ArchivMedizin studieren2/2009Niedergelassene Ärzte: Kollektiv gut, systematisch gut

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Niedergelassene Ärzte: Kollektiv gut, systematisch gut

Maus, Josef

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LNSLNS Für die ambulante Versorgung steht eine Richtungsentscheidung mit enormer Tragweite an: Soll es beim Kollektivvertrag bleiben oder treten Einzelverträge zwischen Ärzteverbänden und Krankenkassen an seine Stelle? Beides nebeneinander kann nicht mehr lange funktionieren.

Andreas Köhler, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) will jetzt endlich Klarheit: Wer soll die ambulante Versorgung in Zukunft organisieren? Und wie soll das geschehen? Die Antworten muss die neue Bundesregierung geben. Von ihr wird abhängen, ob die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die seit vielen Jahrzehnten die ambulante medizinische Versorgung von rund 72 Millionen Menschen durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sicherstellen, dafür auch weiterhin zuständig sind oder ob ärztliche Verbände und andere Anbieter an ihre Stelle treten werden. Darauf läuft letztlich der Streit um den Kollektiv- oder Selektivvertrag hinaus, der zunehmend die innerärztliche Diskussion bestimmt. Doch was sind Kollektiv- und Selektivverträge? Was verbirgt sich hinter diesen eher sperrigen Begriffen?

Beim Kollektivvertrag vereinbaren die Kassenärztlichen Vereinigungen mit den Krankenkassen Art und Umfang der ambulanten Versorgung sowie die Vergütung der niedergelassenen Ärzte. Weil das für alle Kassen und alle niedergelassenen Ärzte in der jeweiligen Region gilt, können alle Versicherten – unabhängig davon, bei welcher gesetzlichen Krankenkasse sie Mitglied sind – jeden zugelassenen Vertragsarzt in Anspruch nehmen. Es herrscht freie Arztwahl, und alle Niedergelassenen dürfen alle GKV-Patienten behandeln. Patienten können auch unabhängig von ihrem Wohnort – etwa im Urlaub in Bayern oder an der Ostsee – einen Arzt ihrer Wahl aufsuchen. Die Vorlage der Krankenversichertenkarte genügt, die Vergütung des Arztes regeln die KVen untereinander.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen sorgen gemeinsam mithilfe des Kollektivvertrags dafür, dass die GKV-Versicherten jederzeit freien Zugang zur ambulanten Versorgung haben und dass diese Versorgung einheitlich, flächendeckend und wohnortnah ist. Die Kassenärzte wiederum haben aufgrund des Kollektivvertrages die Garantie, alle Patienten unabhängig von deren Kassenzugehörigkeit behandeln zu dürfen und dafür auch garantiert über ihre KV honoriert zu werden.

Dieses System funktioniert seit fast 80 Jahren so gut, dass uns viele andere Länder darum beneiden. Dennoch steht es jetzt infrage. Der Herausforderer ist der Selektivvertrag – eine Vereinbarung, die nach dem Willen des Gesetzgebers ohne Beteiligung der KVen zwischen ärztlichen Verbänden und den Krankenkassen geschlossen wird. Beispiel dafür sind die Hausarztverträge. Sie gelten jeweils für Versicherte derjenigen Kassen, die regional mit dem dortigen Hausärzteverband geschlossen werden, sofern der Versicherte sich bei einem Hausarzt einschreibt. Große Hausarztverträge gibt es derzeit beispielsweise in Bayern und in Baden-Württemberg. Vertragspartner in beiden Fällen ist die AOK.

Kommen nun mehr derartige Verträge zustande, wird die bislang einheitliche Versorgungslandschaft sehr rasch zu einem Flickenteppich. Die Patienten müssten künftig beim Arzt erst nachfragen, ob er mit ihrer Kasse auch einen Vertrag hat. Die Vergütung, die die Krankenkassen den ärztlichen Verbänden zahlen, wird den KVen abgezogen, denen am Ende nur noch die Resteverwaltung bleibt. Auf die Ärzte käme eine Vielzahl von Verträgen zu und damit ein gewaltiger Aufwand für das Vertragsmanagement.

Ein Nebeneinander von Kollektiv- und Selektivvertrag kann es auf Dauer nicht geben. Die KVen würden das nicht überleben. Bleibt die Frage, welche Art der Versorgung für alle Beteiligten die bessere ist. Die Antwort von KBV-Chef Köhler kann nicht überraschen: „Der Kollektivvertrag, modifiziert mit Ergänzungsverträgen, mit denen innvovative Versorgungsformen ausprobiert und bei Erfolg in die Regelversorgung übernommen werden können.“ Ob das die Politik genauso sieht, wird sich bald zeigen. Denn die nächste Gesundheitsreform kommt garantiert – und damit auch Regelungen, die erkennen lassen, wem denn nun die Zukunft gehören soll: dem Kollektivvertrag oder den Einzelverträgen. Josef Maus
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