ArchivMedizin studieren2/2009Rauschtrinken im Kindes- und Jugendalter
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Zusammenfassung Epidemiologie, Auswirkungen und Intervention Episodischer exzessiver Alkoholkonsum im Kindes- und Jugendalter (Rauschtrinken; „binge drinking“) stellt in Deutschland ein relevantes gesundheitliches Problem dar. Neben den möglichen somatischen Komplikationen sind mit dem episodischen exzessiven Alkoholkonsum Verkehrsunfälle und andere Unfälle, Gewalthandlungen sowie Suizide assoziiert. Je häufiger exzessiv konsumiert wird und je jünger die Kinder und Jugendlichen sind, umso größer ist das Risiko für die Entwicklung einer alkoholbezogenen Störung. Motivierende Kurzinterventionen haben sich als wirksam erwiesen, weiterem Rauschtrinken vorzubeugen. In Deutschland wird in einigen Regionen die Intervention „Hart am Limit“ angeboten. Darüber hinaus sollten weitere motivierende Kurzinterventionen entwickelt und evaluiert werden. Schlüsselwörter: Alkoholkonsum, Jugendgesundheit, Alkoholabhängigkeit, Kurzzeittherapie
LNSLNS Nach aktuellen Berichten der Bundesdrogenbeauftragten hat sich die Zahl der Jugendlichen bis 20 Jahre, die aufgrund einer Alkoholvergiftung stationär in einem Krankenhaus behandelt wurden, von 9 500 im Jahre 2000 auf 23 165 im Jahre 2007 mehr als verdoppelt. Ihr Trinkstil des „Rauschtrinkens“ wird medienwirksam als „Komasaufen“ oder „Kampftrinken“ auf „Flatrate- Partys“ beschrieben. Etwa 3 800 dieser Patienten waren zwischen zehn und 15 Jahre alt, besonders zugenommen hat die Gruppe junger intoxikierter Mädchen.

Foto: Photothek
Foto: Photothek
Die Lebenszeitprävalenz für jeglichen Alkoholkonsum lag im Jahr 2007 bei den 15- bis 16-Jährigen bei 95 Prozent, die Zwölfmonatsprävalenz bei 93 Prozent (keine signifikanten Geschlechtsdifferenzen). Pro Woche konsumierte ein durchschnittlicher männlicher 16- bis 17-jähriger Jugendlicher im Jahr 2007 etwa 154 Gramm Alkohol. Das entspricht etwa elf Gläsern Bier à 0,3 l oder 2,5 Flaschen Wein und liegt damit deutlich über dem Konsum weiblicher Jugendlicher.

Im Jahr 2007 hatte den Repräsentativerhebungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge etwa die Hälfte der befragten Jungen und Mädchen bereits im Alter von zwölf Jahren erste Erfahrungen mit Alkohol gesammelt (keine signifikanten Geschlechtsdifferenzen). Die Hälfte der Jugendlichen berichtete von ersten Trunkenheitserlebnissen im Alter von 14 Jahren. Im europäischen Vergleich liegen deutsche Jugendliche im „binge drinking“ zusammen mit niederländischen und dänischen Jugendlichen an der Spitze. Deutlich niedrigere Prävalenzraten zeigen sich in einigen südeuropäischen Ländern.

In westlich orientierten Gesellschaften zählt das Erlernen eines adäquaten Umgangs mit Alkohol zu den obligatorischen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz. Alkoholkonsum demonstriert Autonomie, ein „Schon-Erwachsensein“, und scheint damit die Ablösung von den Eltern zu unterstützen. Weiterhin kann er Jugendlichen bei der vermeintlichen Lösung interpersonaler Entwicklungsaufgaben, wie der Sicherung eines hohen Status in der Peergroup und der Anbahnung erster auch erotischer Kontakte zu Gleichaltrigen dienen. Üblicherweise werden im weiteren Entwicklungsverlauf funktionale soziale Erwachsenenrollen übernommen und exzessive Konsummuster eingestellt („maturing out“).

Ein systematisches Review über die Forschungslage in europäischen Ländern unterscheidet zwei divergierende Motivationsstränge zum „binge drinking“ :
– Gruppe 1 konsumiert in Erwartung von Spaß, aufregenden Erlebnissen, Vergnügung und vereinfachter Sozialkontakte. Soziale Hemmungen sollen überwunden werden, wobei die Erwartung gesteigerter sexueller Aktivitäten eine große Rolle spielt (beide Geschlechter).
– Gruppe 2 trinkt zur Spannungsreduktion, Stressbewältigung und im Sinne einer Selbstmedikation zur Regulierungc negativer Affekte. Nur eine Minderheit setzt einen exzessiven Alkoholkonsum in spätere Altersstufen fort. Bei diesen Jugendlichen treffen lebensgeschichtlich frühe Risikofaktoren mit problematischen Folgen dieser Konsummuster zusammen. Jugendliche, die über „binge drinking“ berichten, konsumieren zudem zu einem hohen Prozentsatz weitere psychotrope Substanzen.

Verkehrsunfälle stellen bei Jugendlichen die Haupttodesursache dar, bei den 15- bis 20 Jährigen ist ein Drittel aller tödlichen Verkehrsunfälle mit Alkoholkonsum assoziiert. Nach Verkehrsunfällen und anderen Unfällen stehen Suizide sowie Folgen von Gewalthandlungen an dritter Stelle der Todesursachen im Jugendalter. Im Zusammenhang mit komorbiden psychischen Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Phobien sowie belastenden Lebensereignissen erhöht „binge drinking“ das Risiko für Suizidversuche und vollendete Suizide. „Binge drinking“ ist ferner mit früher sexueller Aktivität und häufig wechselnden Sexualpartnern assoziiert. Darüber hinaus ist es mit einer höheren Rate ungewollter (Teenage-)Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten, Unfruchtbarkeit und durch Alkoholkonsum belastete Schwangerschaften mit dem Risiko fetaler alkoholbezogener Schädigungen verknüpft. Das Risiko für weibliche Jugendliche, Opfer ungewollter sexueller Aktivitäten zu werden, steigt mit eigenem „binge drinking“ um das etwa Dreifache an.

Durch wiederholte exzessive Trinkereignisse wird das Risiko, eine alkoholbezogene Störung nach ICD-10 (schädlicher Gebrauch/Abhängigkeitssyndrom) zu entwickeln, deutlich erhöht. Als besondere Risikokonstellationen sind neben sozialen und genetischen Faktoren unter anderem ein frühes Einstiegsalter und häufige Trinkereignisse zu nennen. Jugendliche, die vor dem Alter von 15 Jahren beginnen, regelmäßig Alkohol zu konsumieren, haben ein vierfach höheres Risiko, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln, als Jugendliche, die dies erst mit 20 Jahren tun. Wenn es gelingt, den Einstieg in den Alkoholkonsum um fünf Jahre aufzuschieben, reduziert sich das Risiko relevanter alkoholbezogener Probleme um die Hälfte.

Neurobiologische Aspekte
Über eine Wirkungssteigerung des hemmenden Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und eine gleichzeitige Aktivitätsabsenkung des stimulierenden Neurotransmitters Glutamat vermittelt Alkoholkonsum eine Sedierung, die mit dämpfenden Effekten auf kognitive und motorische Fähigkeiten einhergeht. Gleichzeitig ist der Konsum mit einer Steigerung der ZNS-Aktivität in bestimmten Hirnregionen, wie zum Beispiel dem limbischen System, verbunden. Die Ausschüttung von Endorphinen und Dopamin, beide in dem sogenannten Belohnungssystem wirksame Neurotransmitter, wird erhöht. Gedächtnis- und Lernfunktionen werden über die alkoholinduzierte Aktivitätsabsenkung von Glutamat beziehungsweise der verminderten Stimulation eines spezifischen Glutamatrezeptors (N-Methyl- D-Aspartat, NMDA), der mit verbesserter Lern- und Merkfähigkeit in Verbindung steht, beeinträchtigt. Die wiederholte Dämpfung des Glutamat-NMDA-Systems kann zu einer kompensatorischen Übererregbarkeit der NMDA-Rezeptoren in abstinenten Phasen führen. Das ohnehin durch die NMDA-Übererregbarkeit beeinträchtigte System wird durch eine vermehrte Glucocorticoidausschüttung, die durch den jeweiligen Kurzentzug vermittelt wird, zusätzlich unter potenziell toxischen Stress gesetzt. Über diesen Mechanismus kann episodisches „binge drinking“ eine neurotoxische Wirksamkeit entfalten. Kognitive Einschränkungen im verbalen und nonverbalen Bereich sowie Beeinträchtigungen des räumlichen Vorstellungsvermögens, die den Rausch und den Entzug („Kater“) überdauern, können die Folge sein.

Jugendliche zeigen noch über das 21. Lebensjahr hinaus andauernde Hirnreifungsprozesse. Vor allem der präfrontale Kortex und das limbische System (insbesondere Hippocampus und Amygdala) sind von einer verstärkten Myelinisierung und einer Umstrukturierung der Synapsen betroffen. Man nimmt an, dass diese Reifungsprozesse das jugendliche Gehirn anfällig für „neurotoxischen Stress“ machen. Bei Jugendlichen ist der frühe Erstkonsum und mehrjährige Alkoholmissbrauch mit einer konsekutiven Abnahme des Hippocampusvolumens assoziiert. Tierexperimentelle Studien an Nagern haben gezeigt, dass das adoleszente Gehirn im Vergleich zum adulten Gehirn eine besondere Empfindlichkeit gegenüber der Wirkung von Alkohol aufweist und nicht reversible neurodegenerative Schädigungen induziert werden können.

Motivierende Kurzinterventionen
Jugendliche neigen dazu, ihren Trunkenheitsgrad zu unterschätzen und wiederholten exzessiven Alkoholkonsum als harmlos einzustufen. Selbst wenn aus ärztlicher Sicht eindeutig riskante Konsummuster vorliegen, beschreiben sie sich selbst häufig als allenfalls „gelegentliche Partytrinker“. Meist ist die medizinische Behandlung einer Alkoholintoxikation in einer pädiatrischen oder internistischen Notfallambulanz der erste Kontakt zum Hilfesystem. Die Grenzerfahrung der eigenen Verwundbarkeit im Setting der Notaufnahme fördert die Bereitschaft zur Veränderung der riskanten Alkoholkonsummuster, wenn fachgerecht interveniert wird. Klassische Interventionen wie individuelle Beratung in Verbindung mit psychoedukativen Elementen und Selbsthilfegruppen- Angeboten können das Trinkverhalten nicht sicher effektiv modifizieren; sie sind zudem zeitaufwendig und personalintensiv. Als wirksamer erwiesen sich manualisierte Kurzinterventionen mit ein bis vier Sitzungen über jeweils 30 bis 60 Minuten, die durch geschulte Mitarbeiter der Klinik geleitet wurden. Die Interventionen werden nach einem semistrukturierten Leitfaden und mithilfe von Arbeitsblättern durchgeführt. Ein Schwerpunkt wird auf Techniken der motivierenden Gesprächsführung gelegt. Solche Techniken wurden für hoch ambivalente erwachsene Klienten des Suchthilfesystems entwickelt. Motivation ist demnach kein stabiler Zustand, sondern ein veränderbarer und interaktionaler Prozess, der stark durch den Stil des Beraters/Therapeuten beeinflusst wird. Verschiedene kontrollierte Studien konnten die Effektivität von motivierenden Kurzinterventionen („brief motivational interventions“) für Jugendliche und junge Erwachsene belegen, die aufgrund exzessiven Alkoholkonsums in Notaufnahmen behandelt wurden.

Dr. med. Martin Stolle
Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindesund Jugendalters (DZSKJ) Universiätsklinikum Hamburg-Eppendorf Martinistraße 52, 20246 Hamburg E-Mail: M.Stolle@uke.de Langfassung des Beitrags und Literaturverzeichnis unter: www.aerzteblatt.de/09m595

Summary
Episodic excessive alcohol consumption ("binge drinking") among children and adolescents has become a serious public health problem in Germany and is associated with a variety of risks. It is associated not only with somatic complications, but also with traffic accidents and other types
of accident, violent behavior, and suicide. The more frequently a child or adolescent drinks to excess, and the younger he or she is, the greater is the risk of developing an alcohol-related disorder. Brief motivational interventions have been shown to have a beneficial effect in reducing further binge drinking and its complications. The intervention HaLT (Hart am Limit ) is performed in a number of regions in Germany. Further types of brief motivating intervention should be developed and evaluated. Key words: alcohol consumption, adolescent health, alcohol dependence, shortterm treatment
Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Dr. med. Stolle, Dr. phil. Sack, Prof. Dr. med. Tomasius

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