ArchivMedizin studieren1/2009Unfallchirurgin Dr. med. Christine Voigt: Exotin – das war einmal

Karriere: Die Reportage

Unfallchirurgin Dr. med. Christine Voigt: Exotin – das war einmal

Richter-Kuhlmann, Eva

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Fotos: Franz Fender
Fotos: Franz Fender
Begeisterungsfähigkeit und Engagement lassen scheinbare Barrieren verschwinden.

Ein Zuckerpüppchen ist Dr. med. Christine Voigt (33) bestimmt nicht. Aber breite Schultern oder muskelbepackte Oberarme sucht man bei ihr ebenfalls vergebens. „Die braucht man in unserem Fach auch nicht unbedingt“, sagt die zierliche Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie, während sie zügig in Richtung OP-Trakt läuft. „Die meisten körperlich anstrengenden Tätigkeiten im OP sind mit einer entsprechenden Technik gut zu bewältigen. Da gibt es ausreichend Tricks. Und wenn die Kraft mal wirklich nicht ausreicht, habe ich keine Scheu, einen ,starken‘ Kollegen zu bitten“, fügt sie lächelnd hinzu, bevor sie mich schnell in die OP-Schleuse zieht.

Eine Bankartfraktur steht heute auf dem OP-Programm der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie des Diakoniekrankenhauses Friederikenstift in Hannover. Die operiert Voigt gemeinsam mit ihrem Chef, Prof. Dr. med. Helmut Lill. Dass Voigt als Frau am OP-Tisch der Unfallchirurgie steht, ist immer noch ein bisschen ungewöhnlich. Doch auch in diesem Fachgebiet wird umgedacht. Längst ist die Unfallchirurgie keine reine Männerdomäne mehr. Das macht sich auch im Friederikenstift bemerkbar. Noch vor fünf Jahren arbeitete Voigt hier als einzige Assistenzärztin in der Unfallchirurgie, mittlerweile hat sie vier Kolleginnen. „Anfangs hatte ich schon eine gewisse Exotenrolle inne und musste mich auch erst an die langen Arbeitstage gewöhnen“, erzählt Voigt. „Aber schnell war ich mittendrin.“

„Mittendrin“ ist Voigt in der Tat. Im Oktober vergangenen Jahres absolvierte sie ihre Prüfung zur Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Während ihrer Weiterbildungszeit arbeitete sie zudem wissenschaftlich, publizierte in nationalen und internationalen Fachzeitschriften. Ihre Habilitationsarbeit soll im Sommer fertig sein. Als Karrierefrau sieht sich Voigt jedoch nicht: „Eine Familie zu gründen, ist mir ebenso wichtig wie der Beruf.“ Ihre Karriere habe sie nicht bewusst geplant. Sie sei in diese Schiene eher „hineingerutscht“. „Bislang investiere ich schon viel Zeit und Kraft in Klinik und Wissenschaft“, räumt die Unfallchirurgin ein. Sie ist täglich zehn bis zwölf Stunden in der Klinik. „Es macht mir Spaß, und deshalb ist die Arbeit auch keine große Belastung für mich“, sagt Voigt und steht schon komplett umgezogen vor mir, während ich mir noch schnell Haube und Mundschutz schnappe.

Handschuhwechsel: Teamwork ist gefragt – nicht nur unter Kollegen, sondern auch mit den OP-Schwestern.
Handschuhwechsel: Teamwork ist gefragt – nicht nur unter Kollegen, sondern auch mit den OP-Schwestern.
Auf dem Weg von der Schleuse zum OP-Saal berichtet sie mir dann von dem großen Spektrum des Faches Orthopädie/ Unfallchirurgie: von pädiatrischen und geriatrischen Patienten, von operativer und konservativer Therapie, und man kann dabei ihre Begeisterung für die Arbeit regelrecht spüren. Die stamme aus ihrer Studienzeit, erzählt sie. Damals habe sie in verschiedenen chirurgischen Kliniken famuliert und sei von engagierten Kollegen und Teams, die sie gleichberechtigt in die Arbeit integrierten, von der Leidenschaft für das Fach „angesteckt“ worden. „So bin ich mehr oder weniger zufällig zur Unfallchirurgie gekommen“, verrät Voigt. Zu Beginn ihres Medizinstudiums in Jena und Göttingen wollte sie eigentlich Kinderärztin werden. Doch am Ende stellte sie fest, dass die Orthopädie/ Unfallchirurgie ihr Favorit war. „Das Fach ist geprägt von Spontanität und schnellen Erfolgen – das gefällt mir“, sagt die junge Ärztin. Angenehm empfinde sie auch, dass „man viele Dinge selbst in die Hand nehmen kann“. „Das Fach hat mich begeistert. Und wenn man begeistert ist und sich engagiert, wird man auch gefördert.“

