in Münster, mit dem das Studienhospital eng zusammenarbeitet. Hier brilliert Zinke nun in der Figur des etwas pedantischen, pensionierten Bundesbahnbeamten Biedermann, der sogar genaue Auskunft über ein rheumatisches Fieber geben kann, an dem er mit 15 Jahren erkrankte. Vor einigen Jahren habe er eine Mitralklappeninsuffizienz entwickelt, sei dann operiert worden und habe einen Klappenersatz erhalten.

Der informierte Patient als eine ganz andere Art der Herausforderung: Damit ist nun Studentin Janssen konfrontiert. Biedermann schildert ihr, er leide seit einigen Wochen zunehmend an Luftnot. „Dann wach´ ich nachts auf und bekomm´ so schlecht Luft“, sagt er. „Was habe ich denn?“ Gute Frage, wird sich Janssen in diesem Moment gedacht haben, aber sie antwortet gekonnt: „Wir müssen noch weitere Untersuchungen machen, um das herauszufinden.“ Damit muss sich auch Biedermann zufriedengeben. Dafür, dass sich Janssen bislang nur mit Fächern wie Anatomie, Biochemie oder Pathologie näher befasst hat, hat sie sich gut geschlagen. Später in der Feedbackrunde gibt Tutor Püschel noch einen Tipp mit auf den Weg, den er aber nicht als Aufforderung zu Arroganz verstanden wissen will, wie er sofort klarstellt: „Ihr braucht eine gewisse Inkompetenzkompensationskompetenz.“ Dazu leistet das Studienhospital sicherlich einen wichtigen Beitrag. Dr. med. Birgit Hibbeler

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema