ArchivMedizin studieren1/2009Repetitorien: Abzocke oder effektives Training?

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Repetitorien: Abzocke oder effektives Training?

Hibbeler, Birgit

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Fotos: Birgit Hibbeler
Fotos: Birgit Hibbeler
„Geschäft mit der Prüfungsangst“ nennen es die einen, „hilfreiche Examensvorbereitung“ die anderen. Die Meinungen über Repetitorien gehen auseinander. Fest steht: Immer mehr Medizinstudierende besuchen vor dem Physikum oder dem Hammerexamen einen solchen Kurs.

Das Programm ist straff, der Tagesablauf vorgegeben. Bis zum Hammerexamen bleibt nicht mehr viel Zeit, und 49 Tage Intensivkurs sollen es richten. Freies Wochenende? Gibt es nicht. Lange schlafen? Kann man nicht. Um 8.30 Uhr geht es los. Nach und nach trudeln die Studierenden im Marburger Schulungszentrum von „Medi- Learn“ ein. Pädiatrie steht auf dem Programm – drei Tage sind dafür in dem Repetitorium vorgesehen.

Kaum einer der Teilnehmer schreibt mit. Alle Folien, die der Dozent Dr. med. Thomas Lempp (31) an die Wand beamt, befinden sich in dem Skript, das vor den Studierenden liegt. Viele malen aber mit Neonstiften darin herum. Meist sind die Unterlagen am Ende ganz bunt, denn sie enthalten nur das Wesentliche. Alle wissen: Wer diese Fakten kennt, der schafft es. Kursleiter Lempp versucht derweil, den 31 Anwesenden einzubläuen, worauf sie bei den Aufgaben des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) achten müssen. Wenn die Studierenden später den Raum verlassen, sollen ausnahmslos alle wissen, dass die rheumatoide Arthritis nichts mit rheumatischem Fieber zu tun hat. „Wenn ihr das drauf habt, könnt ihr schon ziemlich viele Rheuma-Fragen beantworten. Da reitet das IMPP immer drauf rum“, sagt Lempp. Sein Vortrag ist strukturiert und lebendig. Es gibt immer eine „Never-forget-Folie“ und hilfreiche Eselsbrücken.

„Die Frage ist: Bist du ein Lernstratege? Wenn nicht, dann ist so ein Kurs Gold wert.“ NawiedTehrani, Kursteilnehmer bei Medi-Learn
„Die Frage ist: Bist du ein Lernstratege? Wenn nicht, dann ist so ein Kurs Gold wert.“ NawiedTehrani, Kursteilnehmer bei Medi-Learn
Die Studierenden sind von dem Kurs überzeugt: „Ich bin total begeistert“, sagt Jutta B.* Elf Jahre lang hatte die 43- Jährige ausgesetzt. Jetzt macht sie den Kurs zur Wiederauffrischung und als Vorbereitung aufs praktische Jahr (PJ). Die Gründe, warum die Studierenden den Kurs machen, sind ganz unterschiedlich. Dominik G.* (29) kommt gerade aus dem PJ. Das Examen will er so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sein Ziel: Die Abschlussnote soll mindestens eine Zwei sein. Dominik will eine Stelle in der Augenklinik einer ganz bestimmten Uni. „Ich hab mich da schon beworben. Die haben mir aber direkt gesagt, ich soll mich nach dem Examen wieder melden – allerdings nur, wenn ich eine gute Note habe“, berichtet er. Ob er glaubt, dass ihm das Repetitorium helfen wird? Ja, da ist er sich sicher.

Man kann nur hoffen, dass er recht hat, denn ganz billig sind die Kurse nicht. Die Repetitorien für das Hammerexamen kosten rund 2 700 Euro. Hinzu kommen Unterkunft und Verpflegung. Die Physikumskurse sind etwas günstiger. Thomas Brockfeld von Medi-Learn ist jedoch überzeugt, dass das Geld gut angelegt ist: „Viele rechnen so: Eh ich das Examen ein Semester schiebe, ist der Kurs eine gute Investition, weil ich so früher arbeite und verdiene.“ Viele Studierende im Hammerexamen-Repetitorium hätten schon beim Physikum gute Erfahrungen mit Medi-Learn gemacht und wollten jetzt auf Nummer sicher gehen. Mit einer Teilnahme an einem Kurs verdopple ein Studierender die Wahrscheinlichkeit zu bestehen, sagt Brockfeld. Neben dem Unterricht finden Tagesklausuren statt. Der Lernerfolg wird so kontrolliert. Jeder bekommt außerdem einen persönlichen Kreuzplan. Für die mündliche Prüfung wird die Rhetorik trainiert, und die Studierenden lernen, mit Prüfungsangst umzugehen. Ein paar Verschnaufpausen in Form von Studientagen gibt es ebenfalls.