„Noch immer sind 95 Prozent der Bewerber männlich“. Helmut Lill
„Noch immer sind 95 Prozent der Bewerber männlich“. Helmut Lill
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Unterstützung und Förderung erhält Christine Voigt durch ihren Chefarzt Prof. Lill. „Frau Voigt ist meine beste Mitarbeiterin“, lobt er. „Sie hat ein sehr gutes Fachwissen, ein großes wissenschaftliches Interesse und ist weit über den Durchschnitt engagiert.“ Dass ihr durch die Tatsache, dass sie als Frau in der Chirurgie tätig ist, Vor- oder Nachteile entstehen, glaubt Lill nicht: „Ich bevorzuge sie nicht, aber ich schone sie auch nicht.“ Gern würde er noch mehr Frauen einstellen. Doch die Nachfrage ist zu gering. „Noch immer sind 95 Prozent der Bewerber männlich“, berichtet der Unfallchirurg. Dabei sei er nicht abgeneigt, auch Teilzeitverträge abzuschließen. Auch Christine Voigt hat seit Januar eine 20-Stunden- Teilzeitstelle am Friederikenstift Hannover. Die restliche Zeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Chirurgie des Stütz- und Bewegungsapparates der Universität Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Dort ist sie mit der Strukturierung und Organisation der Lehre betraut und beendet ihre Habilitation. Trotz ihrer vielen Aufgaben findet Voigt immer noch Zeit für ihre elf Doktoranden. Dies bestätigen auch Timo, Jonas, Louise, Sebastian und Miriam, die zum monatlichen Doktoranden-Seminar in die Klinik gekommen sind. „Einzeltreffen mit Christine haben wir noch häufiger, je nach Stand der Promotionsarbeit manchmal sogar täglich“, berichtet Miriam, die seit Ende 2006 von Voigt betreut wird. Diese projektbezogenen Treffen fänden nach der Dienstzeit statt und seien besonders effektiv – und „danach gehen wir manchmal noch aus.“

Voigts Alltag ist von ständig neuen Herausforderungen und „Szenenwechsel“ geprägt. War sie eben noch im OP, kann man sie schon bald beim Verbandswechsel auf der Station finden oder vertieft in wissenschaftliche Debatten mit ihren Doktoranden.
Voigts Alltag ist von ständig neuen Herausforderungen und „Szenenwechsel“ geprägt. War sie eben noch im OP, kann man sie schon bald beim Verbandswechsel auf der Station finden oder vertieft in wissenschaftliche Debatten mit ihren Doktoranden.
Selbstverständlich profitieren Voigts Doktoranden auch von ihren Erfahrungen, die sie bereits bei zahlreichen Kongressen gesammelt hat und auf denen sie die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten präsentierte. Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) ist Voigt auch als „Miss 3 000“ bekannt, seit sie 2007 als das dreitausendste Mitglied der Gesellschaft auf dem Jahreskongress in Berlin geehrt wurde. „Alle waren wohl ein wenig überrascht, als plötzlich eine Frau das Podium betrat“, erklärt sie und lacht. Auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie lässt auf die „Miss 3 000“ nichts kommen: „Solche Chirurginnen und Chirurgen wie Frau Voigt brauchen wir“, sagte Prof. Dr. med. Hartmut Siebert.

In der DGU ist Voigt vielfältig engagiert. Sie ist nicht nur Schriftführerin der Arbeitsgemeinschaft Arthroskopische Chirurgie, sondern auch des Jungen Forums. „Im Sommer werden wir gemeinsam mit den incoming Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie/ Unfallchirurgie (DGOU) erstmals eine Summer-School analog der im vergangenen Jahr von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie veranstalteten „Summer- School für Chirurgie“ organisieren“, erklärt Voigt. In Freiburg sollen Studierende der klinischen Semester das neue Fach Orthopädie/ Unfallchirurgie in interaktiven Vorlesungen und Hands-on-Workshops kennenlernen.

Zum Abschied nach Tipps für Studierende gefragt, antwortet Voigt: „Wählt ein Fach, das euch interessiert und von dem ihr begeistert seid. Mit Motivation und Engagement stellt sich dann auch der Erfolg ein – ganz gleich, ob man ein Mann oder eine Frau ist.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

„Würden Sie erneut Unfallchirurg werden, wenn Sie jetzt Ihr Studium beenden würden?“
„Die Frage beantworte ich mit einem uneingeschränkten ,Ja’. Das Fach Orthopädie/Unfallchirurgie bietet eine äußerst breite Palette an klinischen konservativen und operativen Tätigkeitsfeldern. Die Wiederherstellung von durch Unfall oder Krankheit zerstörten Organsystemen und Gewebe stellt große Herausforderungen an den Einzelnen sowie das Team, vor allem unter zeitlichem Druck. Es gibt wenig Routine in der Routine. Trotz der modernen Technik, vom Mikroskop bis zum computergestützten Navigieren, bleibt der Unfallverletzte oder Erkrankte im Zentrum ärztlicher Bemühungen, um nicht nur die mechanische, sondern auch die psychische Belastung in den häufig langfristigen Behandlungsplan aufzunehmen.“

Prof. Dr. med. H. R. Siebert, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, Kontakt: office@dgou.de, hsiebert@diaksha.de

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