ArchivMedizin studieren2/2009Famulatur in Südafrika: Kein Tag ohne Gewalt

Studium: Ausland

Famulatur in Südafrika: Kein Tag ohne Gewalt

Schlingloff, Friederike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS 2010 findet die Fußballweltmeisterschaft statt: Doch noch gehören Opfer von gewaltsamen Streitereien, Vergewaltigungen und Aidskranke zum medizinischen Alltag in südafrikanischen Krankenhäusern.

Foto: dpa
Foto: dpa
Nur noch wenige Monate wird es dauern, bis die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika startet. Doch öffentliche Verkehrsmittel, wie Busse und Taxis, sind in Südafrika längst noch nicht sicher, man kann nicht zu Fuß die Gegend erkunden oder von Bar zu Bar ziehen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Südafrikas Regierung bemüht sich zwar nach Kräften, das Land für die Weltmeisterschaft so sicher wie möglich zu machen, doch ich bezweifele, dass dies bis zum nächsten Jahr gelingen wird. Denn die Eindrücke, die ich während meiner Famulatur in Südafrika gewonnen habe, waren stark von Gewalt geprägt.

Ich verbrachte vier Monate an zwei verschiedenen staatlichen Krankenhäusern in einer armen, ländlichen Gegend bei Durban, im Bundesland Kwazulu-Natal. Im Vorfeld der Reise wurde ich mit der Meinung einiger Kommilitonen konfrontiert, dass es unethisch sei, als Medizinstudentin dorthin zu fahren, um an den armen, unwissenden Patienten wie an „Versuchstieren“ Erfahrungen zu sammeln. Doch so gestaltet sich eine Famulatur in Südafrika nicht. Erfahrene Ärzte und Ärztinnen standen mir in der Notaufnahme, der Chirurgie und der Gynäkologie stets geduldig zur Seite. Unter ihrer Anleitung und Aufsicht konnte ich lernen, wie man Lumbalpunktionen macht, Bülau-Drainagen legt und Wunden näht. Erst nachdem ich drei Wochen lang erste Assistentin bei Kaiserschnitten gewesen war, durfte ich einen Kaiserschnitt unter Aufsicht selbst durchführen. Das war ein wirklich schönes Erlebnis, auch wenn ich hinterher vor lauter Aufregung nicht einmal mehr wusste, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen war. Die Leitlinien und Verfahren sind in Südafrika ähnlich wie in Deutschland, aber die südafrikanischen Ärzte sind geduldiger und haben Spaß an der Lehre. Sie erklären den Studierenden vieles und zeigen ihnen bereitwillig Techniken, die diese noch nicht beherrschen. Und das, obwohl die Arbeitsbedingungen für Mediziner in der Region um Durban sehr schwierig sein können. Das Ausmaß an Krankheit und Armut in der Region ist schockierend. Die Notaufnahme ist Tag und Nacht gefüllt mit Patienten, die an Aids sterben oder Opfer von Gewalttaten wurden. Kein Wunder: das Bundesland Kwazulu-Natal hat sowohl eine der höchsten Raten an HIV- Infizierten (mehr als 20 Prozent der Erwachsenen) als auch eine der höchsten Gewaltraten Südafrikas und weltweit.

In einer ländlichen Gegend um Durban arbeitete Friederike Schlingloff vier Monate an staatlichen Krankenhäusern. Foto: privat
In einer ländlichen Gegend um Durban arbeitete Friederike Schlingloff vier Monate an staatlichen Krankenhäusern. Foto: privat
Das halbe Jahr, das ich in dieser Umgebung verbrachte, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Und so kam ich – als ich wieder in Hamburg war und mir ein Thema für meine Dissertation aussuchen musste – auf die Idee, das Phänomen der Gewalt zu untersuchen. Unterstützung für dieses Projekt fand ich beim Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts in Hamburg, und so ging es bereits drei Monate später wieder zurück nach Südafrika, im Gepäck einen dreiseitigen Fragebogen, mit dem ich Opfer von Gewalttaten interviewen und untersuchen wollte.

