ArchivMedizin studieren2/2008Öffentliches Gesundheitswesen: Gute Chancen für Bewerber mit Spürsinn

Karriere: Die Reportage

Öffentliches Gesundheitswesen: Gute Chancen für Bewerber mit Spürsinn

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2008/09: 12

Richter-Kuhlmann, Eva

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Sorgfältig untersucht Dr. med. Anke Liebetrau Kind für Kind. In einer Kindertagesstätte im Leipziger Süden mit angeschlossener Still- und Krabbelgruppe ist ein Keuchhustenfall aufgetreten. Ein Kinderarzt hat das Gesundheitsamt alarmiert. Sofort ist Liebetrau zur Stelle. Sie nimmt von allen Kindern Nasen-Rachen-Abstriche, die im Labor mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) auf Keuchhustenbakterien getestet werden. Das ist zwar unangenehm für die Kleinen, doch mit ihrer ruhigen Art, einem freundlichen Lächeln und ein paar Gummibärchen nimmt Liebetrau ihnen schnell die Angst vor dem langen Draht, der durch die Nase bis in den Rachen geschoben wird.

Zudem muss es sein; Liebetrau agiert momentan quasi als „Gesundheitspolizei“: „Auch Kinder ohne Symptome können Träger der Bakterien sein“, erläutert sie. Diese dürfen dann zunächst die Kita nicht besuchen, um die Ausbreitung des Keuchhustens zu verhindern. Liebetrau ist Fachärztin für Mikrobiologie und leitet seit knapp zwei Jahren das Sachgebiet Infektionsschutz am Leipziger Gesundheitsamt. Untersuchen wird sie im aktuellen Keuchhustenfall nun auch noch gefährdete Geschwisterkinder und Mütter, die mit ihren Babys die Still- und Krabbelgruppe besuchen. „Bei uns laufen auch alle Infos von weiteren Keuchhustenfällen im Leipziger Raum zusammen“, berichtet die junge Ärztin. „Man muss oft tatsächlich detektivisch vorgehen und Zusammenhänge zwischen einzelnen Fällen herstellen. Das ist superinteressant.“ An einem Tag trete in einem Pflegeheim eine akute Hepatitis B auf, deren Infektionsweg erforscht werden müsse, an einem anderen Tag würden in einer Kita Meningokokken gefunden, die eine Antibiotikaprophylaxe bei allen Kindern nötig machten.

Impfsprechstunde am Dienstagnachmittag: Längst Routine bei Dr. med. Anke Liebetrau
Impfsprechstunde am Dienstagnachmittag: Längst Routine bei Dr. med. Anke Liebetrau
Ursprünglich wollte Liebetrau Hausärztin werden. „Doch bereits während des Studiums und des praktischen Jahrs entdeckte ich, dass mir schnelle Entscheidungen schwerfallen. Ich bin sehr gründlich und will alles ganz genau wissen, ehe ich mich zu einer Therapie durchringen kann“, erzählt die heute 36-jährige Ärztin lächelnd. In den theoretischen Fächern habe sie sich deshalb seit jeher besser aufgehoben gefühlt. Nach der Geburt ihrer Tochter Fenja machte sie eine Freundin auf die Mikrobiologie aufmerksam. „2001 bewarb ich mich um eine Stelle am Mikrobiologischen Institut der Universität Leipzig – und es klappte. 2006 nach der Facharztprüfung und der Geburt meiner zweiten Tochter Marit erhielt ich dann die Stelle hier im Gesundheitsamt“, berichtet Liebetrau. Mit der Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitswesen hatte sich die junge Ärztin bis dahin kaum beschäftigt. Freimütig gibt sie zu: „Über den Infektionsschutz im Amt hatte ich zwar einen fachlichen Überblick, aber was wirklich auf mich zukommt – das wusste ich nicht.“

Durch den öffentlichen Gesundheitsdienst in Leipzig werden jährlich etwa sechs Tuberkulosefälle entdeckt. Fotos: Sebastian Willnow
Durch den öffentlichen Gesundheitsdienst in Leipzig werden jährlich etwa sechs Tuberkulosefälle entdeckt. Fotos: Sebastian Willnow
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Bereut hat Liebetrau ihre Entscheidung jedoch nicht. „Meine Tätigkeit hier ist abwechslungsreich, und ich kann die 36 Stunden Gleitarbeitszeit sehr gut mit der Betreuung meiner beiden Mädchen verbinden“, erklärt sie. Der Hygienebereitschaftsdienst sei ein Hintergrunddienst mit Telefon. Zu Liebetraus Aufgaben im Gesundheitsamt gehören neben den Impfsprechstunden auch die Begehung von Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern und Blutspendeeinrichtungen unter hygienischen Gesichtspunkten, Untersuchungen von Bade- und Trinkwasser, die Beratung von HIV-Infizierten und Suchtkranken sowie die Erstellung vom Pandemieplänen im Rahmen der medizinischen Katastrophenhilfe.

