ArchivMedizin studieren1/2008Privatisierung eines Universitätsklinikums: Druck auch auf Forschung und Lehre

Politik

Privatisierung eines Universitätsklinikums: Druck auch auf Forschung und Lehre

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, SS 2008: 24

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wahrlich ein Experiment: Vor gut zwei Jahren hat die Rhön-Klinikum AG als erster und bis heute einziger privater Krankenhausbetreiber ein Universitätsklinikum übernommen. Für 112 Millionen Euro und Investitionszusagen in Höhe von weiteren 367 Millionen Euro kaufte die börsennotierte Aktiengesellschaft das zuvor fusionierte Klinikum Gießen und Marburg vom Land Hessen. Inzwischen zeichnet sich ab, welche Auswirkungen diese als wegweisend für andere Unikliniken geltende Privatisierung auf die Krankenversorgung an den beiden Standorten hat. Obwohl nicht Teil des Deals, da weiterhin als hoheitliche Aufgaben beim Land belassen, sind auch Forschung und Lehre von den Veränderungen betroffen.

Die Ärzte in Gießen und Marburg sind zunächst einmal froh, dass unter der Führung des finanzstarken Betreibers überfällige Investitionen in Gebäude und Medizingeräte erfolgten oder geplant sind. Unter anderem wurde am 20. August 2007 in Marburg der Grundstein für den Bau einer Partikeltherapieanlage gelegt, in der kombiniert Protonen- und Schwerionenbestrahlung möglich sein werden. Das Klinikum wird damit weltweit eine der ersten Anlagen dieser Art betreiben. Den Studierenden versprechen diese Investitionen eine Ausbildung mit modernster Medizintechnik.

Auf weniger Gegenliebe bei den Ärzten stößt hingegen der zweite Schwerpunkt der rhönschen Strategie: die Schaffung neuer Ablaufstrukturen. Um das aus der Betriebswirtschaft stammende Flussprinzip in der Krankenversorgung zu etablieren, greift Rhön nämlich massiv in die ärztlichen Arbeitsabläufe ein. Zudem stehen die Abteilungen jetzt in Konkurrenz mit vergleichbaren Abteilungen in anderen Rhön-Kliniken. Verglichen werden der „Case-Mix“, die Fallzahlen und die Zahl der Ärzte. Stimmt die „Performance“ nicht, werden ärztliche Stellen gestrichen. Überhaupt reduzieren private Träger in den ersten Jahren nach einer Übernahme in der Regel zunächst die Personalkosten – vor allem in der Pflege. Dies wirkt sich natürlich negativ auf die Patientenversorgung aus.

In Marburg sollen bis 2010 rund zehn Millionen Euro direkt in die Forschung und die Lehre fließen. In Gießen sind es sogar 20 Millionen Euro. Die Studierenden profitieren somit von einer besseren Ausstattung der Forschungs- und Lehreinrichtungen. Über eine von Rhön ins Leben gerufene Stiftung werden darüber hinaus jährlich zwei Millionen Euro für Forschungsprojekte zur Verfügung gestellt. Hier zeigt sich jedoch ein Interessenkonflikt: So hat ein auf Gewinnmaximierung ausgerichteter privater Klinikkonzern vor allem ein Interesse daran, aktuelle Forschungsergebnisse schnell in die klinische Praxis umzusetzen, um einen Vorsprung am Markt zu gewinnen. Dies verheißt nichts Gutes für die Grundlagenforschung. Und in der Tat: Insider berichten, dass die Stiftung in den ersten beiden Jahren bevorzugt Projekte gefördert hat, bei denen es um klinische Forschung ging. Die Grundlagenforschung, die zwar weniger Profit verspricht, für die Wissenschaft aber genauso wichtig ist, kommt dabei zu kurz.

Konfliktpotenzial bietet auch die Freistellung der Ärzte für die Lehre. Dafür, dass die Ärzte die Patienten versorgen, zahlt Rhön dem Land Hessen eine Art Leihgebühr. Während des Semesters werden die von Rhön entliehenen Ärzte aber auch in Seminaren, zum Unterricht am Krankenbett und in Vorlesungen benötigt. Selbstredend achtet der Konzern peinlich genau darauf, dass die Ärzte – wie vertraglich mit dem Land Hessen vereinbart – rund 85 Prozent ihrer Arbeitszeit in der Krankenversorgung tätig sind. In der Praxis ist es aber oft schwierig zu definieren, ob ein Arzt jetzt gerade nur einen Patienten versorgt oder dabei gleichzeitig einen Studierenden ausbildet.

Ach ja, trotz der hohen Investitionen hat die Rhön-Klinikum AG für das Universitätsklinikum Gießen und Marburg im Geschäftsjahr 2007 soeben einen Gewinn in Höhe von 1,1 Millionen Euro vermeldet. Aus Sicht der Aktionäre hat Rhön demnach mit der Übernahme alles richtig gemacht. Jens Flintrop
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema