ArchivMedizin studieren2/2008Bologna-Prozess: Wer wagt den ersten Wurf?

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Bologna-Prozess: Wer wagt den ersten Wurf?

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2008/09: 6

Hibbeler, Birgit; Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Bachelor und Master in der Medizin: Das ist für die meisten nach wie vor unvorstellbar; viele sehen gar eine Gefahr. Dennoch gibt es einige Unis, die bereits Pläne in der Schublade haben.

Die Medizin zählt sicherlich nicht zu den kreativsten Studiengängen. Die Inhalte sind zum großen Teil vorgegeben, schon im ersten Semester weiß man, welche Veranstaltungen drei Jahre später auf dem Stundenplan stehen. Manche mögen das langweilig finden, aber es hat auch einen ganz enormen Vorteil: Was man im Studium lernt, ist für alle mehr oder weniger gleich, ganz egal, wo man studiert. Medizin ist international. Da liegt es auf der Hand, dass fast alle Medizinstudierenden irgendwann ihre sieben Sachen packen und ins Ausland aufbrechen – sei es im Rahmen eines Erasmus-Semsters, einer Famulatur oder des praktischen Jahres (PJ). Einen internationalen Hochschulraum schaffen – das war auch die Idee der europäischen Bildungsminister, die 1999 in der italienischen Stadt Bologna eine Erklärung unterzeichneten – mit weitreichenden Folgen. Das Abkommen, dem sich mittlerweile 46 Staaten angeschlossen haben, hat die Hochschullandschaft auf den Kopf gestellt. Das Ziel: Die Studienabschlüsse sollen vergleichbar sein, um es Akademikern einfacher zu machen, im Ausland einen Job zu finden. Leistungen aus einem Auslandsstudium sollen anerkannt werden. Wichtige Kernpunkte des Bologna-Prozesses sind daher die einheitlichen Abschlüsse (Bachelor und Master) und ein Leistungspunktesystem, das European Credit Transfer System.

Während etwa die Geisteswissenschaften mittlerweile fast überall auf Bachelor und Master umgestellt haben, sieht es bei den Fächern, die mit einem Staatsexamen abschließen, anders aus: Die Ausbildung der Juristen und Mediziner hat sich beispielsweise bislang nicht geändert. Gerade das Medizinstudium halten viele für nicht kompatibel mit dem Bachelor-/Mastersystem. Eine Einschätzung, die Katharina Kulike von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) nicht teilt. Allerdings steht für sie fest: „Man kann die Struktur des Studiums nicht unabhängig vom Inhalt diskutieren.“ Die bvmd fordert seit Langem ein einheitliches europäisches Kerncurriculum, in dem das Wissen und die Fähigkeiten beschrieben sind, die ein Mediziner am Ende seines Studiums haben sollte. „In der Medizin ist es wichtig, dass Ausbildungsziele erreicht werden und nicht, dass man eine bestimmte Punktzahl vorweisen kann“, sagt Kulike. In einem Positionspapier zum Bologna-Prozess plädiert die bvmd dafür, nicht auf einer Sonderrolle für die Medizin zu bestehen, sondern sich konstruktiv mit den Chancen auseinanderzusetzen. „Die Umsetzung ist entscheidend“, findet Kulike.

Besonders geeignet, einen Bachelor und Master einzuführen, sind aus ihrer Sicht Modellstudiengänge, denn hier sind Klinik und Vorklinik verzahnt. Außerdem entfällt der erste Abschnitt der ärztlichen Prüfung. In den letzten Jahren ist die Anzahl der Modellstudiengänge und Reformcurricula in der Medizin deutlich gestiegen. Diese eigentlich erfreuliche Entwicklung hat einen negativen Beigeschmack: Ein Studienortwechsel ist ohne Zeitverlust kaum noch möglich. Wäre der Bologna-Prozess also auch eine Möglichkeit, der nationalen Mobilität wieder auf die Sprünge zu helfen? „Zumindest würde ein Cut in Form des Bachelors eine bessere Chance zum Wechseln bieten“, sagt Kulike.

In einigen Fakultäten gibt es bereits Überlegungen, ein Bachelor-/Mastermodell einzuführen. Offenbar schon weit fortgeschritten sind die Planungen für eine solche Struktur in der Medizin an der Universität Oldenburg. Das Besondere daran: Die Uni hat bisher gar keinen Studiengang Humanmedizin. In einer deutsch-niederländischen Kooperation soll die „European Medical School Oldenburg-Groningen“ entstehen. Das Land Niedersachsen hat den Wissenschaftsrat gebeten, das Konzept zu begutachten. Auch an der Berliner Charité, an der es seit 1999 den Reformstudiengang Medizin gibt, wird derzeit an einem neuen Modellstudiengang gearbeitet, der den Bologna- Forderungen entspricht.

Alle Studierenden sollen bald nach diesem Curriculum ausgebildet werden. Einen Regelstudiengang gäbe es dann in Berlin nicht mehr. Auf ein dreijähriges Bachelorstudium, in dem die Naturwissenschaften bereits mit der Klinik kombiniert werden, soll ein zweijähriges Masterstudium folgen und dann das PJ. Unterstützung für ihr Modellprojekt erhält die Charité von ganz oben, nämlich vom Berliner Senat. Für die Studierenden sieht Dr. med. Jörg Pelz von der Charité viele Vorteile. „Wer nach einiger Zeit bemerkt, dass er für den klassischen Arztberuf doch nicht geeignet ist, hat keine Zeit verschwendet“, sagt der Referent des Prodekans für Studium und Lehre. Er könne nach dem Bachelor ausscheren und sich beispielsweise der Forschung, den Rechtswissenschaften oder der Ökonomie in einem anderen Masterstudiengang widmen. „Nach unseren Recherchen ist auch die Industrie an Medizin-Bachelorabsolventen interessiert.“

Dem Bachelor und Master in der Medizin stehen aber nicht alle offen gegenüber. Im Gegenteil. Die Kritiker meinen, es habe keine Vorteile, die Medizin in den Bologna- Prozess mit einzubeziehen. Das Medizinstudium sei auf europäischer Ebene bereits vergleichbar. In der Tat gibt es eine EU-Richtlinie, in der die gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse festgelegt ist (2005/36/EG, zuvor 93/16/ EWG). Dort ist auch ein Mindestumfang von 5 500 Unterrichtsstunden oder sechs Jahren verankert. Für Ärzte ist die berufliche Mobilität also innerhalb Europas eigentlich längst gewährleistet. Angesichts des zunehmenden Ärztemangels gibt es aber auch die Befürchtung, irgendwann könnten die „Schmalspurärzte“ auf Patienten losgelassen werden. „Einen Arzt mit einer dreijährigen Bachelor-Medizinausbildung kann es nicht geben. Arzt ist man zweifellos erst nach sechs Jahren Studium“, stellt Pelz klar.

Der Deutsche Ärztetag hat sich mehrfach klar gegen die Einführung einer Bachelor-/Masterstruktur in der Medizin ausgesprochen. „Das komplette, qualitativ hochwertige Medizinstudium in Deutschland bietet viele Vorteile für die Studierenden. Eine Fraktionierung des Studiums oder gar ein „Doktor light“ wären nicht sinnvoll“, erläutert Prof. Dr. med. Jan Schulze, Vorsitzender des Ausschusses „Ausbildung zum Arzt, Hochschule und Medizinische Fakultäten“ der Bundes­ärzte­kammer, dem auch gewählte Studentenvertreter angehören. Zudem befürchtet Schulze, die Zulassung von Bachelorabschlüssen könne den Nachwuchsmangel verschärfen: „Wir können es uns nicht leisten, Studierende durch einen Bachelorabschluss zusätzlich zu motivieren, aus dem Studiengang auszusteigen.“ In der Tat zeigen Untersuchungen bei anderen Studienfächern, dass die Abbrecherquote nach der Einführung des zweistufigen Qualifikationsmodells gestiegen ist. Pelz will dieses Argument jedoch nicht gelten lassen. „Es kann nicht darum gehen, Studierende dazu zu bringen, Abschlüsse zu machen“, sagt er. „Wenn man den Arztberuf wieder attraktiver machen will, muss man die Arbeitsbedingungen ändern.“

Die Entscheidung über eine Bachelor- und Masterstruktur in der Medizin liegt letztlich bei den Hochschulen und den Ländern, denn die theoretische Möglichkeit besteht – zusätzlich zum Staatsexamen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis es das erste entsprechende Curriculum gibt – auch wenn man an dem Sinn zweifeln kann. An der Approbationsordnung (AO) und den darin vorgeschriebenen Staatsexamen wird sich vorerst nichts ändern. Zumindest teilte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auf Anfrage mit, es gebe keine Pläne, die AO zu ändern.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Der Bologna-Prozess
1999 unterzeichneten 29 Europäische Staaten die Bologna-Deklaration. Das Ziel: Das Studieren und Arbeiten im Ausland sollte erleichtert werden. Erreichen wollte man dies unter anderem mit vergleichbaren Studienabschlüssen. Die Bologna-Erklärung ist eine freiwillige politische Willensbekundung. In Deutschland setzte man die Vorgaben folgendermaßen um: Im Hochschulrahmengesetz wurde die Möglichkeit verankert, Bachelor- und Masterstudiengänge einzuführen. Noch wichtiger sind aber die Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz und die Regelungen der Bundesländer. Auch hier setzt man auf Freiwilligkeit. Die Medizin hat bislang eine Sonderstellung. Das Studium und die ärztlichen Prüfungen sind in der Approbationsordnung geregelt. Die Einführung einer Bachelor- und Masterstruktur in der Medizin wäre aber theoretisch trotzdem möglich – zusätzlich zum Staatsexamen. Dabei kommen Modellstudiengänge infrage, denn Vorklinik und Klinik sind verzahnt, und der erste Abschnitt der ärztlichen Prüfung entfällt.
Foto: ddp
Foto: ddp
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