„Manchmal vermisse ich allerdings die Laborarbeit“, räumt Liebetrau ein. Doch ihr Facharztwissen käme ihr oft zugute. „Ich schaue ganz anders auf die Befunde, kann sie kritisch bewerten“, sagt sie. Wie Liebetrau geht es vielen jungen Ärztinnen und Ärzten: Das Wissen über eine Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) ist am Ende des Studiums gering, denn dort wird es kaum vermittelt. Nur durch Zufall gelangen viele „Quereinsteiger“ in diesen Beruf, obwohl eine reguläre Weiterbildung zum Facharzt/Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen (ÖGW) existiert (Kasten).

Pandemieplanung: Liebetrau im Gespräch mit Amtsleiter Dr. med. Bodo Gronemann und Hygieneleiterin Dr. med. Ingrid Möller
Pandemieplanung: Liebetrau im Gespräch mit Amtsleiter Dr. med. Bodo Gronemann und Hygieneleiterin Dr. med. Ingrid Möller
Die Berufschancen in diesem Fachgebiet sind momentan sehr gut. Engagierter Nachwuchs wird dringend gesucht, vor allem in Ostdeutschland. So konnten in Sachsen in den vergangenen zwei Jahren für mehr als die Hälfte der ausgeschriebenen Stellen im ÖGW keine Ärztinnen und Ärzte mehr gefunden werden. Einer Analyse des Landesverbandes Sachsen der Ärzte und Zahnärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes von 2007 zufolge ließen sich von 44 ausgeschriebenen Arztstellen auf dem Land und in den Städten jeweils nur zehn Stellen (37 und 55 Prozent) besetzen.

„Die Aufgaben des ÖGD müssen in ihrer Vielfalt bekannter gemacht werden. Das Fachgebiet wird nämlich total unterschätzt“, meint Dr. med. Bodo Gronemann, Leiter des Gesundheitsamtes Leipzig und Chef von Liebetrau. „Wir sind mehr als nur die Gesundheitspolizei oder die beratende Instanz.“

Richtig sei, dass die Ärztinnen und Ärzte im ÖGD kaum kurativ tätig seien, erklärt Gronemann. „Dies muss man bei der Berufswahl bedenken.“ Die Aufgaben im kinderund jugendärztlichen Dienst, die beispielsweise die Reihenuntersuchungen beinhalten, sowie die Tätigkeiten in der Gesund­heits­förder­ung, im Infektionsschutz und gesundheitlichen Umweltschutz sowie in der Sozialmedizin seien hauptsächlich beratend und präventiv oder bezögen sich auf die Ausstellung von amtsärztlichen Gutachten.

„Durch eine bessere Verzahnung des ÖGD mit der Praxis könnte das Fachgebiet jedoch attraktiver werden“, ist der Facharzt für Urologie und gleichzeitig für ÖGW überzeugt. Den momentanen Nachwuchsmangel im öffentlichen Gesundheitswesen verdeutlichen die seit 2002 kontinuierlich erfassten Daten des sächsischen ÖGD: 73 Prozent der Gesundheitsämter verzeichneten in den letzten sechs Jahren einen deutlichen Personalabbau, der nicht mit sinkenden Einwohnerzahlen zu begründen ist. Besonders betroffen sind die ländlichen Gebiete. Aber auch in den Städten schwankt der Umfrage zufolge der Abbau zwischen 16 und 64 Prozent. Betroffen ist jedoch nicht nur Sachsen. Auch Gesundheitsämter in den alten Bundesländern klagen über Nachwuchsmangel. Als Gründe für die Nichtbesetzung von ÖGD-Stellen nennt Gronemann das hohe Arbeitsaufkommen bei wenig Personal, eine inadäquate Bezahlung sowie geringere Aufstiegschancen als im Krankenhaus. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Zu Unrecht als eintönig abgestempelt: Die Arbeit der Ärzte im ÖGD
Zu Unrecht als eintönig abgestempelt: Die Arbeit der Ärzte im ÖGD
Weiterbildung zum Facharzt für Öffentliches GesundheistwesenDer Definition zufolge umfasst das Gebiet öffentliches Gesundheitswesen „die Beobachtung, Begutachtung und Wahrung der gesundheitlichen Belange der Bevölkerung und die Beratung der Träger öffentlicher Aufgaben in gesundheitlichen Fragen“. Für die Weiterbildung sind fünf Jahre vorgesehen, davon
• 18 Monate in einer Einrichtung des ÖGW
• sechs Monate Teilnahme an einem Kurs für ÖGW
• drei Jahre in Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung, davon sechs Monate in der Psychiatrie/Psychotherapie. Zu den Weiterbildungsinhalten gehören unter anderem die Standards der öffentlichen Gesundheitssicherung, Epidemiologie, Statistik, Gesundheitsschutz, hygienisches Qualitätsmanagement, Prävention und Risikomanagement.

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