ArchivMedizin studieren2/2008Frauen in der Chirurgie: „Die gläserne Decke, die gibt es“

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Frauen in der Chirurgie: „Die gläserne Decke, die gibt es“

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2008/09: 18

Nüssler, Natascha

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Foto: privat
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Für eine Facharztausbildung in der Chirurgie habe ich mich während meines praktischen Jahrs in den USA entschieden. Während des Studiums war ich auf das Fach nicht recht aufmerksam geworden. Das hat sich aber in den Staaten geändert. Dort habe ich gelernt, dass Chirurgie mehr bedeutet, als den OP-Schnitt zu setzen, vielmehr dass es ein Fach ist, das im besten Fall den Menschen ganzheitlich betrachtet und behandelt. Während meines Studiums in Deutschland ist dies nicht deutlich geworden, die Lehre ist ja in Deutschland durchweg problematisch, nicht nur in der Chirurgie.

Das Problem ist, dass Dozenten und Ärzte in der Lehre keinen Blumentopf gewinnen können. Lehre ist nicht anerkannt, sondern eine lästige Pflicht. Sie ist sehr aufwendig und wird nicht honoriert. Wir haben in Deutschland keine Lehr- und Weiterbildungskultur. Das ist in den USA anders. In meiner Laufbahn habe ich sehr wohl erfahren, dass es sehr schwierig ist, eine Familie mit einer Karriere zu vereinbaren. Die Betreuungsmöglichkeiten für Paare mit Kindern halte ich weiterhin für durchweg katastrophal.

Auch für Männer ist das übrigens ein Problem, vielleicht sogar ein noch größeres als für Frauen: Wenn sie sich Zeit nehmen für die Kinder und eine Weile zu Hause bleiben, ist ihr Karriereknick mitunter größer als der von Frauen. Die gesellschaftliche Rollenverteilung und Rollenerwartung ist nämlich noch immer so, dass eher von Frauen erwartet wird, zu Hause zu bleiben und die Kinder zu betreuen.

In der Chirurgie ist die Belastung tatsächlich zum Teil noch größer als in anderen Fächern. Es ist schwieriger, die Arbeitszeiten zu planen. Wenn Sie in einer großen OP stehen, können Sie sie nicht abbrechen, weil Ihre Kinderkrippe um 17 Uhr schließt. Hinzu kommt: Die Chirurgie ist tatsächlich eine Männerdomäne. Rund elf Prozent der Mitglieder in der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der wissenschaftlichen Fachgesellschaft, sind Frauen.

Unter 35 Ordinarien ist nur eine Frau. Diese Männerdominanz habe ich vor allem nach der Facharztprüfung festgestellt. Irgendwie ist da eine gläserne Decke, die nicht recht wahrnehmbar ist, Sie aber hindert, weiter aufzusteigen, zumindest für eine Weile. Dennoch: Die Chirurgie ist ein sehr schönes Fach, wenn Sie Begeisterung mitbringen, kann ich Ihnen nur raten, Chirurgin oder Chirurg zu werden. Übrigens sollte man auch nicht vergessen, dass Krankenhäuser und die Fachgesellschaft die Probleme für den Nachwuchs in der Chirurgie sehr wohl erkannt haben und sich allerorts darum bemühen, die Situation zu verbessern.

Prof. Dr. med. Natascha Nüssler, Chefärztin der Chirurgischen Klinik des Klinikums Neuperlach, hat ihre Facharztweiterbildung an der Berliner Charité absolviert. Die Chirurgin ist verheiratet und hat drei Kinder.
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