ArchivMedizin studieren2/2008Hausärztliche akademische Lehrpraxis: Patienten zum Anfassen

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Hausärztliche akademische Lehrpraxis: Patienten zum Anfassen

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2008/09: 8

Rieser, Sabine

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LNSLNS Viel Husten, Schnupfen, Heiserkeit, dazwischen aber plötzlich ein hochgradig Verwirrter und eine Frau mit schwerer Migräne – Medizinstudent Felix Dietrich-Bethge findet bislang jeden Praxistag spannend.

Famulant im Einsatz: Felix Dietrich-Bethge bei der Blutabnahme. Fotos:Georg J. Lopata
Famulant im Einsatz: Felix Dietrich-Bethge bei der Blutabnahme. Fotos:Georg J. Lopata
Die Famulatur in einem Berliner Krankenhaus war nicht verkehrt, die in einer Klinik Bombays interessant. „Aber dieses Praktikum ist superwichtig für mich“, betont Felix Dietrich-Bethge (26). Er famuliert gerade für vier Wochen in der akademischen Lehrpraxis des Allgemeinarztes Dr. med. Carsten Lekutat (37) in Berlin- Tegel, einem eher gutbürgerlichen Stadtteil. „Ich wollte schon immer in die Allgemeinmedizin“, erzählt Dietrich- Bethge, der im 8. Semester Medizin in Hannover studiert. „Außerdem kommt die Arbeit in einer Praxis im Studium zu kurz.“

Nun gibt es jeden Tag Praxis satt für ihn. „Es kommen wahnsinnig viele Patienten“, findet Dietrich-Bethge, und deshalb muss es schnell gehen: „Meist gibt es ein Zeitfenster pro Patient von sechs bis zehn Minuten. Das hatte ich so nicht erwartet.“

„Meist gibt es ein Zeitfenster pro Patient von sechs bis zehn Minuten. Das hatte ich so nicht erwartet.“ Felix Dietrich-Bethge
„Meist gibt es ein Zeitfenster pro Patient von sechs bis zehn Minuten. Das hatte ich so nicht erwartet.“ Felix Dietrich-Bethge
Doch die Arbeit gefällt ihm. Endlich sieht er Krankheiten, die er zuvor nur aus Lehrbüchern kannte. Und zwischen den Terminen ist schon noch Zeit, mit Lekutat über die Patienten zu sprechen. „Es sind sehr spannende Fälle dabei“, sagt Dietrich-Bethge. „Gestern zum Beispiel kam ein akut verwirrter alter Mann, dann eine Frau mit einem schweren Migräneanfall, und dann war da noch eine Patientin mit Verdacht auf ein akutes Abdomen.“

Bei Felix Dietrich-Bethge lösen die Erfahrungen in der Hausarztpraxis jedoch auch ambivalente Gefühle aus. „Zum ersten Mal hat man zu Patienten sehr engen Kontakt. Die meisten erzählen viel. Das habe ich mir zwar immer gewünscht, aber nun merke ich, wie anstrengend das ist – und dass ich auch nicht jeden Patienten mag, der da sitzt.“ Während der Sprechstunden kann er über solche Erfahrungen nicht nachdenken. Aber danach geht ihm vieles durch den Kopf. „Für mich sind diese Erfahrungen ein Hinweis, dass ich an mir arbeiten muss. Die Situation in der Praxis zwingt einen auf jeden Fall, sich professionell zu verhalten“, sagt er.

Dass er bei Lekutat gelandet ist, hat der Medizinstudent einer Freundin zu verdanken. Er suchte eine Praxisfamulatur in Berlin, sie empfahl den Arzt in Tegel, den sie durch ihr Medizinstudium kannte. Denn der Allgemeinmediziner arbeitet zweigleisig: Seit 2001 ist er Lehrarzt der Charité für Allgemeinmedizin und seit 2007 zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Institut für Allgemeinmedizin.

„Ich wollte einen Hauch von Universität in meine Praxis bringen. Mir gefällt die Frische, die dadurch hereinkommt.“ Carsten Lekutat
„Ich wollte einen Hauch von Universität in meine Praxis bringen. Mir gefällt die Frische, die dadurch hereinkommt.“ Carsten Lekutat
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In seiner Praxis bildet er Famulanten aus, ebenso Medizinstudenten, die ein Blockpraktikum absolvieren oder im Rahmen des Berliner Reformstudiengangs Medizin für ein Jahr lang jeweils einen Tag in der Praxis mitarbeiten, sowie Ärzte im praktischen Jahr (PJ). „Ich wollte einen Hauch von Universität in meine Praxis bringen“, begründet er sein Engagement. „Mir gefällt die Frische, die dadurch hereinkommt. Man muss seine Arbeit immer wieder hinterfragen.“

Wer zu ihm zur Ausbildung kommt, guckt am ersten Tag erst einmal zu, lernt dann die Arbeit am Empfang und im kleinen Labor kennen und packt nach und nach mit an, je nachdem, welche Kenntnisse er schon besitzt. Schon ein Famulant wie Dietrich-Bethge muss zumindest Blut abnehmen und einmal ein EKG unter Aufsicht schreiben. „Ein fortgeschrittener Student muss bei mir mindestens zehn Entscheidungen pro Tag treffen, zum Beispiel, welche Labordiagnostik er veranlassen oder welches Medikament er verordnen würde“, sagt Lekutat. „PJler behandeln dann schon sehr selbstständig.“

Ausbilder Lekutat kam eher zufällig zur Allgemeinmedizin, Felix Dietrich-Bethge sehr bewusst. Seine Mutter ist Allgemeinmedizinerin, aber das habe nicht den Ausschlag gegeben, glaubt er. Er bringt seine Vorliebe mit seinem Antrieb zum Studium in Verbindung: „Es ist viel Idealismus dabei, wenn man Arzt werden will, und den kann man, finde ich, am ehesten in der Allgemeinmedizin umsetzen.“ Und in einer Praxis, meint er zudem: „In der Klinik geht der Idealismus verloren, weil es so unpersönlich zugeht. Die meiste Arbeit findet doch nicht in den Patientenzimmern statt. Das soll kein Vorwurf sein, das ist eben so.“

In einer hausärztlichen Praxis wie der von Lekutat sind die Patienten nah und der Horizont weit. Der 37-Jährige verknüpft Praxis und Wissenschaft, bietet Naturheilverfahren an, arbeitet zusammen mit einem hausärztlichen Kollegen und einer Kollegin für traditionelle chinesische Medizin. „Mir gefällt, dass man sich als engagierter Allgemeinarzt ein Konzept zusammenstellen kann, das man selbst für seine Patienten gut findet“, sagt Dietrich-Bethge. „Man kann sich in viele Richtungen öffnen.“ Nach zweieinhalb Wochen in der Tegeler Praxis ist er sich sicher, dass die Allgemeinmedizin sein Traumfach bleibt: „Gynäkologe werde ich sicher nicht.“

„Mir gefällt, dass man sich als engagierter Allgemeinarzt ein Konzept zusammenstellen kann, das man selbst für seine Patienten gut findet.“ Felix Dietrich-Bethge
„Mir gefällt, dass man sich als engagierter Allgemeinarzt ein Konzept zusammenstellen kann, das man selbst für seine Patienten gut findet.“ Felix Dietrich-Bethge
Überzeugt von der Allgemeinmedizin sind auch andere, die Lekutat ausgebildet hat. Tobias Freund (30 Jahre) war Ende 2006 dessen erster PJler und arbeitete vier Monate in der Praxis mit. Derzeit ist er als Weiterbildungsassistent am Klinikum in Bayreuth tätig. Rückblickend sagt Freund: „Als ich kam, war noch nicht klar, ob ich Allgemeinmediziner werde, danach hatte ich mich entschieden.“ Zugesagt hat ihm damals gleich die Breite des Fachs: „Viele denken, Allgemeinmedizin wäre langweilig. Aber das Gegenteil ist der Fall. Da geht es von Husten und Schnupfen in zehn Minuten hin zu Depression mit schwerster Suizidalität und wieder zurück.“

Was er rückblickend vor allem gelernt hat in der Lehrpraxis? Natürlich viel über Erkrankungen, sagt Freund, vor allem aber viel über die richtige Einstellung: „Die eigene Haltung im Umgang mit dem Patienten, die gesamte Berücksichtigung seiner Person – das ist im Grunde der Kern des Fachs.“ Sabine Rieser

In Deutschland gibt es rund 2 000 akademische Lehrpraxen. In den allgemeinmedizinischen Lehrpraxen kann man das verpflichtende Blockpraktikum Allgemeinmedizin absolvieren sowie einen viermonatigen Abschnitt des praktischen Jahrs. In diesen ausgewählten hausärztlichen Praxen sollen Medizinstudenten lernen, häufige, wichtige, akute und chronische Erkrankungen zu diagnostizieren. Sie sollen auch unterscheiden, wann Abwarten angebracht ist, und wann ein gefährlicher Krankheitsverlauf abzuwenden ist. Die Anforderungen an akademische Lehrpraxen legt die Universität in Abstimmung mit Landesbehörden und Lan­des­ärz­te­kam­mern fest. Allgemeinmediziner, die den Status akademische Lehrpraxis anstreben, müssen zahlreiche Voraussetzungen erfüllen: Sie müssen beispielsweise über eine typische Praxis mit unterschiedlichen Patienten aller Altersgruppen verfügen, PJlern ein eigenes Sprechzimmer zur Verfügung stellen und Zeit für fallorientierte Besprechungen mitbringen. Weitere Informationen findet man unter anderem auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (www.degam.de).

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