Die Zahl der Interessenten hat in den vergangenen Jahren zugenommen, auch seit Inkrafttreten der neuen Approbationsordnung. „Aber von Verhältnissen wie bei den Juristen, wo 90 Prozent ein Repetitorium machen, sind wir in der Medizin noch weit entfernt“, stellt Brockfeld klar. Etwa vier Prozent der Examensanwärter besuchen vor dem Hammerexamen ein Repetitorium bei Medi-Learn, erklärt Brockfeld. Medi-Learn ist Marktführer, was die kostenpflichtigen Medizinrepetitorien angeht – beim Hammerexamen sogar der einzige Anbieter, denn der Konkurrent „Medicurs“ hat aufgegeben. Bei den Physikumskursen liegt der Marktanteil von Medi-Learn nach eigenen Angaben bei mehr als 90 Prozent. Weitere Anbieter sind unter anderem „Physikurs“ und „Wirth-Repetitorien“. Es gibt für einzelne Fächer Kursangebote, etwa von „Pathik Hagemann“ für Biochemie oder „Medizin Intensiv“ für Physiologie und Physik. Auch an den Fakultäten finden vereinzelt für manche Fächer Wiederholungskurse statt.

Ein besonderes Angebot gibt es in Göttingen: Ein Repetitorium für alle Physikumsfächer. Doch auch hier kommt Medi-Learn ins Spiel. Denn die medizinische Fakultät richtet den Kurs nicht selbst aus, sondern hat den Marburger Anbieter damit beauftragt. 80 000 Euro pro Semester lässt sie sich das kosten – finanziert aus Studiengebühren. So gut wie alle Studierenden nutzen das Angebot, zahlen für die Teilnahme weitere 150 Euro. Wer die Note zwei im schriftlichen Physikum hat, bekommt 100 Euro zurück, bei einer Eins sogar die komplette Gebühr. Die Physikumsergebnisse haben sich deutlich verbessert, seitdem es das Repetitorium gibt. Geplant ist ein solches Angebot auch in Tübingen. Dann würden mit den Kursen im Marburger Schulungszentrum rund 1 100 der jährlich etwa 10 000 Physikumsteilnehmer in einem Medi-Learn-Kurs ausgebildet. Mehr als jeder Zehnte wäre dann also von einem Privatunternehmen auf das Physikum vorbereitet worden. Die Kosten dafür tragen in erster Linie die Studierenden. Und ist dieses „Outsourcing“ nicht eine Bankrotterklärung der universitären Lehre? Nein, findet Brockfeld von Medi-Learn. Die Fakultäten hätten eine Vielzahl von Aufgaben zu erfüllen: Sie müssten gute Ärzte und exzellente Wissenschaftler ausbilden. So sei es nachvollziebar, wenn die Vorbereitung auf die IMPP-Fragen von den Universitäten als Ballast empfunden werde. Am besten wäre es, wenn die Universitäten selbst kostenlose Repetitorien anbieten würden, findet Nawied Tehrani (30), ebenfalls Hammerexamen- Kursteilnehmer bei Medi- Learn. Er kann sich jedoch nicht vorstellen, wie die Fakultäten das leisten sollen. „Wer hätte dort Zeit, die IMPP-Fragen zu analysieren?“ Allerdings glaubt Tehrani auch nicht, dass jeder Studierende ein Repetitorium braucht. Es komme auf das Selbstmanagement an. „Die Frage ist: Bist du ein Lernstratege? Wenn nicht, dann ist so ein Kurs Gold wert.“ Dr. med. Birgit Hibbeler

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