Die folgenden sechs Monate der Datenerhebung waren sehr anstrengend. Mit vielen Patienten konnte ich mich nicht auf Englisch verständigen und musste deshalb zwei Zulu-Übersetzerinnen einstellen. An Patienten mangelte es allerdings nicht. Es war sehr belastend, sich Tag für Tag die schweren Verletzungen anzusehen und die Schicksale der Patienten anzuhören. Das Ausmaß an Brutalität und die Sinnlosigkeit der Gewalt, die besonders häufig unter befreundeten jungen Männern auftritt, waren schockierend für mich. Auch die Lebensbedingungen der Patienten, die ich für die Dissertation ebenfalls untersuchte , waren denkbar schlecht: Ein Großteil der Patienten lebt zusammen mit mehreren Familienmitgliedern von weniger als umgerechnet 80 Euro im Monat.

Am häufigsten beobachtete ich schwere Messerstichverletzungen, aber auch einige Schussverletzungen und Suizidversuche. Zudem ist die Zahl der Vergewaltigungen in Südafrika sehr hoch. Das in den letzten Jahren entstandene Gerücht, dass der Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau eine HIV-Infektion heilen kann, hat die Zahl der Vergewaltigungen noch erhöht. Auch der Glaube an traditionelle Heiler und Hexen ist in Südafrika sehr verbreitet, sodass viele Patienten erst nach jahrelangen fruchtlosen Bemühungen der traditionellen Heiler das Krankenhaus aufsuchen. Doch dann kommt oft jede Hilfe zu spät. Die Angst vor Hexen führt auch zu Hexenverfolgungen. Solche verfolgten Frauen fand ich ebenfalls unter meinen befragten Opfern von Gewalttaten.

Gegensätze: Südafrika trifft Sicherheitsvorkehrungen für die Fußballweltmeisterschaft, doch in den Slums sind Gewalttaten und Hexenverfolgungen noch immer an der Tagesordnung. Foto: Joker / EPD
Gegensätze: Südafrika trifft Sicherheitsvorkehrungen für die Fußballweltmeisterschaft, doch in den Slums sind Gewalttaten und Hexenverfolgungen noch immer an der Tagesordnung. Foto: Joker / EPD
Anzeige
Auch privat erlebte ich die unmittelbaren Auswirkungen der Gewalt und der Kriminalität, die in Südafrika überall herrscht: Ein befreundeter Arzt wurde auf dem Heimweg überfallen, sein Auto wurde gestohlen, und er selbst wurde mit einer Pistole bedroht und mit einer Bierflasche geschlagen. Auch ein anderer Arzt des Krankenhauses wurde in seinem Auto überfallen und mit einer Schusswaffe bedroht. Mir selbst wurden Computer, Kamera und Handy gestohlen. Dennoch war ich erleichtert, weil nicht mehr passiert war. Die Angst vor Gewalttaten und die Unsicherheit bestimmen stark das Leben aller Südafrikaner. Die Menschen leben hinter hohen, meist elektrischen Gitterzäunen, die Häuser sind durch Alarmanlagen und Gitter vor den Fenstern gesichert, die Autos haben verstärktes Fensterglas, und bestimmte Gegenden von Durban und die Townships kann man einfach nicht betreten.

Zur Fußballweltmeisterschaft werden viele europäische Touristen und Fans ganz unvorbereitet auf die örtlichen Gegebenheiten in Südafrika treffen. Momentan rüstet die Polizei in großem Maß auf, und überall sind Umbauten im Gang. Wenn es tatsächlich gelingt, sichere Shuttlebuslinien zu den Stadien einzurichten und auch das Umfeld sicher zu gestalten, ist die Weltmeisterschaft eine Chance für das Land. Es kann zeigen, wie sehr es an sich arbeiten kann und wie sehr es sich seit Ende der Apartheid verändert hat. Friederike Schlingloff, Hamburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema